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NOPERAS!
(Freedom Collective)
Besuch am
10. Februar 2024
(Uraufführung)
An Ehrgeiz, Fantasie und Engagement mangelt es dem Freedom Collective beileibe nicht, das jetzt im Gelsenkirchener Musiktheater seine fünfte Produktion vorstellt und damit vielversprechende Impulse für neue Formate des Musiktheaters aufzeigt. NOperas! nennt sich die 75-minütige Performance des fünfköpfigen Kollektivs, das mit immensem technischem Aufwand eine Szenerie entwirft, in der sich Realität und Cyber-Reality vermischen.
Obwohl man sich mit vier Solo-Partien begnügt, nehmen das Bühnenbild, das Orchester sowie Heerscharen von Statisten und Avatare so viel Raum ein, dass für das Publikum fast nur noch die Tribüne des Kleinen Hauses zur Verfügung steht. Die Handlung kreist um eine Liebesgeschichte in einer zukünftigen, von Elektronik und Cyberwesen beherrschten Welt. Librettistin Aleksandar Hut Kono verpackt den Kern allerdings in ein ganzes Paket aktueller Probleme, was die Orientierung ein wenig erschwert. Sexuelle Identität, Organtransplantation, Drogenmissbrauch, Fitness-Hysterie, Doping, anonyme Bürokratie und mit Liebes-Storys verwachsene Eifersüchteleien und Rachepläne bieten viel Stoff für ein relativ knapp dimensioniertes Theaterstück. Fan sucht für ihren Freund Karl, der sich durch Drogenmissbrauch das Herz zerstört hat, einen Spender, den sie in Andrei zu finden glaubt. Die Ärztin Zsuzsi erklärt sich für die OP bereit, möchte aber zugleich ein neu entwickeltes Präparat erproben, das Karl bei einem Boxkampf mit Andrei zum Sieg verhelfen soll, um damit Fördergelder des Ministeriums zu sichern. Es kommt zu diversen überkreuzten Liaisons, in deren Fahrwasser Fan aus Rache beiden Kämpfern die Droge zukommen lässt. Das Experiment ist damit wertlos und als Andrei dann noch dem „weiblichen Geschlecht“ zugewiesen wird, steigt auch das Ministerium aus und das Ende bleibt offen.

Um die Verwirrung in Grenzen zu halten, haben sich Regisseur Heinrich Horwitz und Ausstatterin Magdalena Emmerig eine Menge einfallen lassen. Die vier Protagonisten verharren zunächst auf räumlich weit getrennten Podesten, sind dort wie wilde Tiere angekettet. Hinter drei Podien flimmern bizarre Video-Projektionen von Rosa Wernecke über die Leinwände. Dazwischen wandeln meist in somnambuler Trance die Statisten und Avatare. Im Hintergrund sind etwa zwölf Musiker der Neuen Philharmonie Westfalen angesiedelt, die unter Leitung von Premil Petrović die „analogen“ Klänge der Partitur von Davor Vincze ausführen.
Schroffe, geräuschhafte Töne, die durch ausgedehnte elektronische Klangkulissen gemildert und gleichzeitig ein wenig psychedelisch umsäumt werden. Außerdem sorgen ein paar fetzige Rave-Einlagen für Entspannung. Das alles ist verbunden mit sehr anspruchsvollen Partien für das Solisten-Quartett. Und das bewältigt die Herausforderungen mit bewundernswerter Souveränität. Allesamt sehr jung, gestalterisch agil, stimmlich taufrisch und bestens für die geradezu artistischen vokalen Drahtseilakte vorbereitet, wobei Soyoon Lee als Zsuzsi und Yancheng Chen sogar noch dem Opernstudio NRW angehören. Große Talente wie auch die bewährten Ensemblemitglieder Bele Kumberger als Andrei und Nayun Lea Kim als Fan.
Obwohl die Produktion thematisch ein wenig überladen wirkt, ist das innovative Engagement des Freedom Collective ohne Einschränkung zu begrüßen. Und die Förderung durch das NRW-Kultursekretariat und der Kunststiftung NRW ist ebenso berechtigt wie der Beifall des Publikums.
Pedro Obiera