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Foto © Costin Radu

Rituale um die Mutter Erde

OPEN (S)PACE
(Jeroen Verbruggen)

Besuch am
28. April 2018
(Premiere)

 

Musik­theater im Revier, Gelsenkirchen

Ich will das Publikum überwäl­tigen, dass es aufhört zu denken und endlich anfängt, mit allen Sinnen zu spüren.“ Dieses Credo nimmt man dem Choreo­grafen Jeroen Verbruggen gern ab, wenn man seine Ballett­per­for­mance Open (S)Pace im Gelsen­kir­chener Musik­theater im Revier gesehen hat. Man kann, muss aber auch nicht alles von dem verstehen, was sich in den 70 Minuten abspielt. Doch dass hier archaische Themen um den Zustand und Erhalt der „Mutter Erde“ angeschnitten werden, das spürt man in jedem Moment.

Wenn die dreizehn Tänze­rinnen und Tänzer des Gelsen­kir­chener Ensembles in angedeu­teter Nacktheit orien­tie­rungslos durch den Zuschau­erraum wandeln und langsam die Bühne erobern, um sich zu Stammes- und Kulttänzen zu formieren, fühlt man sich angesichts des urwüchsig-anima­li­schen Kolorits an Strawinskys Sacre du Printemps erinnert. Aller­dings verbreiten die sanften elektro­ni­schen Klänge des Sound­de­si­gners Benjamin Magnin eine erheblich mildere Stimmung. Ein Klang­ge­misch mit minima­lis­ti­schen Anleihen, durch­setzt mit etlichen Zitaten aus Musical, Oper und geist­licher Musik. Ein wenig kunst­ge­werblich klingt das schon, bietet aber genügend Nährstoff für die origi­nellen Tanznummern.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die von Ines Alda gestaltete Bühne ist inmitten des Publikums angesiedelt und als verglaster Oktogon angelegt, der die Tänzer gleicher­maßen einschließt und schützt, jedoch auch immer wieder von ihnen durch­brochen wird. Eine tiefe Grube deutet den Erdmit­tel­punkt an und um den strickt Verbruggen geheim­nis­volle Tänze von sugges­tiver Ausdrucks­kraft. Man weiß nicht, ob hier die Erdmutter beerdigt werden soll oder ein Opfer­ritual angestrebt wird, wenn sich einige Tänze­rinnen dagegen wehren, lebendig begraben zu werden. Es kommt zu kulti­schen Tanzfor­ma­tionen, bei denen die mit Händen greifbare Muttererde von den Körpern der Tänzer Besitz nimmt.

Zurück zur Natur: Ohne jedes Detail erklären zu können, besticht die Perfor­mance durch ihre urwüchsige Sinnlichkeit. Man merkt es dem Ensemble an, mit welcher Begeis­terung es die origi­nellen Aufgaben angeht. Sowohl im Ensemble als auch mit sehens­werten Einzel­leis­tungen, etwa von Rita Duclos, Bridgett Zehr oder Hitomi Kuhara. Für das Reper­toire des Gelsen­kir­chener Tanztheaters ist diese kleine, aber feine Produktion eine echte Berei­cherung, wobei sich die Compagnie in einer so guten quali­ta­tiven Form zeigt, dass es schwer sein wird, für die demnächst schei­dende Ballett­di­rek­torin Bridget Breiner einen gleich­wer­tigen Ersatz zu finden.

Viel Beifall für einen weiteren Leistungs­beweis des Balletts im Revier.

Im Anschluss an die Vorstel­lungen vom 9. Mai und 3. Juni laden übrigens The Droids zu einem Live-DJ-Set im Foyer ein.

Pedro Obiera

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