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DAS RHEINGOLD
(Richard Wagner)
Besuch am
18. Mai 2019
(Premiere am 11. Mai 2019)
Und weiter geht die Ring-Manie, die fast noch zugenommen hat seit dem Jahrtausendwechsel und seit dem Wagner-Jahr 2013. Dieser gigantische Zyklus um Liebe und Macht, Götter und Helden, Anfang und Ende ist nicht nur eine Herausforderung für jedes Theater, sondern eben auch einer der aktuellsten Stoffe. Allerdings sollte sich so langsam jeder Intendant, jeder Opernbetrieb fragen, wie viele Ringe das Land denn braucht. Wie oft möchte man den Niedergang von arroganten und machthungrigen Systemen noch sehen? So genial dieser Zyklus musikalisch wie dramaturgisch auch ist, irgendwann nutzt sich jeder positive Effekt ab. Vielleicht ist es nur Zufall, vielleicht auch dem letzten Heimspiel von Schalke 04 zu „verdanken“, vielleicht ist aber auch ein kleines Warnzeichen, dass bereits die zweite Vorstellung von Das Rheingold erschreckend schlecht besucht ist. Dazu sind viele der Besucher genau so erschreckend unsensibel wie uninformiert. Wer während des Es-Dur-Vorspiels, das von der Neuen Philharmonie Westfalen wirklich hörenswert gespielt wird, redet, sollte besser zuhause bleiben. Das Musiktheater im Revier bleibt sich insofern treu, dass es nur den Vorabend der Tetralogie auf die Bühne bringt – wie schon 2011, da allerdings noch konzertant.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Neuinszenierung ist Chefsache. Intendant Michael Schulz hat den gesamten Ring bereits in Weimar erarbeitet. Den Vorabend wärmt er aber nicht einfach wieder auf, sondern beschreitet mit seinem Team andere Wege. Da geht es vor allem in den ersten beiden Bildern eher turbulent menschlich zu, und wo kann man die menschliche Kommunikation besser beobachten als in einem Zug? Also wuchtet Bühnenbildnerin Heike Scheele den Zug, nämlich den legendären Rheingoldexpress, beziehungsweise einen Teil davon, vorne an die Rampe. Inmitten einer Projektion aus Wasser bewegen sich die Rheintöchter, eine von ihnen hat sogar zeitweise dank Kostümbildnerin Renée Listerdal eine Flosse, und Alberich in und außerhalb des Zuges. Von Anfang an nimmt das Inszenierungsteam Brüche zwischen Realität und Mythos in Kauf, trotzdem oder deswegen hat der Opernabend leider keinen so richtig roten Faden. Dass der Zug im zweiten Bild an der Station Walhall stehen bleibt, überrascht etwas. Konnte ausgerechnet die Deutsche Bahn den Namen vorausahnen, den Wotan erst am Ende der Oper seiner Burg gibt? Über manche Kleinigkeit muss man hinwegsehen, andere dafür genießen, zum Beispiel die ausgefeilte Personenführung von Schulz, die gerade im zweiten Bild einfach genial ist. Bei ihm handeln nicht nur die Figuren, die gerade singen, sondern auch die, die sich gerade im anderen Wagon befinden.

Ab dem dritten Bild heißt es dann Endstation Zeche. Scheele zollt dem Ende des Kohlebergbaus, Kernthema dieser Saison am Musiktheater im Revier, ihren Respekt. Mit viel Bühnentechnik und einer Lore setzt sie das dritte und vierte Bild durchaus gefällig in Szene. Patrick Fuchs steuert sehenswerte Lichttechnik bei und Michael Schulz weiterhin seine lebendige Personenführung, die zunehmend dramatischer wird. Der Streit um die Macht fordert einen Toten, die digitale Zukunft ist ungewiss – ein Moment, der für eine politisch-soziale Aussage nicht mehr mit dem Holzhammer, sondern mit Thors Hammer genutzt wird. „Ihr hattet die Wahl“ steht auf einem Spruchband, das Loge und die Rheintöchter demonstrativ dem Publikum vor die Nase halten.
Die Urgöttin Erda scheint für ihre Warnung von Frickas Körper Besitz zu ergreifen, so dass Almuth Herbst beide Rollen singen kann. Auch wenn dieser Einfall nicht so ganz schlüssig ist, ist er rein musikalisch ein Gewinn, denn Herbst gibt der Fricka einen leicht zickigen, aber nie unangenehmen Beiklang, während die Urwala schön abgerundet mit mystischem Alttimbre daher weht. Respekt für dieses schnelle Umschalten! Zusammen mit ihr ist Cornel Frey der vokale Gewinner des Abends. Einerseits charakterstark und pointiert, anderseits auch mit viel Liebe für die melodischen Phrasen des Feuergottes schöpft der Tenor wohlklingend die Möglichkeiten dieser Rolle vollends aus. Ebenfalls am Kern der Rolle agiert Bastiaan Everink als Göttervater Wotan, dem er einen bruchlosen, sonoren Bassbariton verleiht. Urban Malmberg macht aus der Not des mangelhaften dramatischen Gesangs eine Tugend und zeigt die Abgründe des Alberichs in den leisen Zeilen mit großem Gespür für den Text auf.
Etwas zu leise ist Khanyiso Gwenxane als Froh, rollendeckender ist da Zhive Kremshovski als Donner. Petra Schmidt bewältigt die Freia mühelos und ist zudem auch noch szenisch mit viel Elan dabei. Tobias Glagau holt mit hellem Tenor aus der kleinen Partie des Mime sehr viel heraus. Joachim Gabriel Maaß ist als Fasolt auch vokal der sympathischere Riesenbruder gegenüber dem etwas heiseren Michael Heine als Fafner. Bele Krumberger, Lina Hoffmann und Boshana Milkov eröffnen und beschließen die Oper als schön abgestimmtes Rheintöchterterzett.
Loben muss man Giuliano Bettas sängerfreundliches Dirigat, das dem Text große Wirkungsmöglichkeit einräumt. Konzentriert erarbeitet sich die Neue Philharmonie Westfalen diese Oper, ist für die Sänger eine sichere Begleitung und für die Geschichte ein starker Erzähler, der sowohl in ruhigen Momenten als auch in der dramatischen Zuspitzung die Spannung beibehält.
Da der Zuschauerraum beileibe nicht voll besetzt ist, fällt der Applaus eher ruhig aus. Einige Bravorufer können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Großteil des Publikums am Ende der Aufführung ihren Pflichtteil absolvieren. Aber wie schon oben angesprochen, könnten es auch die ersten Anzeichen dafür sein, dass sich der Ring in Nordrhein-Westfalen abnutzt. Und just in diesem Moment kündigt das Theater Dortmund den Startschuss für sein neues Ring-Projekt in der Regie von Peter Konwitschny ab der Saison 2020⁄21 an.
Rebecca Hoffmann