O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Carole Parodi

Urgewalt in der Urversion

BORIS GODUNOW
(Modest Mussorgski)

Besuch am
28. Oktober 2018
(Premiere)

 

Grand Théâtre de Genève, Opéra des nations

Es ist kein schöner Land in dieser Zeit. Der Empor­kömmling Boris Godunow begeht angeb­lichen Kindesmord, um an die russische Zaren­krone zu gelangen und wird in der Folge nicht nur von seinem schlechten Gewissen eingeholt, sondern auch von einem rachsüch­tigen Mönch. Der Gottesmann aus Polen mit Namen Grigori bringt sich als Thron­folger ins Spiel nimmt dabei die Identität des Ermor­deten an. Das Grand Théâtre Genève präsen­tiert Modest Mussorgskis Oper nach dem gleich­na­migen Drama von Alexander Puschkin in einem Guss und setzt dabei auf die Urfassung des Kompo­nisten von 1869, die seinerzeit bei der Zensur­be­hörde in Ungnade fiel. Das ist ein mutiger Schritt, denn die Gründe für das damalige njet sind heute noch nachvoll­ziehbar: Bei der etwas über zweistün­digen Variante handelt es sich um ein Männer dominiertes Opus, während die später von Mussorgski überar­beitete und 1874 in Petersburg urauf­ge­führte Form auch den Frauen­cha­rak­teren mehr Raum gibt.

Modest Mussorgskis erster Wurf spielt ganz auf die Haupt­figur. Im Zentrum steht mit Boris Godunow ein Mann mit Machtgier aber ebenso großer Verun­si­cherung. Am Schluss wird der Herrscher seinen Ängsten erliegen und als gebro­chene Figur tödlich zusam­men­brechen. Das drückt sich auch in der Musik aus, die den Niedergang von Boris Godunow bereits im Prolog mit reichlich Bombast sowie sakralen Chorge­sängen antizi­piert und im Verlauf einen für diese Zeit kaum gehörten Sog entwi­ckelt. Regisseur Matthias Hartmann findet für die stete Bedrohung eine passende Bildsprache und setzt vornehmlich auf die rudimen­tären Requi­siten von Bühnen­meister Volker Hinter­meier. Sechs modulare wie begehbare Metall­kon­struk­tionen bilden den Rahmen. Die erweisen sich als probater Schachzug, um das in mehreren Bildern angelegte Volks­drama in eine Kathe­drale, ein Kloster oder eine Schänke zu verwandeln. Peter Bandl illumi­niert den Raum mit düsteren Braun- und Rottönen und trans­por­tiert damit eine sinistre Atmosphäre, wie man sie vom Film noir kennt. Ähnlich arbeitete Calixto Bieito 2017 für Sergei Prokofjews Der feurige Engel am Opernhaus Zürich.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Hartmann legt sich bei seiner Lesart zeitlich nicht fest. Das ausge­hende 16. Jahrhundert mit seinen Hungers­nöten, in dem Puschkin sein Drama verortet, ist es zum Glück nicht. Wir sehen ein Russland, das für seinen üblen Macht­miss­brauch genauso gut in der Zeit der späten Sowjet­union oder im Heute mit schwe­lendem Ukraine-Konflikt und erstar­kender Putin-Power angelegt sein könnte. Malte Lübben spielt kostüm­tech­nisch lustvoll mit den Stilepochen, er zeigt die Jugend mit Walkman oder Hockey-Shirt, steckt die Armen in eine tradi­tio­nelle Babuschka-Tracht und lässt die adligen Bojaren ihren Faible für Le Corbusier & Co. ausleben. Mit einem politi­schen Augen­zwinkern ist ein betrun­kener Mönch im ersten Akt angelegt, der zweifelsohne an Schau­spieler Gérard Depardieu erinnert, der wiederum keinen Hehl aus seiner Affinität für den aktuellen Präsi­denten macht. Dank der Wände auf Rollen, die ein wenig an die Feuer­leitern an Manhattans Backstein­wänden erinnern, gibt es genug Platz für den Chor, der in dieser Oper eine zentrale Rolle spielt. Ein monströses ortho­doxes Kreuz und ein leuch­tender kyril­li­scher Schriftzug für Boris wähnt einen unfrei­willig in einer konven­tio­nellen Musical­version von Bernsteins West Side Story. Beim Schwenk ins allzu Anschau­liche kriegt Hartmann die Kurve und gleitet nicht ins Plakative ab. Die großen Effekte erzielt er mit feinem Gespür und minima­lis­ti­schen Mitteln, was sich mitunter negativ in einem Rampen­singen offenbart.

Foto © Carole Parodi

Der Held der Opern­stunde, im Stück ein Antiheld, heißt Mikhail Petrenko. Der Bass ist eine Ideal­be­setzung. Seine Linien­führung ist unange­strengt und zielge­richtet. Petrenkos Stimme hat einen warmen Grundton und verliert im Forte nie an Farben­pracht. Mit offener Kehle, die mühelos in den tiefen Keller geht und dort sonor weiter­klingt, bringt er alle Schat­tie­rungen der gemar­terten Russen­seele zum Ausdruck. Den tiefen Fall vom Macht­men­schen zum Häufchen Elend vollzieht Petrenko mit packender Authen­ti­zität. Diese reife Darstellung wird in Genf von einem bestens aufge­stellten Ensemble flankiert. Keiner von Petrenkos Mistreitern fällt gesanglich ab, auch wenn einzelne Parts klein angelegt sind. Alexey Tikho­minov bietet mit seinem wandel­baren Charak­terbass Paroli und überzeugt auch darstel­le­risch als vagabun­die­render Mönch Varlaam. Serghej Khomov ist als Godunows Gegen­spieler Grigori herrlich intrigant und lässt seinen luziden Tenor derart hell strahlen, dass man ihm die Rolle eines 20-Jährigen auf der stimm­lichen Ebene gerne abnimmt. In dieser Oper der dunkel gefärbten Männer­stimmen sorgen auch die beiden Bässe Vitalij Kowaljow und Oleg Budaratskiy sowie Bariton Roman Burdenko für präch­tiges Brummen und Glühen. Andrei Zorin betört als Schwach­sin­niger mit einem buffo­nesken Tenor, der mit luftigen Kanti­lenen punktet. Klare Akzente setzt auch Tenor Andreas Conrad als Fürst Wassili. Bei den Frauen­cha­rak­teren, allen voran Sopra­nistin Melody Louledjian als Xenia und Mezzo­so­pra­nistin Marina Viotti in der Hosen­rolle des Fiodor, muss man konsta­tieren: Hier schmerzt der Entscheid für die Urversion, man hätte gerne mehr von dieser vokalen Pracht gehört.

Paolo Arriv­abeni gelingt es mit seinem konzisen Dirigat, dieses mehrschichtige Werk, das von der russi­schen Volks­weise über veris­tisch anmutende Leiden­schaft bis hin zu fulmi­nanter Apotheose reicht, in seiner Vielfalt und Dynamik abzubilden. Das Orchestre de la Suisse Romande findet mit Arriv­abeni zur faszi­nie­renden Tonsprache eines Kompo­nisten, der seiner Zeit voraus war und der mit der Harmonik genussvoll experi­men­tierte. Die Spann­breite von wuchtigen Glocken­klängen bis hin zu sehnsüch­tigem Violinen-Flirren macht diesen Mussorgski zu einem infer­na­li­schen und gleich­zeitig intimen Vergnügen. Auf gleich hohem Niveau agiert auch der prominent platzierte Chor der Genfer Stätte unter der präzisen Anleitung von Alan Woodbridge. Er setzt dieser Produktion, die großes Musik­theater bietet, die Krone auf.

Peter Wäch

Teilen Sie O-Ton mit anderen: