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LES HUGUENOTS
(Giacomo Meyerbeer)
Besuch am
1. März 2020
(Premiere am 26. Februar 2020)
Erste Pause: Die ältere Dame schnippt ihren Zigarettenstummel mit Schwung auf den Place de Neuve, den Vorplatz zum Grand Théâtre de Genève. Sie sei nicht abgeholt worden mit den Produktionen, seit Aviel Cahn im Herbst 2019 die Intendanz vom renommierten Haus übernommen hat. Beim Rameau von Lydia Steier sei sie in der Pause gegangen. Ein Herr im gleichen Alter mischt sich in die Diskussion. Er habe bei Mozarts Entführung aus dem Serail den Saal verlassen wollen, aber es habe keine Pause gegeben. Dass eine Grand Opéra wie Les Huguenots in die Calvin-Stadt gehört, in die viele Protestanten geflüchtet sind, verstehen beide gut. Warum die Handlung auf einem Filmset in den 1930-er Jahren stattfindet, erschließt sich ihnen jedoch nicht. Sie könne keinen Bezug herstellen zum Historiendrama, sagt die Abonnentin und bevor sie sich in Richtung Entrée verabschiedet, meint sie: Mal schauen, was noch kommt, und sonst biete ja die Opéra de Lausanne durchaus ansprechende Umsetzungen.
Aviel Cahn hat es sich auf die Fahnen geschrieben, dezidiert ein junges Publikum anzusprechen. Bei einer kürzlich durchgeführten Umfrage bei Jugendlichen, warum sie nicht in die Oper gehen, hieß es unisono, dass sie die verkopften Lesarten nicht verstünden. Macht der Schweizer also keinen guten Job, wenn sich sogar Eingefleischte abwenden?
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Für die Monumentaloper Les Huguenots von Giacomo Meyerbeer gab Aviel Cahn den Auftrag an das renommierte Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito. Bühne und Kostüme verantwortet Anna Viebrock. Ihre Sicht auf die blutrünstige Bartholomäusnacht anno 1572, wo Katholiken und Hugenotten aneinandergerieten, ist ahistorisch. Das engagierte Team verlegt das Libretto von Eugène Scribe und Émile Deschamps in die Zeit jener Goldenen Hollywood-Jahre, in denen in Europa ein Krieg tobte. Eine brenzlige Zeit, in der sich Feuerstürme entzündeten, allerdings aus politischen und nicht aus religiösen Gründen.
Ein Blick ins Regiehandbuch drängt sich auf. Ansonsten wird es selbst geneigten Theaterbesuchern schwer fallen, dem Wirrwarr an Allusionen und Querverweisen zu folgen. Das Filmset erklärt sich insofern, als sich Wieler und Morabito bei Meyerbeers Hugenotten-Drama an Historienfilme erinnert fühlen, wie sie in Hollywood produziert wurden. Dort habe man es auch nicht so genau genommen mit der Realität und flugs eine emotionale Liebesgeschichte hinzugedichtet. Im Fünfakter von 1836 mit vierstündiger Spielzeit geht es in der Tat um eine Love Story, wo frei nach Shakespeare ein Paar am Ende nur noch im Tod zueinander findet. Aus den verfeindeten Familien werden verfeindete religiöse Lager.

Für die Bühne von Anna Viebrock muss man auf eine tiefere Eben gehen, damit sich das Bild erklärt. Das Team ließ sich nämlich im Internationalen Reformationsmuseum in Genf inspirieren. Darum dominieren gotische Säulen und eine hölzerne Balustrade die Szenerie. Die beiden Bauten an der Seite haben allerdings keinen klerikalen Charakter, sondern stellen Transformatoren-Türme dar, wie sie seinerzeit in der Cinecittà zum Einsatz kamen. Das Filmteam taucht sporadisch auf und macht unerklärliche Zeitsprünge, die bis zur Herrschaft von Heinrich VIII. reichen. Zuckende Zombies, die ab und an die Bühne bevölkern, gemahnen an die toten Seelen der gemeuchelten Hugenotten.
Wieler, Morabito und deren Choreografin Altea Garrido mögen es auch aberwitzig. Während des Divertissements, das zu jeder Grand Opéra gehört, überkommt die bedrohten Hugenotten ein stroboskopartiges Zittern. Als ob der Feind Juckpulver verteilt hätte, wird die rhythmische Balletteinlage zum epileptischen Veitstanz, und das geht diesmal auch ohne die Lichteffekte von Martin Gebhardt.
Das ist, mit Verlaub, alles schwacher Tobak. Falls sich hier Zuschauer ausklinken, kann man es ihnen nicht verübeln. Stringenz geht anders. Für diese krude zusammengewürfelte Regiearbeit gibt es ein Ungenügend. Ganz anders für Musik und Gesang: Hier gibt es gerne Bestnoten.
John Osborn ist Raoul de Nangis, der protestantische Edelmann, der sich in die katholische Valentine de Saint-Bris verguckt. Die Rollengestaltung changiert zwischen Witz und Pathos, was die Ernsthaftigkeit dieses Charakters konterkariert. Was hat Slapstick in einem Drama zu suchen? Der Tenor legt dafür alles in seine äußerst flexible Stimme. Osborn formt schnörkellose Gesangslinien und brilliert mit einem vollendeten Legato. Sein Gesang hat etwas Flehentliches, und der feine Stahl in seinem Timbre verliert selbst in betörenden Höhen nicht an Strahlkraft.
Mit Rachel Willis-Sørensen könnte die Partie der Valentine nicht besser besetzt sein. Ihr Sopran hat ein derart dunkel gefärbtes Timbre, dass man glaubt, einen Mezzo zu hören. Die fast schon maskuline Kraft, die Willis-Sørensen einsetzt, wirkt niemals angestrengt. Die Sängerin vermag ebenso im Piano mit subtiler Reduktion zu betören. Als junge Frau zwischen den Fronten wirkt sie authentisch.

Starke Töne kommen auch von Laurent Alvaro, der seinen Comte de Saint-Bris mit baritonaler Grandezza und offener Kehle gibt. Alexandre Duhamel singt als Comte de Nevers in einer ähnlichen Liga. Sein Bariton klingt wohltuend befreit. Michele Pertusi ist als Raouls Diener Marcel die Idealbesetzung. Sein Bass hat Charisma und Fülle. Man nimmt den drei Herren die lodernde Wut auf den jeweiligen Gegner unbedingt ab.
Ana Durlovski erinnert mit ihren flamboyanten Auftritten an die US-Schauspielerin Faye Dunaway oder an Cher auf ihrer Farewell-Tour. Ihr Sopran meistert die vielen Koloraturen als Königin Marguerite de Valois aus dem Effeff. Man denkt an einen barocken Springbrunnen, dessen feine Wasserperlen ein filigranes Muster in den leeren Raum zeichnen. Lea Desandre als ihr Page Urbain hat den Bogen ebenso raus mit den Koloraturen. Ihr Spiel hat Raffinesse. Die weiteren Künstler lassen sich allesamt hören, vor allem Anicio Zorzi Giustiniani sticht mit seinem luziden Tenor hervor.
Alan Woodbridge gelingt mit dem Chor des Grand Théâtre eine Meisterleistung. Meyerbeers opulente Chorpassagen ertönten mit Inbrunst und jagen einem kalte Schauer über den Rücken. Marc Minkowski dirigiert das Orchestre de la Suisse Romande mit eleganter Hand. In den stilleren Momenten wirkt sein Dirigat allerdings einen Tick zu elegisch und mit angezogener Handbremse. Dafür bauscht der Maestro den Apparat in der Dramatik fulminant auf und beweist auf diese Art, dass es bereits vor Verdi eine prickelnde Wucht in der Oper gab.
Laut Schweizer Regierungsbeschluss dürfen wegen des Coronavirus derzeit nur Veranstaltungen mit weniger als 1000 Personen durchgeführt werden. In Genf waren für Meyerbeer schon 300 Leute auf und hinter der Bühne sowie im Graben. Die 700 Zuschauerinnen und Zuschauer, die an diesem Sonntag den besonderen Umständen trotzen, honorieren die musikalische und gesangliche Qualität mit sattem Applaus und Bravorufen. Das Close-up, das im Film intime Augenblicke gewährt, bleibt ihnen jedoch von der Regie verwehrt. Leider.
Peter Wäch