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ROBERTO DEVEREUX
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
23. Juni 2024
(Premiere am 31. Mai 2024)
Die Altstadt von Genf ist an diesem vorletzten Juni-Wochenende voll von Musik: La Fête de la musique de Genève. Der Weg ins Grand Théâtre de Genève geriert sich mit dem Konzert des Saxofon-Quartetts Quatour Amapola im Hof des Rathauses mit kurzminütigen Klassik-Adaptionen von Mozart bis Ligeti zu einem stimmungsvollen Prolog. In wenigen Minuten durch den Le parc des Bastions lärmt ein Trommel-Workshop. Noch lautstark vor den Türen des Grand Théâtre zu hören.
Der klassisch gesäumte Weg, inklusive der enervierenden Trommeln schlägt einen außergewöhnlichen Bogen zu den ersten Takten von Roberto Devereux. Mit drei Paukenschlägen, die das Orchester im Pianissimo jedes Mal versucht zu besänftigen, verweist die Ouvertüre, in der bei geöffnetem Vorhang die Geschichte als Kurzgeschichte erzählt wird, schon auf des Schicksals Lauf. Der nach der Ouvertüre aufbrausende Szenenapplaus wird sich bis zur letzten Arie fortsetzen.
Ahnungsvoll setzt der Grand Théâtre de Genève Chorus,von Mark Biggins szenerelevant vorbereitet, mit E quel sorriso infausto piu del suo pianto ancor – Dieses Lächeln ist noch trauriger als ihre Tränen – ein. Royale Machtpräsenz der Königin Elisabetta und die emotionale Leidenschaft der Frau Elisabetta, die in Liebe zu dem Oberbefehlshaber Roberto Devereux entbrannt ist, sind wie Feuer und Wasser geschieden. Auch die Jugendfreundin von Devereux, Sara, inzwischen verheiratet mit dem Herzog von Nottingham, und der Herzog selbst verbrennen sich dabei nicht nur die Hände.

Die Geschichte der englischen Königsherrschaften, ihre blutigen Machtkämpfe, ihre Intrigen um 1600 haben zeitgenössische Dichter wie William Shakespeare und spätere Komponisten wie Gaetano Donizetti zu künstlerischen Reflexionen veranlasst. Sie hat die Dramaturgie von Schauspiel und Oper unabhängig von der historischen Wahrheit zu Meisterwerken der darstellenden Kunst inspiriert.
Donizettis Opern Anna Bolena, Maria Stuarda und Roberto Devereux, komponiert in den 1830-er Jahren, sind Referenzstücke einer Belcanto-Opernkultur. Zusammengefasst als Tudor-Trilogie, erzählen sie von den royalen Kämpfen um die Königsherrschaft nach den so genannten Rosenkriegen. In der Schlacht von Bosworth 1485 schlägt Henry Tudor Richard III. und besteigt als Heinrich der VII. den englischen Thron.
Das Grand Théâtre de Genève avanciert die drei Opern als Tudor-Trilogie. Von Donizetti ursprünglich so nicht gedacht, konzipiert Mariame Clément zusammen mit Julia Hansen, wie gewohnt zuständig für Bühne und Kostüme, ein ehrgeiziges Opernprojekt mit den in allen drei Opern präsenten Hauptprotagonisten, der Sopranistin Elsa Dreisig, der Mezzosopranistin Stephanie D’Oustrac und dem Tenor Edgardo Rocha. Elizabetta ist in allen drei Opern zentral. Als Kind, Anna Bolena, als Frau im mittleren Alter, Maria Stuarda, und als ältere Frau in der Aufführung von Roberto Devereux.
Donizetti hat die Geschichte um Roberto Devereux in einer Tragedia lirica mit innig gefühlvoller und wie auch mit hochdramatischer Emphase komponiert. Das Libretto von Salvatore Cammarano komprimiert das Geschehen auf eine Ablauffrist von zwei Tagen. Clément inszeniert das entgegen der historischen Tatsachen manipulierte Libretto, wie sie es bezeichnet, in Form eines „magischen Realismus“. Mit pragmatischer Distinktion: „Die Abstraktion der Belcanto-Opern birgt ihre eigene Form des Realismus“.
Cléments Inszenierung forscht den Wegen und Abwegen Elizabettas als erfahrene Monarchin nach, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit geschickt manipuliert. Und wie sie andererseits, verstrickt in ihrer unvollendet bleibenden Liebe zu Devereux und die durch ihr zur Rivalin gewordenen Freundin Sara erfahrene Kränkung, tragisch scheitert. Devereux, Earl of Essex, manövriert sich selbst in die Sackgasse von Politik und Liebe, aus der es keinen Ausweg gibt.
Die Bühnenarchitektur von Hansen ist eine höfische, hallenartige Machdemonstration. Im Hintergrund bilden Bäume einen lichten Wald. Bilder und Bewegtbilder bieten Reflexionshorizonte an. Links und rechts des Bühnenprospekts hängen jeweils identische, aber wechselnde Porträts von Elizabetta. Sie wechseln von königlich demonstrativer Souveränität, wutentbrannter Maskerade, kindlicher Rückblende bis zu Schnee verwehter Versteinerung sowie kurzzeitiger Überblendung mit dem Portrait von Sara. Im Kontrast zu der Herrschaftsarchitektur werden Szenen mit Sara in bürgerlicher Einfachheit wie ein Diapositiv-Rahmen eingeschoben.
Für die Liebesszene von Sara und Roberto findet Clément eine poetisch distinktive Lösung. Im Moment der emotionalen, körperlichen Enthemmung wird das Bühnenlicht gelöscht. Stefano Montanari am Pult des Orchestre de la Suisse Romande setzt eine Generalpause. Fortsetzend mit dem folgenden Takt kleiden sich die Liebenden wieder an. Eine feinsinnige Gestaltung, die ohne die mitunter das Ordinäre streifende Dramaturgie mancher Aufführungen anderenorts auskommt.
Donizettis Oper, ein Spiel mit Vieren, erreicht seinen theatralisch retardierenden Höhepunkt mit Robertos schmerzvoller, vergeblich hoffender Arie A te diro, negli ultimi singhiozzi. Edgardo Rochas Tenor klirrt und schwirrt in klangschöner Verzweiflung. Eine überzeugende Rollengestaltung, die mehrmals von Szenenapplaus unterbrochen wird.

Mit Elisabetta hat Donizetti eine Gesangspartie komponiert, die dem Sopran eine anstrengende musikalische Wanderung auferlegt. Hinauf auf den Berg bis in die höchsten Lagen eines mehrfach gestrichenen C und wieder hinab an die gutturalen Grenzen eines Mezzosoprans. Die Untiefen sind dabei gewaltig. Kein kontrolliertes Wandern im Takt, sondern musikalische Fallhöhen inmitten eines Taktes sind zu antizipieren. Das verlangt professionelle Extraklasse von temperierter Stimmführung und situativer Reaktionsfähigkeit.
Elsa Dreisig gehört spätestens seit ihrer Auszeichnung als Nachwuchskünstlerin 2015 und ihrer Arbeit im Opernstudio der Staatsoper Berlin 2015 bis 2017 zu den interessantesten Koloratursopranistinnen ihrer Generation. Als Elisabetta wird sie dem in der gesanglichen Gestaltung sowohl technisch als auch in der geistigen Durchdringung souverän und scheinbar mühelos mehr als gerecht. Überaus kraftvoll, ausdrucksstark und überzeugend schon mit ihrer ersten Arie Alle fervide preci. Nicht nur Hören, auch Sehen, ist ab sofort Pflicht. Kaum, dass der letzte Ton ihrer Arie Lutto e pianto son per me! verklungen ist, brandet frenetischer Bravo-Applaus auf.
Der Sopran von Stéphanie d’Oustrac als Sara, Duchess of Nottingham, warm und voll im Klang, ausdrucksstark kontrastierend, verbindet sich mit dem von Dreisig in einer tragisch gefärbten Schicksalsgemeinschaft. D’Oustrac spielt und singt mit einer sportiv biegsamen Geschmeidigkeit. Den schattig changierenden Charakter Saras formt sie mit authentischer Inspiration.
Der Vierte im Bunde, der sich selbst in den Abgrund reißt, ist der Herzog von Nottingham. Einst Freund und Vertrauter von Roberto Devereux, der auf den gerechten Gott des Neuen Testaments vertraut, fühlt er sich jetzt von ihm hintergangen. Der Bass von Nicola Alaimo moduliert einen aussichtslos Verzweifelten. Seine allumfassende Bühnenpräsenz zusammen mit seiner gesanglichen Ausdruckskraft prägt wesentlich die Aufführung. Anfangs hoffnungsvoll, brüderlich und unverbrüchlich, später blutrünstig bis brutal bebend. Alaimos Auftritt wird vom Publikum mit von großer Sympathie getragenem Szenenapplaus honoriert. Mit seiner geschmeidigen Bass-Klangfarbigkeit eine ideale Besetzung der widersprüchlichen Rolle.
Stefano Montanari, ein in vielen Opernaufführungen gestählter Dirigent, beweist an diesem Abend mit dem Orchestre de la Suisse Romande immer wieder, dass er nicht nur eine genaue Vorstellung von seinem Donizetti hat. Er zeigt eine musikalische Sensibilität, die die Lichter der Partitur zum Strahlen bringt. Und er hat die dirigistische Souveränität, die vom Publikum erzwungenen Applaus-Generalpausen elegant für den Übergang in die folgende Szene zu nutzen.
Peter E. Rytz