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Wenn die Wiener in ihrem Carl Zeller, neben Franz von Suppe, Johann Strauß Sohn und Karl Millöcker, den vierten ihrer Operettenklassiker der „Goldenen Ära“ sehen, so hat wohl bis auf den heutigen Tag vor allem seine erfolgreichste Operette Der Vogelhändler den entscheidenden Anteil an dieser Wertschätzung. Moritz West und Ludwig Held haben die urwüchsige und volkstümliche Handlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Rheinpfalz angesiedelt. Uraufgeführt am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien, ist der Vogelhändler bis heute eine der meistgespielten Operetten. Das liegt natürlich auch am Bekanntheitsgrad vieler Ohrwürmer wie Grüß euch Gott, alle miteinander, Ich bin die Christel von der Post, Schenkt man sich Rosen in Tirol und Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr sowie zwei Verfilmungen. Die Geschichte ist natürlich heiter, etwas frivol und etwas banal: In einem pfälzischen Dorf am Rhein herrscht große Aufregung: Der Kurfürst hat sich zur Jagd angesagt. Er möchte ein Wildschwein erlegen und eine Jungfrau empfangen. Mit beidem kann die frivole Gemeinde nicht dienen. Deshalb ist Baron Weps, der Jägermeister des Kurfürsten bereit, gegen ein hohes Bestechungsgeld dem Kurfürsten ein zahmes Hausschwein und eine Witwe vorzuführen. Da wird die Jagd abgesagt. Die plötzliche Jagd-Absage des Kurfürsten ist fatal, denn Weps spekulierte auf ein Sümmchen aus der Gemeindekasse zur Schuldentilgung seines Neffen Stanislaus. Der Jägermeister, der das Geld nicht zurückgeben möchte, stellt deshalb seinen Neffen Stanislaus als Kurfürsten vor. Währenddessen trifft die Kurfürstin ein, um, als Bauernmädchen verkleidet, ihren Gatten in flagranti zu erwischen. Gleichzeitig kommt der Tiroler Vogelhändler Adam an, um seine Braut Christel zu besuchen. Diese wiederum möchte beim Kurfürsten eine Stellung für Adam erbitten. Es beginnt ein fröhliches Spiel der Verwechslungen, Eifersüchteleien und Liebelei. Viel Komik entsteht, wenn die höfisch-aristokratische Welt der Kurpfalz auf das Milieu eines Bauerndorfes trifft und jeder die anderen hinters Licht führen oder deren wahre Neigungen und Absichten ergründen möchte.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Dementsprechend ist die Erwartungshaltung an ein Theater, dass diese Operette auf die Bühne bringt, besonders hoch. Regisseur Bernhard Stengele war fünf Jahre lang Schauspieldirektor bei Theater und Philharmonie Thüringen und kehrte nun als Regisseur an das Haus zurück. Bereits in der vergangenen Spielzeit brachte er den Vogelhändler am Theater Altenburg zur Aufführung. Für Stengele ist die Freude ein Grundrecht, die er sowohl bei den Darstellern als auch beim Zuschauer sehen möchte. Nun kommt Stengele vom Schauspiel, und naturgemäß liegt sein Schwerpunkt auf den Texten, den Dialogen, die mit dem Bühnen- und Kostümbildner Kristopher Kempf umgeschrieben wurden. Und genau daran krankt die Inszenierung. Aus einem banalen Stück kann man kein großes Schauspieldrama machen, das wirkt dann doch sehr aufgesetzt. Wenn Judith Christ, die Darstellerin der Adelaide, in privaten Kleidern auf die Bühne stürmt, sich über den Anfahrweg von 400 Kilometern mokiert und über die Idioten auf der Autobahn schimpft und dann fragt, welches Stück heute gespielt wird, dann mag das der eine oder andere als witzig empfinden, aber echte Komik geht anders.

Wenn die Christel in ihren Dialogen das R bis zum St. Nimmerleinstag rollt, jedes Wort wie in der Schauspielgrundschule betont, dann vergeht eigentlich die Lust auf heitere Freude. Und das Stengele sich der aktuellen MeToo-Debatte anschließt, und das Stück von allen Zoten und frauenfeindlichen Texten befreit, ist natürlich ehrenwert, aber es wirkt alles aufgesetzt, gekünstelt und passt nicht zu einem heiteren Operettenabend. Sein Adam ist nicht mehr der stolze Tiroler Naturbursch, der etwas hemdsärmelig daherkommt, sondern ein Typ, der Angst hat, seine emanzipierte und selbstbewusste Christel zu verlieren. Mehr Softie als Macho. Insgesamt sind die Rollen alle verkehrt. Die Frauen haben im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen an, nur Stanislaus muss zur vermeintlichen Verlobung einen Rock tragen. Dafür bleibt die Rolle der Kurfürstin extrem blass. Witzig dagegen Adams erster Auftritt. Seine bunten Vögelchen sind zwei erotisch gekleidete Damen, die natürlich zu allerlei Fantasie einladen. Das soll es aber schon mit den frivolen Gedanken gewesen sein. Köstlich auch das Duett der beiden Professoren Süffle und Würmchen am reich gedeckten Buffettisch, hier werden alle Operettenklischees im komischen Sinne bedient.
Dass Stengele nebenbei ein persönliches Leitbild für die Probenarbeit zum Vogelhändler entwickelt hat, sei nicht unerwähnt. Unter Punkt 2 heißt es: Das Publikum erwartet leichte Unterhaltung, Humor und Kurzweil – versuch, es nicht zu enttäuschen. Die Umsetzung genau dieses Punktes ist aber nur ansatzweise gelungen. Bühnenbild und Kostüme von Kristopher Kempf folgen einerseits der Stengelschen Lesart, bieten aber auch teilweise was fürs Auge. Der Raum entspricht im weitesten Sinne einem englischen Herrenclub mit dunkler Holztäfelung und olivgrüner Tapete, die sich dann in Baumverästelungen öffnet.

Die Herren sind klassisch operettenhaft kostümiert, mit Biedermeierfräckchen und Perücken, während die Tiroler in bunter Tracht daher kommen. Christels quietschgelbe Uniform im ersten Akt ist ein echter Hingucker, während die Frauen im Laufe der Operette sich von ihren Landkleidern befreien und am Schluss in eleganter Abendgarderobe dastehen, letztendlich haben sie sprichwörtlich die Hosen an. Das alles ist nett anzuschauen, aber vom Sessel kann einen diese Inszenierung schon aufgrund der überstrapazierten Dialoge nicht hauen.
Musikalisch und sängerisch ist ganz ordentlich, was das Ensemble der Theater und Philharmonie dort auf die Bühne bringt. János Ocsovai gibt den Vogelhändler Adam zwar mit großer Geste, doch stimmlich fehlt sowohl der tenorale Glanz als auch die Strahlkraft in den großen und bekannten Arien, die ein jeder im Ohr hat. Miriam Zubieta weiß mit hohem Koloratursopran zu überzeugen, doch bei den Dialogen übertreibt sie es ein wenig. Anne Preuß gibt die Kurfürstin zwar mit schönem Sopran, doch spielerisch bleibt sie blass. Judith Christ weiß durch physische Präsenz und kräftigen Mezzosopran als Adelaide zu überzeugen. Johannes Beck gibt den gelackten Baron Weps mit großer Geste und wohltönendem Bariton. Timo Rößner als Graf Stanislaus weiß mit schmeichelndem Tenor zu gefallen, und Florian Neubauer lässt als Dorfschulze Schneck stimmlich und spielerisch aufhorchen. Unschlagbar komisch sind Kai Wefer und Ulrich Barduck im Duett als Prof. Süffle und Prof. Würmchen. Der Opernchor nebst Chorgästen ist von Ueli Häßler und Gerald Krammer gut einstudiert und zeigt große Spielfreude, während sich einzelne Stimmen manchmal etwas zu schrill anhören.
Thomas Wicklein am Pult des Philharmonischen Orchesters Altenburg-Gera hat die Partitur gut im Griff und begleitet Sänger und Chor mit großem Engagement und Gefühl für die besonderen Momente. Das altersmäßig sehr gemischte Publikum ist am Schluss begeistert, es gibt großen Jubel für Orchester, Chor und das Ensemble. Und obwohl das Voting des Publikums eindeutig ist, bleibt in der Gesamtbetrachtung doch ein Gefühl der Enttäuschung zurück. Das von Stengele geforderte Grundrecht auf Freude stellt sich dann doch nicht bei jedem ein.
Andreas H. Hölscher