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Foto © Ronny Ristok

Freude ist ein Grundrecht

DER VOGELHÄNDLER
(Carl Zeller)

Besuch am
24. Mai 2019
(Premiere)

 

Bühnen der Stadt Gera

Wenn die Wiener in ihrem Carl Zeller, neben Franz von Suppe, Johann Strauß Sohn und Karl Millöcker, den vierten ihrer Operet­ten­klas­siker der „Goldenen Ära“ sehen, so hat wohl bis auf den heutigen Tag vor allem seine erfolg­reichste Operette Der Vogel­händler den entschei­denden Anteil an dieser Wertschätzung. Moritz West und Ludwig Held haben die urwüchsige und volks­tüm­liche Handlung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts in der Rhein­pfalz angesiedelt. Urauf­ge­führt am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien, ist der Vogel­händler bis heute eine der meist­ge­spielten Operetten. Das liegt natürlich auch am Bekannt­heitsgrad vieler Ohrwürmer wie Grüß euch Gott, alle mitein­ander, Ich bin die Christel von der Post, Schenkt man sich Rosen in Tirol und Wie mein Ahn’l zwanzig Jahr sowie zwei Verfil­mungen. Die Geschichte ist natürlich heiter, etwas frivol und etwas banal: In einem pfälzi­schen Dorf am Rhein herrscht große Aufregung: Der Kurfürst hat sich zur Jagd angesagt. Er möchte ein Wildschwein erlegen und eine Jungfrau empfangen. Mit beidem kann die frivole Gemeinde nicht dienen. Deshalb ist Baron Weps, der Jäger­meister des Kurfürsten bereit, gegen ein hohes Bestechungsgeld dem Kurfürsten ein zahmes Hausschwein und eine Witwe vorzu­führen. Da wird die Jagd abgesagt. Die plötz­liche Jagd-Absage des Kurfürsten ist fatal, denn Weps speku­lierte auf ein Sümmchen aus der Gemein­de­kasse zur Schul­den­tilgung seines Neffen Stanislaus. Der Jäger­meister, der das Geld nicht zurück­geben möchte, stellt deshalb seinen Neffen Stanislaus als Kurfürsten vor. Während­dessen trifft die Kurfürstin ein, um, als Bauern­mädchen verkleidet, ihren Gatten in flagranti zu erwischen. Gleich­zeitig kommt der Tiroler Vogel­händler Adam an, um seine Braut Christel zu besuchen. Diese wiederum möchte beim Kurfürsten eine Stellung für Adam erbitten. Es beginnt ein fröhliches Spiel der Verwechs­lungen, Eifer­süch­te­leien und Liebelei. Viel Komik entsteht, wenn die höfisch-aristo­kra­tische Welt der Kurpfalz auf das Milieu eines Bauern­dorfes trifft und jeder die anderen hinters Licht führen oder deren wahre Neigungen und Absichten ergründen möchte.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dementspre­chend ist die Erwar­tungs­haltung an ein Theater, dass diese Operette auf die Bühne bringt, besonders hoch. Regisseur Bernhard Stengele war fünf Jahre lang Schau­spiel­di­rektor bei Theater und Philhar­monie Thüringen und kehrte nun als Regisseur an das Haus zurück. Bereits in der vergan­genen Spielzeit brachte er den Vogel­händler am Theater Altenburg zur Aufführung. Für Stengele ist die Freude ein Grund­recht, die er sowohl bei den Darstellern als auch beim Zuschauer sehen möchte. Nun kommt Stengele vom Schau­spiel, und natur­gemäß liegt sein Schwer­punkt auf den Texten, den Dialogen, die mit dem Bühnen- und Kostüm­bildner Kristopher Kempf umgeschrieben wurden. Und genau daran krankt die Insze­nierung. Aus einem banalen Stück kann man kein großes Schau­spiel­drama machen, das wirkt dann doch sehr aufge­setzt. Wenn Judith Christ, die Darstel­lerin der Adelaide, in privaten Kleidern auf die Bühne stürmt, sich über den Anfahrweg von 400 Kilometern mokiert und über die Idioten auf der Autobahn schimpft und dann fragt, welches Stück heute gespielt wird, dann mag das der eine oder andere als witzig empfinden, aber echte Komik geht anders.

Foto © Ronny Ristok

Wenn die Christel in ihren Dialogen das R bis zum St. Nimmer­leinstag rollt, jedes Wort wie in der Schau­spiel­grund­schule betont, dann vergeht eigentlich die Lust auf heitere Freude. Und das Stengele sich der aktuellen MeToo-Debatte anschließt, und das Stück von allen Zoten und frauen­feind­lichen Texten befreit, ist natürlich ehrenwert, aber es wirkt alles aufge­setzt, gekünstelt und passt nicht zu einem heiteren Operet­ten­abend. Sein Adam ist nicht mehr der stolze Tiroler Natur­bursch, der etwas hemds­är­melig daher­kommt, sondern ein Typ, der Angst hat, seine emanzi­pierte und selbst­be­wusste Christel zu verlieren. Mehr Softie als Macho. Insgesamt sind die Rollen alle verkehrt. Die Frauen haben im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen an, nur Stanislaus muss zur vermeint­lichen Verlobung einen Rock tragen. Dafür bleibt die Rolle der Kurfürstin extrem blass. Witzig dagegen Adams erster Auftritt. Seine bunten Vögelchen sind zwei erotisch gekleidete Damen, die natürlich zu allerlei Fantasie einladen. Das soll es aber schon mit den frivolen Gedanken gewesen sein. Köstlich auch das Duett der beiden Profes­soren Süffle und Würmchen am reich gedeckten Buffet­tisch, hier werden alle Operet­ten­kli­schees im komischen Sinne bedient.

Dass Stengele nebenbei ein persön­liches Leitbild für die Proben­arbeit zum Vogel­händler entwi­ckelt hat, sei nicht unerwähnt. Unter Punkt 2 heißt es:  Das Publikum erwartet leichte Unter­haltung, Humor und Kurzweil – versuch, es nicht zu enttäu­schen. Die Umsetzung genau dieses Punktes ist aber nur ansatz­weise gelungen. Bühnenbild und Kostüme von Kristopher Kempf folgen einer­seits der Stengel­schen Lesart, bieten aber auch teilweise was fürs Auge. Der Raum entspricht im weitesten Sinne einem engli­schen Herrenclub mit dunkler Holztä­felung und olivgrüner Tapete, die sich dann in Baumver­äs­te­lungen öffnet.

Foto © Ronny Ristok

Die Herren sind klassisch operet­tenhaft kostü­miert, mit Bieder­mei­er­fräckchen und Perücken, während die Tiroler in bunter Tracht daher kommen. Christels quietsch­gelbe Uniform im ersten Akt ist ein echter Hingucker, während die Frauen im Laufe der Operette sich von ihren Landkleidern befreien und am Schluss in eleganter Abend­gar­derobe dastehen, letzt­endlich haben sie sprich­wörtlich die Hosen an. Das alles ist nett anzuschauen, aber vom Sessel kann einen diese Insze­nierung schon aufgrund der überstra­pa­zierten Dialoge nicht hauen.

Musika­lisch und sänge­risch ist ganz ordentlich, was das Ensemble der Theater und Philhar­monie dort auf die Bühne bringt. János Ocsovai gibt den Vogel­händler Adam zwar mit großer Geste, doch stimmlich fehlt sowohl der tenorale Glanz als auch die Strahl­kraft in den großen und bekannten Arien, die ein jeder im Ohr hat. Miriam Zubieta weiß mit hohem Kolora­tur­sopran zu überzeugen, doch bei den Dialogen übertreibt sie es ein wenig. Anne Preuß gibt die Kurfürstin zwar mit schönem Sopran, doch spiele­risch bleibt sie blass. Judith Christ weiß durch physische Präsenz und kräftigen Mezzo­sopran als Adelaide zu überzeugen. Johannes Beck gibt den gelackten Baron Weps mit großer Geste und wohltö­nendem Bariton. Timo Rößner als Graf Stanislaus weiß mit schmei­chelndem Tenor zu gefallen, und Florian Neubauer lässt als Dorfschulze Schneck stimmlich und spiele­risch aufhorchen. Unschlagbar komisch sind Kai Wefer und Ulrich Barduck im Duett als Prof. Süffle und Prof. Würmchen. Der Opernchor nebst Chorgästen ist von Ueli Häßler und Gerald Krammer gut einstu­diert und zeigt große Spiel­freude, während sich einzelne Stimmen manchmal etwas zu schrill anhören.

Thomas Wicklein am Pult des Philhar­mo­ni­schen Orchesters Altenburg-Gera hat die Partitur gut im Griff und begleitet Sänger und Chor mit großem Engagement und Gefühl für die beson­deren Momente. Das alters­mäßig sehr gemischte Publikum ist am Schluss begeistert, es gibt großen Jubel für Orchester, Chor und das Ensemble. Und obwohl das Voting des Publikums eindeutig ist, bleibt in der Gesamt­be­trachtung doch ein Gefühl der Enttäu­schung zurück. Das von Stengele gefor­derte Grund­recht auf Freude stellt sich dann doch nicht bei jedem ein.

Andreas H. Hölscher

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