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WEIHNACHTSKONZERT
(Diverse Komponisten)
Besuch am
22. Dezember 2024
(Einmalige Aufführung)
Es ist ein nasser und ungemütlicher vierter Advent im unterfränkischen Gerolzhofen, doch in der wohlig geheizten Pfarrkirche, von den Einheimischen auch liebevoll Steigerwald-Dom genannt, steht ein besonderes Vorweihnachtskonzert auf dem Plan. Nach dem unsäglichen Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt fällt es schwer, sich auf ein Konzert zu Weihnachten einzulassen. Aber auch hier überwindet die Musik die trüben Gedanken und beseelt die Menschen so kurz vor Weihnachten.
Über 60 Mitwirkende haben sich im Altarraum versammelt, um das anspruchsvolle Konzert zu veranstalten. Das Kammerorchester besteht aus fünfzehn Musikern, hinzu kommen gut vierzig Chorsänger, vier Solisten, eine Organistin und als besonderes Soloinstrument ein Hirtenhorn. Eröffnet wird das Weihnachtskonzert mit der Pastorella in G von Antonin Neumann. Der eher unbekannte mährische Komponist des 18. Jahrhunderts war Musikdirektor der Kathedrale in Olmütz. Eines seiner bekanntesten Werke ist die Pastorella für tuba pastorum, dem Hirtenhorn, einem Naturinstrument, das aus zwei ausgehöhlten Hälften eines kleinen Stammes zusammengeleimt und mit Rinde umwickelt ist. Franz Schüssele zeigt seine Klasse an dem Instrument, solistisch begleitet von zwei Violinen und Sylvia Sauer an der Orgel.

Nach dem melodischen und stimmungsvollen orchestralen Einstieg in das Konzert kommen die Solisten zu Wort. Es erklingt das Ave Maria in einer schlichten Vertonung von Ignaz Reimann für Sopran, Streichquartett und Orgel. Jennifer Wittmann-Müller interpretiert die Version mit schönem lyrischem Sopran und leuchtenden Höhen. Dann erklingt eines der bekanntesten Stücke der Weihnachtszeit, Bereite dich Zion aus dem Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Nachdem der bewegende Film über die Entstehung des Weihnachtsoratoriums erst vor wenigen Tagen im Fernsehen lief, war die Vorfreude auf diese Arie besonders groß, und die Altistin Tetje Grießmann singt sie mit warmem Timbre. Ebenfalls aus dem Weihnachtsoratorium stammen Rezitativ So geht! – genug. Mein Schatz geht nicht von hier und Arie Nun mögt ihr stolzen Feinde schrecken. Tenor Oliver Kringel geht die Arie sehr lyrisch an, doch in den Höhen wird die Stimmführung sehr eng. Diese Arie von Bach singt sich nicht so leicht, für Kringel ist sie an diesem Abend eine Nummer zu groß.
Dafür überzeugt Michael Albert mit einem balsamisch wohlklingenden Bass, der das ganze Kirchenschiff ausfüllt. Doch nicht die große Bass-Arie Großer Herr und starker König aus dem Weihnachtsoratorium folgt, wie man hätte meinen können, sondern die genauso beeindruckende Arie O heilige Nacht aus der Weihnachtskantate In dulci jubilo von Georg Philipp Telemann.
Dann kommt erstmals der Projektchor des Pastoralen Raums Gerolzhofen zum Einsatz. Der Englische Gruß entstammt der Sammlung Sechs Marienlieder op. 22 von Johannes Brahms und ist ein Chorlied a capella für gemischten Chor. Das nicht einfach zu singende Stück meistert der Chor, der nur aus Laiensängern besteht, mit Bravour.
In diesem Jahr hat die Musikwelt den 200. Geburtstag von Anton Bruckner gefeiert. Sein Tota pulchra es Maria beruht auf einem alten christlichen Gebet aus dem vierten Jahrhundert. Bruckner hat vertont für Tenor, gemischten Chor, an einer Stelle sogar neunstimmig, und natürlich mit Orgelbegleitung. Es ist auch das einzige Stück, für das die Kirchenmusikerin und Organistin Sauer ihre Truhenorgel im Altarraum verlässt und sich auf der Empore an die Winterhalter-Orgel setzt. Im letzten Jahr feierte die wunderbare und klangschöne Orgel mit drei Manualen, Pedal und 36 Registern ihr 25-jähriges Jubiläum. Das selten aufgeführte Werk Bruckners mit der wuchtigen Orgelbegleitung ist einer der Höhepunkte des Weihnachtskonzertes.
Denn er hat seinen Engeln befohlen ist eine Motette für achtstimmigen Chor a cappella von Felix Mendelssohn Bartholdy. Er schrieb es 1844 für den Chor des Berliner Doms, den er ab 1843 leitete. Er vertonte dafür die Verse 11 und 12 aus dem Psalm 91. Später machte Mendelssohn die Motette mit Orchesterbegleitung zu einem Teil seines Oratoriums Elias, als 7. Satz. Der Projektchor singt die Motette sehr ausgewogen und stimmdifferenziert.

Höhepunkt des Weihnachtskonzertes ist zweifelsohne die Missa pastoralis, die so genannte Büffelmesse des Komponisten Johann Chrysostomus Drexel. 1758 bei Landsberg am Lech geboren, war Drexel von 1789 bis 1801 Musikdirektor und Kapellmeister am Augsburger Dom. Er ist Schöpfer eines umfangreichen Oeuvres bisher unbekannter geistlicher und weltlicher Musik, entstammt der hochstehenden kirchenmusikalischen Kultur des prächtigen Augustiner-Chorherrenstifts Dießen am Ammersee und war Schüler von Michael Haydn in Salzburg. Die Musikbibliothek des Benediktinerklosters im schweizerischen Einsiedeln überliefert den handschriftlichen Stimmensatz der im Konzert aufgeführten Messe. Außergewöhnlich ist dabei ein Blatt, das überschrieben ist mit der Instrumentenbezeichnung „Hirten Horn oder Büffel in F“. Diese obligate Stimme veranlasste die Herausgabe unter dem Titel Büffelmesse. Obgleich in der wiederentdeckten Pastoralmesse des oberbayerischen Mozart-Zeitgenossen der Bezug zur Natur offenkundig ist, ist ihr Name weniger im Bereich des Animalischen als im Musikalischen angesiedelt. Denn „Büffel“, eine volksetymologische Umdeutung des Begriffs „Büchel“, abgeleitet aus dem lateinischen Begriff bucina für Heerestrompete, meint eine gewundene Holztrompete, die ebenso wie das stockförmige Hirtenhorn oder das längere Alphorn einen Ausschnitt der Naturtonreihe wiedergibt. In diesem Werk begleitet das Hirtenhorn mit Ausnahme des Benedictus alle Sätze – Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus Dei – mit seinen markanten Passagen. Die etwa 17-minütige Messe vereint Orchester, Chor und Solisten zu einem strahlenden musikalischen Gebilde mit dem Sanctus als musikalischem Höhepunkt. Die unbekannte Messe darf zurecht als Entdeckung des Abends gefeiert werden. Auch die Solisten dürfen in der Messe noch einmal glänzen, herausragend dabei das Duett von Sopran und Alt. Das Zusammenwirken mit dem Orchester und dem vierstimmigen Chor sowie dem Solistenquartett lässt an diesem Abend ein musikalisches Kleinod erstehen, dessen Kolorit so recht geeignet ist, das Hirtenambiente der Heiligen Nacht zu zeichnen.
Zum Abschluss steht dann noch ein gemeinsam gesungenes Weihnachtslied auf dem Programmzettel. Engel auf den Feldern singen, das von allen Anwesenden voller Inbrunst angestimmt wird. Als Zugabe wiederholt der Chor noch einmal das Sanctus aus der Büffelmesse. Langanhaltender Applaus ist der verdiente Lohn für ein berührendes und besonderes Weihnachtskonzert vom Projektchor Gerolzhofen, dem Kammerorchester und den Solisten unter der einfühlsamen Leitung von Karl-Heinz Sauer.
Das Konzert war eine festliche Einstimmung auf das bevorstehende Weihnachtsfest, und die Gesichter der vielen Besucher strahlten am Ende. Das war wirklich eine barocke Vorweihnacht.
Andreas H. Hölscher