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Akustisches Scharmützel

EIN HERBSTMANÖVER
(Emmerich Kálmán)

Besuch am
5. November 2017
(Premiere am 28. Oktober 2017)

 

Stadt­theater Gießen

Seit Jahrzehnten, sagt das Stadt­theater Gießen, ist die Operette Ein Herbst­ma­növer, die für ihren Kompo­nisten Emmerich Kálmán den Durch­bruch bedeutete, in Deutschland nicht mehr aufge­führt worden. Das holen die Gießener nun besonders aufwändig nach. Bevor die Produktion überhaupt begann, fanden Recherchen in den Archiven von Budapest, Wien und den USA statt. Regisseur Balázs Kovalik ließ für Gießen eine neue Partitur erstellen, die die beiden Urfas­sungen aus Ungarn 1908 und Wien ein Jahr später sowie ein bislang nicht aufge­führtes Duett und ein Klavierlied berück­sich­tigte. Damit dauert die Aufführung satte drei Stunden.

Vorder­gründig befasst sich die Operette mit einem Herbst­ma­növer, das die damaligen Natio­nal­helden, die Husaren, in der Nähe eines Schlosses durch­führen wollen. Die Schloss­herrin lädt Damen ins Schloss, um ihnen die Gelegenheit zu geben, dem Manöver beizu­wohnen – oder seinen Rander­schei­nungen. Ein wunder­bares Tableau für Märsche, Bälle, viel Champagner, Komik, Erotik, also allem, was den Rahmen einer guten Operette ausmacht. Erst allmählich schält sich die Tragödie zwischen Baronin Riza von Marbach und Oberleutnant von Lörenthy heraus, in deren Fronten Treszka, die attraktive Tochter des Feldmar­schall-Leutnants von Lohonnay, des Oberbe­fehls­habers des Schein­ma­növers, gerät. Mit all seinen Neben­hand­lungen ein großar­tiger Stoff, um eine satte, lebendige, lebens­frohe Operette zu zaubern, die an der Tragik ihrer Entste­hungszeit nicht vorbei­kommt. Das Fin de Siècle ist gekenn­zeichnet als Tanz auf dem Pulverfass.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Und das Stadt­theater Gießen wirkt, als sei es eigens für die Produktion erbaut. 1906 entstanden, atmet es archi­tek­to­nisch aus jeder Ecke und jedem Winkel den Geist der Zeit. Kovalik kann also quasi gar nicht anders, als das Werk in seiner Entste­hungszeit anzusiedeln. Jede „Moder­ni­sierung“, die Bühnen- und Kostüm­bildner Lukas Noll einfließen lässt, ist im Grunde überflüssig. Im Herbst­mä­nover ist die kaiserlich und könig­liche Monarchie am Zuge, und das ist richtig so. Auch sonst bekle­ckert sich Noll hier nicht mit Ruhm. Er setzt die Drehbühne mit zwei Handlungs­orten ein. Neben einer Freifläche gibt es eine „Nachbildung“ der Räumlich­keiten des Schlosses. Der umbaute Raum ist zu zwei Seiten hin offen. Alsbald verwi­schen die Grenzen, und die Bühne dreht sich schneller, als einem schwindlig werden kann. Was schlimmer ist: Die Bühnen­akustik wird vollkommen ruiniert. Die Dialoge sind nur mühsam verständlich, an den gesun­genen Texten beißt man sich beim besten Willen die Zähne aus. Übertitel gibt es nicht. Und den Dirigenten inter­es­siert es sowieso nicht.

Das Bemühen des Regis­seurs ist deutlich zu spüren, die Stimmung der Urauf­führung wieder­her­zu­stellen. Das bedeutet einer­seits Authen­ti­zität, anderer­seits auch viel Bemühtheit. Und da wird aus der frivolen Homoerotik jener Zeit genau der Slapstick der Schwulen, den auch heute keiner will. Die Lacher halten sich an diesem Abend in deutlichen Grenzen. Dass Kovalik hier das ganz große Besteck heraus­geholt hat, indem er gleich sämtliche Sparten des Stadt­theaters invol­viert, ist begrü­ßenswert. Und damit hat er auch den richtigen Blick für die Bewegung auf der Bühne. Aller­dings gerät die psycho­lo­gische Feinfüh­ligkeit unter die Räder. Holzschnitte rangieren vor ausge­deu­teten Bezie­hungen. Da nutzt auch das sorgfältig und wirkungsvoll gesetzte Licht von Jan Bregenzer wenig. Übertüncht wird das Geschehen von Leo Mujić, der mit seinen Choreo­grafien vor allem die Darsteller an ihre Grenzen bringt, aber auch bislang nicht gekannte Walzer-Inter­pre­ta­tionen an den Tag legt – die im Übrigen kein Mensch braucht. Ein schön getanzter Walzer ist ein Bild, das man nicht vergisst. Alles andere gibt es auch im Rheinland. Da nennt man es Schunkeln.

Foto © Rolf K. Wegst

Auch Grga Peroš als Oberleutnant von Lörenthy, um den sich all das Bemühen der Weiblichkeit dreht, hat mit seinen Tänzen so seine Schwie­rig­keiten. Da blutet die ungarische Seele. Was er singt, erreicht Reihe sieben genauso wenig wie die anderen Sänger. Aber es klingt schön. Mehr ist da von Chris­tiane Boesiger zu vernehmen, die den Operet­ten­klang im besten Sinne verwirk­licht. Da sind all die Kiekser zu hören, die man aus alten Aufnahmen kennt. Wunderbar. Darstel­le­risch bleibt die Baronin Riza von Marbach eher blass. Eine Augen­weide – und darauf getrimmt – ist Marie Seidler als Treszka. Von ihr hätte man gern mehr und deutlicher gehört. Allzu oft steht sie gewichtig und statis­tenhaft herum. Somit gerät unver­hofft der tuntige Waller­stein, ansonsten sehr überzeugend von Tomi Wendt gespielt, in den Vorder­grund. Großartig dann wieder der schau­spie­le­rische Teil, den Rainer Hustedt als Gutsver­walter zu besorgen hat. Sein Titanic-Beitrag fesselt auch nach zwei Stunden noch. Rainer Domke als Großknecht Bence begeistert die Zuschauer am meisten. Der Chor unter Jan Hoffmann ist laut und unver­ständlich, aber stimmungsvoll und passgenau.

Was Michael Hofstetter mit dem Philhar­mo­ni­schen Orchester Gießen im Graben veran­staltet, ist sensa­tionell. Nach einem solchen Klang muss man lange suchen. So etwas erreichen andere nur, wenn sie es lange genug im Studio abmischen. Am Ende des Abends ist es dann auch egal, dass der General­mu­sik­di­rektor rücksichtslos die Stimmen überdeckt, die man ohnehin nicht versteht. Denn seine Mannen tragen den größten Anteil daran, dass man Emmerich Kálmáns eingängige Melodien förmlich einatmen und genießen kann.

Nach drei Stunden ist das Publikum ermattet, hat auch nicht ganz verstanden, warum man ihm das alles zugemutet hat und applau­diert den Akteuren respektvoll. Trotzdem lohnt es sich, bis zum Schluss durch­zu­halten. Denn was Hofstetter aus dem inzwi­schen leider immer mehr zur Gewohnheit werdenden Haller­marsch beim Applaus der Besucher macht, ist schon allein einen Besuch in diesem wunder­schönen Theater wert.

Michael S. Zerban

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