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TAMERLANO
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
25. Mai 2025
(Premiere am 17. Mai 2025)
Die Händel-Festspiele Göttingen haben eine lange Tradition. Händel hat die Stadt nie besucht, aber das hat die Leute nicht davon abgehalten, die Stadt im südlichen Niedersachsen zu einem Zentrum für Händel-Wiederentdeckung zu machen. Oskar Hagen, ein Kunsthistoriker und Amateurmusiker, der an der Universität lehrte, gründete die Festspiele. Er machte die Stadt zum Pionier für Festspiele Alter Musik und zum Wegbereiter der Händel-Renaissance im 20. Jahrhundert. Rodelinda, Händels dritte Oper, stand damals als erste Oper des Meisters nach fast 200 Jahren Pause auf dem Spielplan. Und das als deutsche Erstaufführung, nicht im italienischen Original.
Die Qualität der Festspiele heute hat mit dem Anfang definitiv nichts gemein. Die Titelrolle sang Hagens Frau, den Rest des Ensembles und das Orchester rekrutierte Hagen aus Kreisen der Georg-August-Universität. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Situation verbessert. Mit Sir John Eliot Gardiner, der mit seinem Monteverdi Choir ein Barockensemble der Spitzenklasse geschaffen hatte, kam 1980 ein vehementer Vertreter der historischen Aufführungspraxis als künstlerischer Leiter nach Göttingen. Tamerlano, die diesjährige Festspieloper, war bereits 1985 Teil von Gardiners Programm.
Auch die Produktion von 2025 hat das Potenzial, dem Werk auf spannende Weise neues Leben einzuhauchen. Unter der künstlerischen Leitung des Griechen George Petrou, der als führender Händel-Experte gilt, die Leitung 2022 übernahm und bis 2031 unter Vertrag steht, kann das Publikum eine exzellente Darbietung des Ensembles erleben, das unter der Regie der Italienerin Rosetta Cucchi in der rund vierstündigen Oper hervorragend aufeinander abgestimmt agiert.
Tamerlano ist nicht nur ein historisches Drama, sondern thematisiert auch in unserer Zeit universelle Konflikte: Machtmissbrauch, familiäre Loyalität und die Grenzen der menschlichen Freiheit. Die psychologische Tiefe der Charaktere könnte ein wesentlicher Aspekt sein, der die Oper auch für das heutige Publikum relevant macht. Cucchi versteht es, historische Treue zur Musik mit einer frischen Inszenierung zu verbinden, die von einem optisch reduzierten, modernen Bühnenbild gekrönt wird.

Die packende Oper aus dem Jahr 1724 wird als eines der bedeutendsten Werke des Barocks angesehen und übt bis heute eine besondere Faszination aus, die auf ihrer dramatischen Intensität und emotionalen Tiefe beruht. Das Drama verbindet die Themen Eroberung, Hass und emotionale Abgründe in einer psychologisch verdichteten, eindringlichen modernen Inszenierung. Sie erzählt die Geschichte des mongolischen Eroberers Tamerlan vulgo Timur, der in einen Macht- und Liebeskonflikt mit dem besiegten osmanischen Sultan Bajazet gerät. Das eröffnet vielversprechende Möglichkeiten für eine spannende musikalische Inszenierung.
Das Stück, das sich in Grundzügen auf historischen Ereignissen im frühen 15. Jahrhundert stützt, wurde von Händel und seinem Librettisten Nicola Francesco Haym zu einem psychologisch komplexen Drama verdichtet. Es nimmt seinen Anfang mit der Gefangennahme des Osmanensultans Bajazet durch den aus Zentralasien stammenden Heerführer Tamerlano. Der Protagonist entwickelt romantische Gefühle für Asteria, die Tochter des besiegten Sultans. Er möchte sie heiraten, doch sie liebt den griechischen Prinzen Andronico, einen Verbündeten Tamerlanos. Eigentlich sollte Tamerlano Prinzessin Irene, seine ursprüngliche Verlobte, heiraten. Die ist die Tochter des Kaisers von Trapezunt, dem wohl bedeutendsten Zentrum der abendländischen Kaufleute im Fernhandel mit Persien, Mittelasien und China. Das kann nicht gutgehen und so verwandelt sich das Stück spätestens mit der Ankunft Irenes in einen Intrigen-Stadel, dessen Handlung in Bajazets tragischem Selbstmord gipfelt – einer der erschütterndsten Momente der Barockoper.
Händel vermochte es, seiner Musik und den Charakteren große Ausdruckskraft zu verleihen: die Verzweiflung Bajazets und seine Abscheu gegenüber Tamerlan, Tamerlans tyrannische und stark wahnhafte Arroganz, Irenes Verletztheit wegen der Abweisung und ihr Hochmut gegenüber den anderen Akteuren, Asterias innere Zerrissenheit zwischen Pflichtgefühl und Liebe zu Andronico und Andronicos Versuche, in der schwierigen Situation zu vermitteln, werden durch klug arrangierte, virtuose Arien und ergreifende Rezitative lebendig.
Andreas Waczkat, der in Göttingen den Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft innehat, erinnert in seiner Werkeinführung, dass Händel im Tamerlano erstmals einem Heldentenor – Bajazet, eine der ergreifendsten Vaterfiguren der Operngeschichte – die meisten Arien ins Libretto geschrieben hat. Unüblich, da zu dieser Zeit eigentlich Kastraten die Stars der Opernwelt mit den höchsten Gagen waren. In Göttingen verkörpert die Partie des Bajazet mit kräftig gut temperierter Stimme der Spanier Juan Sancho, der eindrucksvoll den stolzen und durch seine Niederlage verletzten Osmanen verkörpert.

Für die beiden Kastraten, in der Titelrolle Tamerlano und Prinz Andronico, die heute von Countertenören gesungen werden, hatte er für die in ihrer Stimmlage und Stimmführung ganz unterschiedlichen Countertenöre herausragende Arien geschrieben. Schillernd der von Lawrence Zacco verkörperte Tamerlano, eine ambivalente Figur zwischen Macht und Verletzlichkeit, meist mit einer heftigen Prise Wahnsinn, feinfühlig, virtuos und stimmlich sehr variabel. Beeindruckend lyrisch und ausdrucksstark Yuriy Mynenko in der Partie des Andronico, der versucht, als Vermittler das Beste aus der verfahrenen Situation herauszuholen. Gut gefällt Zacco, der den in kritischen Situationen durchbrechenden Wahnsinn des Protagonisten eindrucksvoll und glaubhaft verkörpert und seine Untergebenen mit selbstherrlicher Arroganz quält. Ein Verhalten, das seine durch die Statisten verkörperten Untergebenen freudig kopieren. Zum Beispiel als sich die ebenfalls arrogant und anmaßend agierende Irene als Botin ihrer selbst vorstellt: Erst wird sie vom gelangweilten Tamerlano gemaßregelt, wie kürzlich der ukrainische Präsident Selenskyj im Weißen Haus vom US-Präsidenten, und dann auch noch von seiner Entourage, die ihr die Sessel vor der Nase entzog, was an den verbalen Nachschlag des US-Hillbilly Vance erinnert. Wahrscheinlich ist die Überzeichnung gewollt, um den Bezug zur Jetztzeit in den Köpfen der Betrachter hervorzurufen.
Auch die beiden Damen am Set, die lyrische Sopranistin Louise Kemény als Asteria und die Mezzosopranistin Dara Savinova, die als verschmähte Prinzessin Irene stimmgewaltig singt, agieren voll Spielfreude und komplettieren zusammen mit dem Bassbariton Sreten Manojlović als Irenes Betreuer Leone das hochkarätig besetzte Ensemble der Oper.
Die musikalische Begleitung übernimmt das auf historischen Instrumenten mitreißend spielende Festspielorchester Göttingen, das Händels Klangwelt authentisch zum Leben erweckt und die feinsten Nuancen brillant akzentuiert.
Die bei Cucchi eher in unserer Zeit spielende Handlung erhält in Tiziano Santis Bühnenbild durch Hell und Dunkel den nötigen Raum, um in Claudia Pernigottis zeitlosen Kostümen die Emotionen toben zu lassen, immer wieder assistiert durch die von Cucchi klug eingesetzten Statisten.
Fast eine Art Happyend bildet den Schluss der Oper: Zwar greift in der vorletzten Szene Bajazet zum Gift und begeht Selbstmord, doch Tamerlano macht, nachdem der Hass gestillt ist, seine wüsten Drohungen gegen Asteria und Andronico nicht wahr, gibt Andronico den Thron und Asteria zur Frau und beherrscht sein Reich zusammen mit der schönen Irene. So beruhigt der Schlusschor der übriggebliebenen Akteure: „Und die traurigen Fackeln der Liebe müssen weichen, wo Liebe erstrahlt.“ Schöner kann eine Oper kaum enden.
Michael Ritter