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Tieftraurige Märchenrarität

KÖNIGSKINDER
(Engelbert Humperdinck)

Besuch am
14. Dezember 2019
(Premiere)

 

Oper Graz

Der erste der zwölf massiven Glocken­schläge unter­bricht abrupt das tumult­artige Geschrei des Volkes. Nun steigert sich die Musik durch Hinzu­treten immer neuer Instru­mente zu großer harmo­ni­scher Komple­xität bis dann beim letzten Schlag die Gänsemagd durch das Tor tritt und strah­lende, fanfa­ren­artige Klänge ertönen: Es ist wahrlich einer der eindring­lichsten, musika­li­schen Momente, der Engelbert Humper­dinck, den man hautsächlich als Komponist der Märchenoper Hänsel und Gretel kennt, hier einge­fallen ist. Aber auch sonst enthält seine 1810 an der Metro­po­litan Oper in New York urauf­ge­führte Oper Königs­kinder wunderbare, spätro­man­tische Musik, stark an seinem großem Vorbild Richard Wagner orien­tiert, die umso mehr wirkt, wenn sie so musiziert wird, wie jetzt am Grazer Opernhaus.

Vielleicht hätte man die eine oder andere Feinheit im Graben noch optimieren können, aber die Grazer Philhar­mo­niker unter Marius Burkert vermögen einen schil­lernden Klang­zauber zu entfalten sowie das aufrau­schend Wagnersche und das Liedhafte durch­sichtig zu zelebrieren.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Hier sind eine naive Gänsemagd, die Polina Pastirchak mit klarem und kraft­vollem Sopran singt, und ein Königssohn, dem Maximilian Schmitt seinem heldi­schen und höhen­si­cheren Tenor leiht, die tragi­schen Helden. Alle Personen tragen im Libretto von Ernst Rosmer, einem Pseudonym für die tatsäch­liche Autorin Elsa Bernstein-Porges, keine Namen. Die Gänsemagd wächst fernab der Welt bei einer Hexe auf, als die Christina Baader mit dunklem Mezzo zu hören ist, die den Bürgern von Hella­stadt voraussagt, dass am Königstag beim Glocken­schlag zwölf der ersehnte König durchs Tor schreiten wird. Als da aber nur Gänsemagd und Königsohn kommen, der sich hier als Schwei­nehirt verdingt, werden sie verlacht und vertrieben. Und der sie erken­nende Spielmann, bei dem Markus Butter mit seinem für die Partie zu kleinen Bariton gegen die Orches­ter­wogen ankämpft und immer wieder forciert, wird verprügelt. Am Ende sterben die Gänsemagd und der Königsohn vor Hunger und Kälte.

Foto © Werner Kmetitsch

Auch die vielen kleineren Rollen sind adäquat besetzt. Hervor­zu­heben sind neben dem Chor und Extrachor der Oper Graz, deren Einstu­dierung Bernhard Schneider durch­führte, besonders der Kinderchor der Singschul‘, hier besorgte die Einstu­dierung Andrea Fournier, und da die blutjunge Victoria Legat, die solis­tisch mit glasklarer und sauberer Stimme bei ihrer nicht gerade kleinen Rolle brilliert.

Regisseur Frank Hilbrich und sein Bühnen­bildner Volker Thiele zeigen das tieftraurige Märchen ohne Happy End in sehr nüchternen Kulissen, in einem weißen, leeren Einheitsraum, offenbar um die Kälte und die Verrohung der Gesell­schaft zu zeigen. Der Wald ist nur auf einem Prospekt und mit herum­lie­genden, verwelkten Laubblättern erkennbar. Sie fallen auch immer dann vom Himmel, wenn sich der Königssohn an die Magd wehmütig erinnert. Die steigt zu Beginn aus einer mit Blättern gefüllten Grube, dorthin wird sie sterbend mit dem Königssohn, jetzt voll schwarzer Erde, hinein­fallen. Die Gesell­schaft von Hella­stadt ist mit den Kostümen dick auswat­tiert, um ihre Saturiertheit zu zeigen. Die Kinder sind mit Anzügen und Kleidern wie Erwachsene angezogen. Die Kostüme erdachte Gabriele Rupprecht. Sie sind auch die einzigen, die die wahren Königs­kinder erkennen. Die Perso­nen­führung ist teils stringent, flacht aber vor allem im letzten Akt ziemlich ideenlos ab.

Großer Jubel dennoch beim Publikum.

Helmut Christian Mayer

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