O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Vergesst uns nie!

Die Passa­gierin
(Mieczysław Weinberg)

Besuch am
11. November 2020
(Premiere am 18. September 2020)

 

Opernhaus Graz

Ein Stoff, der unter die Haut geht und eine Musik, die aufwühlt und durch­dringt. Mieczysław Weinbergs Oper Die Passa­gierin entstand 1968. Erst 2006 kam es zur konzer­tanten Urauf­führung in Moskau. Solange hielt das kommu­nis­tische Regime das Werk aus Angst und politi­scher Pression unter Verschluss. 2010 endlich erfolgte die szenische Urauf­führung in Bregenz mit großem Erfolg, der der Oper seither zurecht zusteht.

„Vergesst uns nicht“ – „Vergebt niemals“ rufen die Opfer des Nazi-Regimes, eine Gruppe von jüdischen Frauen, die von der harther­zigen Aufse­herin Lisa Franz drang­sa­liert werden. Jahre später glaubt Lisa, eines ihrer vermutlich überle­benden Opfer auf einer Schiffs­passage nach Brasilien wieder zu erkennen. Die Handlung läuft dann in zwei Ebenen, die Erinnerung an das Lager­ge­schehen und ihr überaus pflicht­be­wusstes Handeln, das nunmehr in Konflikt mit der Einstellung und Position ihres Ehemanns Walter steht, der als deutscher Botschafter nach Brasilien entsandt ist. Ihr Geständnis zeigt keine Reue oder Schuld­be­wusstsein, die Verherr­li­chung ihrer Taten ist erschüt­ternd. Die gesell­schafts­po­li­tische Aussage bestechend verpackt, die Aktua­lität größer denn je. Der Erfolg des Werkes sollte helfen, die Gräuel­taten und Unmensch­lichkeit von totali­tären Regimen nicht zu vergessen.

Foto © Werner Kmetitsch

Die Handlung fußt auf einer wahren Geschichte der Polin Zofia Posmysz, die sie in einen Roman gegossen hat. Dimitri Schost­a­ko­witsch erkannte die Brisanz und Kraft des Werkes und beauf­tragte Alexander Medwedew ein Libretto zu verfassen. Sein Freund Mieczysław Weinberg kompo­nierte sein bedeu­tendstes Werk. Seine Musik ist geprägt von intimer Gefühlstärke, seeli­scher Verin­ner­li­chung und klarer Tonsprache. Dabei übernimmt er Stilmittel des Expres­sio­nismus, der Romantik, des Jazz, Barock bis zur Volks­musik. Die Orches­ter­be­setzung ist groß und ermög­licht viele Klang­farben. Rhyth­mische Elemente steigern die Dramatik, wuchtige Entla­dungen kommen nur in geringem Maße vor.

Roland Kluttnig gelingt am Pult eine prägnante, sehr gut ausba­lan­cierte musika­lische Inter­pre­tation. Bis in die seitlichen Logen verteilt sitzen die Musiker, die der Dirigent einbe­ziehen muss und dabei auch den Sängern klare Einsätze anzeigt. Deutlich ist eine Klang­sprache spürbar, die unauf­dringlich erscheint, aber ihre Wirkung nicht verfehlt.

Intel­ligent und subtil gestaltet Nadja Loschky ihre Regie. Die Bühne von Etienne Plus bleibt den gesamten Abend unver­ändert, ein schmuck­loser, weiß vergilbter Raum dient als Lager sowie das Innere eines Schiffes. Die Monotonie im Bild steigert die Dramatik und lässt die beiden Zeitebenen geschickt verschmelzen. Lager­wärter, Lager­in­sassen, Schiffs­gäste und – personal erscheinen gleich­zeitig auf der Bühne und treten in beiden Zeitebenen auf. Genauso ausge­klügelt ist die Perso­nen­regie, die große Momente der intimen Nähe, der schick­sal­haften Macht und Macht­lo­sigkeit im Raum kreiert.

All das gelingt dem großartig agierenden Sänger­ensemble umzusetzen. Dshamilja Kaiser präsen­tiert ihren kräftigen Mezzo­sopran in klarer Färbung als unbelehrbare Lisa. Darstel­le­risch wird die Rolle in mehrfacher Besetzung umgesetzt. Isabella Albrecht ist die alte Lisa, die den gesamten Abend sehr markant auf der Bühne begleitet und zuletzt auch ein paar Worte spricht. Viktoria Riedl ist die junge Lisa, die in militä­ri­schem Drill ihr Unwesen treibt. Will Hartmann ist ihr Gatte Walter, der am Geständnis Lisa zu zerbrechen scheint. Tief sitzt sein Tenor mit barito­nalem Timbre. Wohl versteht er den zumeist als Sprech­gesang gefassten Part gesanglich auszukleiden.

Nadja Stefanoff gelingt als Marta die überzeu­gendste Darstellung des Abends. Mit Grandezza erträgt sie die Ernied­ri­gungen, im Stolz ungebrochen. Weich und lyrisch tritt sie mit Markus Butter in der Rolle ihres Verlobten Tadeusz auf.

Als ihre Mithäft­linge im Lager verströmen Eva Maria Schmid als Katja, Antonia Cosima Stanen als Krystina, Anna Brull als Vlasta und Sieglinde Feldhofer als Yvette betörenden Gesang der Verzweiflung, aber auch der inneren Verbun­denheit im todbrin­genden Schicksal. Die Lager­szenen ergreifen musika­lisch und haften im Gedächtnis des Zuhörers.

Einen großen Opern­abend hat das Grazer Opernhaus gestaltet und damit einem Werk, das seine Stellung in der Opern­li­te­ratur zurecht hat, zu weiterer Bekanntheit und insbe­sondere seiner gesell­schafts­po­li­ti­schen Aussage wiederum eine Stimme gegeben.

Großer Beifall beim Publikum und Begeis­terung für die Künstler. Ein ergrei­fender Abschied, bevor Kultur wieder von Politikern wegge­sperrt wird, eine gesell­schafts­po­li­tische Aussage, die auch in diesem Werk steckt.

Helmut Pitsch

Teilen Sie O-Ton mit anderen: