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IL TROVATORE
(Giuseppe Verdi)
Besuch am
25. Oktober 2017
(Premiere am 30. September 2017)
Schon zu Beginn steht er im Spalt des etwas geöffneten Vorhangs. Und auch dann taucht er immer wieder auf und mischt besonders kräftig beim Finale mit. Mit seinem weißgeschminkten Gesicht und nackten Oberkörper ist er eine Mischung aus Mephisto und Conférencier. Ben Baur wertet bei Giuseppe Verdis Il Trovatore, der heurigen Eröffnungsproduktion am Grazer Opernhaus, die Figur des Ferrando enorm auf und lässt ihn zum omnipräsenten Beobachter des Geschehens werden, der auch opportunistisch immer wieder die Seiten wechselt. Zudem transferiert der Regisseur, der auch für die Szenerie verantwortlich zeichnet und bereits in der letzten Saison Charles Gounods Romeo et Juliette hier am Haus inszeniert hat, die krude, schaurige Geschichte von Kindsraub und Brudermord, Liebe, Eifersucht und Rache ins Varieté-Milieu des Berlins der 1930-er Jahre und zeigt sie aufgemotzt mit Ballett in entsprechenden Kulissen als Tanz auf dem Vulkan, die im zweiten Teil aus den Fugen gerät.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Diese Konzeption und die mit vielen Nebenhandlungen und Details aufgefettete Story ist nicht besonders erhellend und lässt die Handlung nicht plausibler werden. Vielmehr geben etliche Ungereimtheiten noch mehr Rätsel auf. So sind etwa die gegnerischen Soldaten von den anderen als solche nicht unterscheidbar. Nach seiner berühmten Stretta wird Manrico gleich von den Soldaten des Grafen festgenommen. Azucena wird nicht als Gefangene herbeigeschleppt, sondern schlendert hocherotisch mit rotem Kleid locker daher, macht den Grafen an und wagt mit ihm sogar ein eng umschlungenes Tänzchen. Der schneidet der schon vom Gift gezeichneten Leonora zur Sicherheit auch noch die Kehle durch. Dafür läuft Manrico, der den Grafen schon am Ende des ersten Teils niedergestochen hat, zum Finale selbstmörderisch in das gezückte Messer des Grafen.
Einem Bonmot von Enrico Caruso zufolge wäre Il Trovatore ganz leicht zu besetzen, man bräuchte nur die vier besten Sänger der Welt. Vielleicht doch etwas sehr hoch gegriffen, aber unbestritten ist, dass die Partitur von Giuseppe Verdi enorme Anforderungen an die Hauptpartien stellt, für die es nicht leicht ist, adäquate Besetzungen zu finden. Der Grazer Oper ist bei ihrer Eröffnungsproduktion dieses Kunststück zumindest teilweise gelungen, denn abgesehen von kleinen Einschränkungen spielen die Protagonisten durchaus in der sängerischen Oberliga mit.

Verdi wollte die Figur der Azucena ursprünglich in den Mittelpunkt stellen und die Oper nach ihr benennen: Nora Sourouzian wird dieser Funktion voll gerecht und füllt sie nicht nur mit ihrer Riesenstimme, sondern auch großer Bühnenpräsenz, Nuancenreichtum und glühender, gestalterischer Kraft aus. Mit klarer Höhe weiß Lana Kos eine besonders innige Leonore zu singen. Stefano Secco ist ein Manrico mit einer sehr breiten tieferen und mittleren Lage, vielen forcierten Spitzentönen: Er kann sich aber im Laufe des Abends massiv steigern und zum Finale sehr beeindrucken. Rodion Pogossov gibt einen robusten Luna mit sicheren Spitzentönen, dem es jedoch an schönen, lyrischen Tönen fehlt. Die kleineren Partien sind mit Wilfried Zelinka, einem darstellerisch exzellenten, aufgewerteten und sehr differenziert klingenden Ferrando, und Sonja Saric, einer etwas gar zu braven Ines, adäquat besetzt.
Aber natürlich hat Caruso im eben erwähnten Zitat den Chor vergessen, denn der spielt in diesem populären Meisterwerk eine tragende Rolle: Einstudiert von Bernhard Schneider, singt er stimmgewaltig, prägnant und meist konform mit dem Graben.
Aus dem tönen beim Grazer Philharmonischen Orchester durchaus feinsinnige, ausgefeilte, aber auch mitreißende, spannungsgeladene Töne. Nur bei den Tempi ist Maestro Andrea Sanguineti sehr eigenwillig. Neben extrem zugespitzten finden sich dann wieder seltsam gedehnte. Besonders nervend ist zu Beginn des zweiten Teils ein minutenlanges, entbehrliches, hinzugefügtes Amboss-Gehämmer.
Das Publikum spendet immer wieder zurückhaltenden, höflichen Applaus. Zum Finale gibt es dann auch einige Buhs für den Dirigenten.
Helmut Christian Mayer