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LA FILLE DU RÉGIMENT
(Gaetano Donizetti)
Besuch am
8. November 2017
(Einmaliges Gastspiel)
Heute meist großen Häusern und prominenten Solisten vorbehalten, war La fille du régiment einst ein Zugstück auch für materiell bescheidener ausgestattete Bühnen. Dass es sich adäquat dort realisieren lässt, beweist die Produktion des Oldenburgischen Staatstheaters, die sich daher getrost auf den Abstecher ins ostwestfälische Gütersloh begeben darf.
Den halbszenischen Abend – sonst häufig weder Fisch noch Fleisch – münzt Felix Schrödinger in einen entschiedenen Vorteil um. Aus der anfänglichen Situation einer rein konzertanten Aufführung entwickelt sich eine charmante, temporeiche, aktionsgeladene und immer gewinnende Komödie. Den Impuls dazu gibt der einfache, aber effektvolle Kunstgriff, einen völlig motivations- und talentfreien Erzähler einzuführen. Der fährt die als Dialogersatz gedachten Zwischentexte immerfort gegen die Wand, so dass sich das enervierte Ensemble genötigt sieht, das, was weder fähig noch teilnehmend referiert wird, auch darzustellen. Also liefert es sich Wortgefechte und Liebesschwüre und spielt die Pointen voll heraus. Besonders Marie, die Tochter des Regiments, zeichnet Schrödinger agil, wendig und voller burschikosen Esprits. Unter französischen Bürgersoldaten ist sie zuhause, im reaktionär-adligen Milieu der Mutter fühlt sie sich fremd und verloren. Forsch und charmant lässt sich die Tochter des 21. Regiments auf die Schultern ihrer anderthalbtausend Väter heben, wirft sich – der Adelswelt überdrüssig – auch einmal verzweifelt über den Rollstuhl des kriegsversehrten Regimentspatriarchen Sulpice oder klettert militärisch neu ertüchtigt auf dem Hilfsmittel herum, um sich final dort wie auf dem Siegerpodest zu präsentieren. Auf unwiderstehliche Weise eignet der Titelfigur der Hang zum Triumphalen, weil sie das Kriegswesen blitzgescheit und liebenswert in Anmut und Lebensfreude umdeutet. Ihr Verehrer Tonio hingegen ist ein Naturbursche. Einfach und gerade, mit dem Herzen auf dem richtigen Fleck, der gehörigen Portion Beharrlichkeit und Mut, fühlt er sich in der älplerischen Lederhose wohler als im Uniformrock.
| Musik | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Dennoch bleibt das Soldatische für die Handlung dominant. Donizetti füttert den französischen Patriotismus, der zeittypisch ganz wesentlich vom Militärischen geprägt war, bis zum Anschlag oder vielmehr zum dreigestrichenen f in Maries finalem Jubelruf Salut à la France!. Die Soldaten des 21. Regiments, das im Jahr der Uraufführung 1840 nicht mehr in Tirol, sondern in Algerien kämpfte, empfanden sich durch die Prominenz auf der Opernbühne gewiss angespornt. Bei Schrödinger marschieren sie als possierliche Mixtur aus Offenbachiade und Funkengarde aus dem rheinischen Karneval auf, wo es mit den Tanzmariechen ja allerhand „Regimentstöchter“ gibt.
Für die unaufwändig-praktikable Bühne und die reizvollen Kostüme sorgt Josefine Smid. Das Bild beschränkt sich auf Requisiten und Projektionen vor allem des feschen Liebespaares. Ein wenig erinnert das an den guten alten Dia-Abend. Im zweiten Akt überfüllt Rokokoplunder die Bühne.
Je stärker die Vorstellung vom Konzert in die szenische Darbietung wechselt, desto ausgiebiger kostümieren sich Solisten und Chor. Die Damen tragen Garderobe aus der Zeit des sechzehnten Ludwig, die Herren werfen sich in die Schale napoleonischer Uniformen.

Der von Thomas Bönisch einstudierte Chor des Oldenburgischen Staatstheaters klingt anfangs etwas dünn, gewinnt aber zunehmend stimmliche Statur und Verve. Große Spielfreude besitzt er ohnehin.
Eher spröde steigt das Oldenburgische Staatsorchester unter Felix Pätzold in den Abend ein, lockert sich dann aber und musiziert rhythmisch präzise mit schlankem Ton und geistreich ausgehörten Details besonders beim Schlagwerk und in den Celli.
Das stimmliche und darstellerische Spektrum von Sooyeon Lee als Regimentstochter Marie reicht von quirlig-couragiert bis empfindsam-melancholisch. Lee feuert auf das Publikum eine regelrechte Koloraturkanonade ab. Ihr dreigestrichenes f landet einen Volltreffer. Die lyrischen Passagen ihrer Partie erfüllt Lee mit Innigkeit und Wärme. Philipp Kapeller als Tonio gebietet über eine stattliche Mittellage und kraftvolle Höhe. Die neun hohen c seines Schlagers Ah mes amis meistert er tadellos. Zudem legt er argumentierende Emphase in die Arie. Ill-Hoon Choung ist ein Sulpice mit kernigem, elegant timbriertem Bariton. Hagar Sharvit gibt der Marquise de Berkenfield die darstellerische und vokale Aura einer leicht hysterischen Diseuse. Keine abwegige Rollenauffassung. Der Erzähler von Stefan Vitu bringt jene schauspielerische Virtuosität auf, die zur glaubhaften Darstellung von Inkompetenz auf der Bühne erforderlich ist.
Den äußerst warmherzigen Applaus des mit großstädtischer Eleganz gekleideten Gütersloher Publikums durchsetzen zahlreiche bravi für Sooyeon Lee und Philipp Kapeller. Kein Zweifel, die Oldenburger haben sich in die ostwestfälischen Herzen gespielt und gesungen.
Michael Kaminski