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Musiktheater pur

AMERICAN NOTHER
(Charlotte Bray)

Besuch am
9. Juni 2025
(Premiere am 31. Mai 2025)

 

Theater Hagen

Als letzte Neuin­sze­nierung der auslau­fenden Amtszeit von Intendant Francis Hüsers ist am Stadt­theater Hagen die Urauf­führung von American Mother der briti­schen Kompo­nistin Charlotte Bray zu sehen, die nach verschie­denen Kammer­mu­sik­werken, darunter die Kammeroper Entan­glement aus dem Jahre 2015 mit American Mother nun ihre erste große Oper vorstellt. Die ereig­nis­reiche, den Hagener Theater­be­trieb zur Hochform bringende Intendanz Hüsers setzt beim Endspurt nach dem äußerst gelun­genen Don Carlos noch eins drauf und bringt in finan­ziell heraus­for­dernden Zeiten ein Auftragswerk auf die Bühne, das es in sich hat.

Basierend auf dem gleich­na­migen Buch von Diane Foley und Colum McCann erzählt die rund 80-minütige, pausenlos gespielte Oper die Geschichte jenes schick­sal­haften Tages im Leben von Diane Foley, an dem sie im Oktober 2021 in einem Gerichts­ge­bäude im US-Bundes­staat Virginia dem Täter gegen­über­sitzt, der sieben Jahre zuvor ihren Sohn, den Kriegs­be­richt­erstatter James Foley, über Jahre gefangen gehalten, gefoltert und letztlich ermordet hat. Der mittler­weile inhaf­tierte Mörder Alexanda Kotey gehörte der Terror­gruppe Islami­scher Staat an, die 2014 vor laufenden Video­ka­meras den ameri­ka­ni­schen Reporter enthauptet und die vermeint­lichen Bilder als Message to America einer entsetzten Weltöf­fent­lichkeit zeigten.

Foto © Volker Beushausen

Das Buch American Mother wurde von Salman Rushdie als atembe­rau­bende Geschichte von Gewalt und Vergebung bezeichnet. Für das Libretto der Oper verwendet McCann nur die ersten vierzig und die letzten zwanzig Seiten seines 200 Seiten umfas­senden Buches. Der Fokus der Opern­handlung liegt auf Verlust und Versöhnung und blendet die politi­schen Zusam­men­hänge weitest­gehend aus. Dennoch zeigt sich die Korona dieser Oper äußerst politisch aufge­laden. Die Begegnung von Täter und Opfer ist die Grundlage für einen komplexen Diskurs um die Fragen nach Schuld, Verant­wortung und Reue auf der einen und Verlust, Trauer und Vergebung auf der anderen Seite. Regisseur Travis Preston insze­niert folglich ein intimes Kammer­spiel, das zutiefst verstört und nachhaltig beein­druckt. Der sonst für Verfrem­dungen und Zuspit­zungen bekannte Regisseur zeigt sich in der aktuellen Regie­arbeit versach­licht und pur. Chris­topher Barreca hat dafür eine kargen, mit wenigen Möbeln bestückten Bühnenraum geschaffen, der in einem gefühlten 45-Grad-Winkel ausge­richtet ein Stück weit den Orches­ter­graben überspannt und so für eine größt­mög­liche Nähe zum Publikum und ein Höchstmaß an Intimität sorgt. Der Zuschauer scheint wie durch ein Schlüs­selloch Zeuge der erschüt­ternden Details des emotional aufge­la­denen Zwiege­sprächs zu werden, in dem Diane Foley erst anklagend den Mörder sieht, dann jedoch zunehmend die Mensch­lichkeit hinter dessen steinernen Fassade zu erkennen vermag. Auch Foleys Monologe, die Bitten um göttlichen Beistand, sind geprägt von tiefer Trauer, starken Zweifeln und letztlich Hoffnung.

Immer wieder gibt es Rückblenden oder Erschei­nungen, die die Erinne­rungs­welten der Protago­nisten bebildern und beein­flussen. So erscheint Diane Foleys Sohn in verschie­denen Phasen seiner Leidens­ge­schichte auf einer vom Schnür­boden abgehängten Kanzel. Die Mutter vom IS-Terrorist Kotey gelangt von der Hinter­bühne über eine kompakte Treppen­kon­struktion an den Rand der Spiel­fläche. Auf- und Abgänge erfolgen in unmit­tel­barer Nachbar­schaft der Zuschauer über die vorderen Türen des Parketts.

Nur wenige optische Akzente, wie die horizontale Projektion einer wolken­ver­han­genen Abend­stimmung, einer zerbombten Stadt­land­schaft oder den Suren des Korans lenken vom eigent­lichen Schau­platz des Dramas ab. So gelingt es dem Regieteam eindrucksvoll ein Spannungsfeld zwischen den größten Abscheu­lich­keiten, die Menschen einander antun können und kompro­miss­loser Vergebung zu erzeugen.

Der Dialog zwischen Foley und Kotey, nur unter­brochen von den Inter­ak­tionen des hasserfüllten Gefäng­nis­wärters, den Visionen des ermor­deten Sohns sowie der Mutter des Täters, enthält Momente, die nur schwer zu ertragen sind. So steuert das Bühnen­ge­schehen auf die finale Frage hin, ob der streng gläubige Islamist die ausge­streckte Hand der leidenden Mutter ergreift oder nicht. Unter Hinweis auf seinen Glauben lehnt er das mehrfach ab. Umso befrei­ender die final berüh­rende Geste des versöh­nenden Handschlags. Die zutiefst emotionale Klimax der Erzählung besitzt etwas umfassend Erlösendes: Für Diane endlich wieder trauern und weinen zu können, für Alexanda nicht mehr als Monster, sondern als Mensch wahrge­nommen zu werden und für die Zuschauer, dass es doch noch Zuver­sicht und Optimismus in dieser Welt gibt. Kaum ein Besucher im gut gefüllten Haus scheint vom Finale unbeein­druckt zu bleiben.

Die musika­lische Seite der Musik­thea­ter­pro­duktion liegt in den bewährten Händen des ebenfalls schei­denden General­mu­sik­di­rektors Joseph Trafton, der die Auftrags­kom­po­sition der ihm bekannten Kompo­nistin vor vier Jahren mit initiiert hat. Die zeitge­nös­sische Musik von Charlotte Bray ist durchaus konsu­me­rabel, sehr diffe­ren­ziert, zuweilen wohlklingend. Ein Stück weit erinnern die sphäri­schen Strei­cher­pas­sagen, die Schlag­werke und die Orffschen Instru­mente an Kaija Saariaho, in deren jüngst am Musik­theater im Revier Gelsen­kirchen urauf­ge­führter Oper Innocence ein ähnlich schuld­be­la­denes Sujet behandelt wurde. Der für die facet­ten­reiche Partitur erfor­der­liche komplexe Apparat des Philhar­mo­ni­schen Orchesters Hagen wird von Trafton im Zusam­men­spiel mit Solisten und Chor souverän zusammengehalten.

Foto © Volker Beushausen

Im Zentrum der Oper steht Diane Foley, die von Katherine Goeldner glaub­würdig verkörpert wird. Ihr nimmt man die gebro­chene Mutter, die ihr Kind verloren hat, vom ersten Moment ihres Auftritts ab. Phäno­typus, Ausdruck und Gestik machen sie zu einer Ideal­be­setzung, die auch stimmlich den hohen Anfor­de­rungen entsprechen kann. Man merkt ihr an, dass die Rollen­in­ter­pre­tation eine enorme physische Belastung sein muss. Die litera­rische Vorlage sieht sie am Ende mit Tränen in den Augen, und sie macht in ihrer Umsetzung tatsächlich Weinen.

Eine Sensation ist der Bariton Timothy Conner, dessen kraft­voller Bariton das Täter­profil von Alexanda Kotey so ungemein schroff und intensiv nachzeichnet. Jedes Wort wird zu einem Beben und das Leiden auch dieses Mannes, der seine in Syrien zurück­ge­lassene, junge Familie wohl nie mehr wird sehen können, wirkt zutiefst authentisch.

Der Tenor Roman Payer facet­tiert die gebro­chene Persön­lichkeit von James Foley erschüt­ternd innig und fordert seiner Stimme dabei beein­dru­ckende Nuancen ab. Dong-Won Seos tiefer Bass inkor­po­riert den ganzen Hass, der auf den Schultern des entmensch­lichten IS-Dschi­ha­disten Kotey lastet. Die Erscheinung der Mutter des Mörders wird von Angela Davis eindringlich und mit hervor­ra­gender stimm­licher Präsenz umgesetzt.

Der Chor fungiert in der Gesamt­kom­po­sition als wohl moduliertes Echo und bringt die sanft bis dringlich wieder­holten Inhalte der Protago­nisten sowohl aus dem Off als auch vom Bühnenrand filigran zu Gehör. Bedau­erlich nur, dass man sich teils der über der Bühne montierten Lautspre­cher­boxen bedient. Es ist und bleibt eine Unsitte, die mit dem Livecha­rakter einer Oper kaum vereinbar ist. Bedau­erlich, dass man für ein so inten­sives Klang­er­lebnis keine anderen Lösungen findet. Die Hinter­bühne, die Gassen, die Ränge oder die Prosze­ni­ums­logen würden sich da anbieten.

Alles in allem bleibt die Urauf­führung von American Mother eine glanz­volle Leistung. Die eigentlich als Dokumen­tation gedachte litera­rische Vorlage wird zur Allegorie für mensch­liche Erlösung. Es ist dem unbeirr­baren Mut der Theater­leitung zu verdanken, dass man sich dem riskanten Projekt in Zeiten zuneh­mender gesell­schafts­po­li­ti­scher Verwer­fungen und leerer kommu­naler Kassen gestellt und den morali­schen Anspruch von Theater mit Vehemenz formu­liert hat. Nicht nur die Feuil­letons sind voller Lob für die Produktion, auch die Anerkennung beim heimi­schen Publikum ist bemer­kenswert. Langan­hal­tender Applaus im Stehen unter­streichen den hohen Anspruch am Hagener Theater.

Nach der Vorstellung am 18. Juni gibt es die Möglichkeit, die echte Diane Foley zusammen mit Colum McCann und Charlotte Bray im Publi­kums­ge­spräch zu erleben!

Bernd Lausberg

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