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Als letzte Neuinszenierung der auslaufenden Amtszeit von Intendant Francis Hüsers ist am Stadttheater Hagen die Uraufführung von American Mother der britischen Komponistin Charlotte Bray zu sehen, die nach verschiedenen Kammermusikwerken, darunter die Kammeroper Entanglement aus dem Jahre 2015 mit American Mother nun ihre erste große Oper vorstellt. Die ereignisreiche, den Hagener Theaterbetrieb zur Hochform bringende Intendanz Hüsers setzt beim Endspurt nach dem äußerst gelungenen Don Carlos noch eins drauf und bringt in finanziell herausfordernden Zeiten ein Auftragswerk auf die Bühne, das es in sich hat.
Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Diane Foley und Colum McCann erzählt die rund 80-minütige, pausenlos gespielte Oper die Geschichte jenes schicksalhaften Tages im Leben von Diane Foley, an dem sie im Oktober 2021 in einem Gerichtsgebäude im US-Bundesstaat Virginia dem Täter gegenübersitzt, der sieben Jahre zuvor ihren Sohn, den Kriegsberichterstatter James Foley, über Jahre gefangen gehalten, gefoltert und letztlich ermordet hat. Der mittlerweile inhaftierte Mörder Alexanda Kotey gehörte der Terrorgruppe Islamischer Staat an, die 2014 vor laufenden Videokameras den amerikanischen Reporter enthauptet und die vermeintlichen Bilder als Message to America einer entsetzten Weltöffentlichkeit zeigten.

Das Buch American Mother wurde von Salman Rushdie als atemberaubende Geschichte von Gewalt und Vergebung bezeichnet. Für das Libretto der Oper verwendet McCann nur die ersten vierzig und die letzten zwanzig Seiten seines 200 Seiten umfassenden Buches. Der Fokus der Opernhandlung liegt auf Verlust und Versöhnung und blendet die politischen Zusammenhänge weitestgehend aus. Dennoch zeigt sich die Korona dieser Oper äußerst politisch aufgeladen. Die Begegnung von Täter und Opfer ist die Grundlage für einen komplexen Diskurs um die Fragen nach Schuld, Verantwortung und Reue auf der einen und Verlust, Trauer und Vergebung auf der anderen Seite. Regisseur Travis Preston inszeniert folglich ein intimes Kammerspiel, das zutiefst verstört und nachhaltig beeindruckt. Der sonst für Verfremdungen und Zuspitzungen bekannte Regisseur zeigt sich in der aktuellen Regiearbeit versachlicht und pur. Christopher Barreca hat dafür eine kargen, mit wenigen Möbeln bestückten Bühnenraum geschaffen, der in einem gefühlten 45-Grad-Winkel ausgerichtet ein Stück weit den Orchestergraben überspannt und so für eine größtmögliche Nähe zum Publikum und ein Höchstmaß an Intimität sorgt. Der Zuschauer scheint wie durch ein Schlüsselloch Zeuge der erschütternden Details des emotional aufgeladenen Zwiegesprächs zu werden, in dem Diane Foley erst anklagend den Mörder sieht, dann jedoch zunehmend die Menschlichkeit hinter dessen steinernen Fassade zu erkennen vermag. Auch Foleys Monologe, die Bitten um göttlichen Beistand, sind geprägt von tiefer Trauer, starken Zweifeln und letztlich Hoffnung.
Immer wieder gibt es Rückblenden oder Erscheinungen, die die Erinnerungswelten der Protagonisten bebildern und beeinflussen. So erscheint Diane Foleys Sohn in verschiedenen Phasen seiner Leidensgeschichte auf einer vom Schnürboden abgehängten Kanzel. Die Mutter vom IS-Terrorist Kotey gelangt von der Hinterbühne über eine kompakte Treppenkonstruktion an den Rand der Spielfläche. Auf- und Abgänge erfolgen in unmittelbarer Nachbarschaft der Zuschauer über die vorderen Türen des Parketts.
Nur wenige optische Akzente, wie die horizontale Projektion einer wolkenverhangenen Abendstimmung, einer zerbombten Stadtlandschaft oder den Suren des Korans lenken vom eigentlichen Schauplatz des Dramas ab. So gelingt es dem Regieteam eindrucksvoll ein Spannungsfeld zwischen den größten Abscheulichkeiten, die Menschen einander antun können und kompromissloser Vergebung zu erzeugen.
Der Dialog zwischen Foley und Kotey, nur unterbrochen von den Interaktionen des hasserfüllten Gefängniswärters, den Visionen des ermordeten Sohns sowie der Mutter des Täters, enthält Momente, die nur schwer zu ertragen sind. So steuert das Bühnengeschehen auf die finale Frage hin, ob der streng gläubige Islamist die ausgestreckte Hand der leidenden Mutter ergreift oder nicht. Unter Hinweis auf seinen Glauben lehnt er das mehrfach ab. Umso befreiender die final berührende Geste des versöhnenden Handschlags. Die zutiefst emotionale Klimax der Erzählung besitzt etwas umfassend Erlösendes: Für Diane endlich wieder trauern und weinen zu können, für Alexanda nicht mehr als Monster, sondern als Mensch wahrgenommen zu werden und für die Zuschauer, dass es doch noch Zuversicht und Optimismus in dieser Welt gibt. Kaum ein Besucher im gut gefüllten Haus scheint vom Finale unbeeindruckt zu bleiben.
Die musikalische Seite der Musiktheaterproduktion liegt in den bewährten Händen des ebenfalls scheidenden Generalmusikdirektors Joseph Trafton, der die Auftragskomposition der ihm bekannten Komponistin vor vier Jahren mit initiiert hat. Die zeitgenössische Musik von Charlotte Bray ist durchaus konsumerabel, sehr differenziert, zuweilen wohlklingend. Ein Stück weit erinnern die sphärischen Streicherpassagen, die Schlagwerke und die Orffschen Instrumente an Kaija Saariaho, in deren jüngst am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen uraufgeführter Oper Innocence ein ähnlich schuldbeladenes Sujet behandelt wurde. Der für die facettenreiche Partitur erforderliche komplexe Apparat des Philharmonischen Orchesters Hagen wird von Trafton im Zusammenspiel mit Solisten und Chor souverän zusammengehalten.

Im Zentrum der Oper steht Diane Foley, die von Katherine Goeldner glaubwürdig verkörpert wird. Ihr nimmt man die gebrochene Mutter, die ihr Kind verloren hat, vom ersten Moment ihres Auftritts ab. Phänotypus, Ausdruck und Gestik machen sie zu einer Idealbesetzung, die auch stimmlich den hohen Anforderungen entsprechen kann. Man merkt ihr an, dass die Rolleninterpretation eine enorme physische Belastung sein muss. Die literarische Vorlage sieht sie am Ende mit Tränen in den Augen, und sie macht in ihrer Umsetzung tatsächlich Weinen.
Eine Sensation ist der Bariton Timothy Conner, dessen kraftvoller Bariton das Täterprofil von Alexanda Kotey so ungemein schroff und intensiv nachzeichnet. Jedes Wort wird zu einem Beben und das Leiden auch dieses Mannes, der seine in Syrien zurückgelassene, junge Familie wohl nie mehr wird sehen können, wirkt zutiefst authentisch.
Der Tenor Roman Payer facettiert die gebrochene Persönlichkeit von James Foley erschütternd innig und fordert seiner Stimme dabei beeindruckende Nuancen ab. Dong-Won Seos tiefer Bass inkorporiert den ganzen Hass, der auf den Schultern des entmenschlichten IS-Dschihadisten Kotey lastet. Die Erscheinung der Mutter des Mörders wird von Angela Davis eindringlich und mit hervorragender stimmlicher Präsenz umgesetzt.
Der Chor fungiert in der Gesamtkomposition als wohl moduliertes Echo und bringt die sanft bis dringlich wiederholten Inhalte der Protagonisten sowohl aus dem Off als auch vom Bühnenrand filigran zu Gehör. Bedauerlich nur, dass man sich teils der über der Bühne montierten Lautsprecherboxen bedient. Es ist und bleibt eine Unsitte, die mit dem Livecharakter einer Oper kaum vereinbar ist. Bedauerlich, dass man für ein so intensives Klangerlebnis keine anderen Lösungen findet. Die Hinterbühne, die Gassen, die Ränge oder die Proszeniumslogen würden sich da anbieten.
Alles in allem bleibt die Uraufführung von American Mother eine glanzvolle Leistung. Die eigentlich als Dokumentation gedachte literarische Vorlage wird zur Allegorie für menschliche Erlösung. Es ist dem unbeirrbaren Mut der Theaterleitung zu verdanken, dass man sich dem riskanten Projekt in Zeiten zunehmender gesellschaftspolitischer Verwerfungen und leerer kommunaler Kassen gestellt und den moralischen Anspruch von Theater mit Vehemenz formuliert hat. Nicht nur die Feuilletons sind voller Lob für die Produktion, auch die Anerkennung beim heimischen Publikum ist bemerkenswert. Langanhaltender Applaus im Stehen unterstreichen den hohen Anspruch am Hagener Theater.
Nach der Vorstellung am 18. Juni gibt es die Möglichkeit, die echte Diane Foley zusammen mit Colum McCann und Charlotte Bray im Publikumsgespräch zu erleben!
Bernd Lausberg