O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Geniales Schachbrettmuster

DON CARLOS
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
6. April 2025
(Premiere)

 

Theater Hagen

Zum Abschluss seiner Intendanz am Stadt­theater Hagen insze­niert Hausherr Francis Hüsers Don Carlos von Guiseppe Verdi und entscheidet sich für die fünfaktige Version in franzö­si­scher Sprache. Diese 1867 in Paris urauf­ge­führte große franzö­sische Oper ist mit gut vier Stunden länger und komplexer als die zumeist gespielte italie­nische Version, die in Hagen zuletzt 2012 auf dem Spielplan stand. Nun sind es gar fünf Stunden, in denen das Publikum aufge­fordert wird, in die macht­po­li­ti­schen Abgründe des spani­sches Hofes und seiner Intrigen zu schauen. Als tragische Figur steht der Infant Don Carlos im Fokus der Opern­handlung, die auf Schillers Drama basiert. Für Hüsers scheint es wichtig, die fünfaktige Version zu zeigen, da sie mit dem Fontaine­bleau-Akt die Grundlage für die Zerris­senheit der Protago­nisten, allen voran des Don Carlos setzt. Für jedes Haus ist die lange franzö­sische Version eine große Heraus­for­derung, die alle Bereiche des Theaters über die Maßen fordert. Gleich­zeitig ist es in Hagen der Schluss­punkt der Serie großer Sonntags­nach­mit­tags­opern, die  in den voran­ge­gan­genen Spiel­zeiten Wagner gewidmet war. Alle betei­ligten Gewerke des Theaters demons­trieren hier ihr Leistungs­ver­mögen, und es ist außer­or­dentlich beachtlich, dass sich das auch finan­ziell gefor­derte Hagener Theater diesem hohen Anspruch stellt.

In Hagen geht an diesem Nachmittag die Rechnung der Leistungs­schau auf. Das Regieteam um Hüsers insze­niert ein Spiel der Könige und macht die Handlung des Don Carlos zu einem großan­ge­legten Schach­spiel. Schon zur Ouvertüre öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf ein atembe­rau­bendes Tableau, das aus Schach­fi­guren auf einem stark angeschrägten, überdi­men­sio­nierten Schach­brett besteht. Der schwarzweiß marmo­rierte Spiel­grund ist diagonal platziert und reicht vom Orches­ter­graben bis zum Bühnen­hin­ter­grund, der das Spielfeld mit hohen schwarzen Wänden umsäumt. Die haushohe Archi­tektur des Bühnen­hin­ter­grunds ist mit einem Band hoher, doppel­tü­riger Lammel­len­fenster versehen, die zugleich als Tore den Zugang von der Hinter­bühne ermög­lichen. Theater­nebel steht im Raum, und das Spiel beginnt.

Foto © Matthias Jung

Chor und Sänger­dar­steller stehen sich als Schach­fi­guren verkleidet auf dem Brett streng in Schwarz und Weiß geteilt gegenüber. Die brillanten Kostüme von Katharina Weissenborn zeigen abstra­hierte Figurinen des Schachs. Die hohen Kopfbe­de­ckungen verweisen mit ihren Symbolen auf Bauern, Läufer, Springer, Türme, Pferde, Königinnen und Könige. Die intel­ligent konstru­ierten Kostüme bestehen aus einem chiffon­ar­tigen, trans­pa­renten Überwurf. Die Silhou­etten der Figuren scheinen statisch konstruiert, erlauben aber dennoch ein hohes Maß an Beweg­lichkeit. Dem Gefolge des weißen Königs um Phillip II. und Elisabeth von Valois stehen ein schwarzer König in der Person des Großin­qui­sitors und Prinzessin Eboli als schwarze Königin gegenüber. In dem atembe­rau­benden Bühnen­setting von Mathis Neidhardt bleiben alle Bilder und Szenen der Oper verortet. Durch eine ausge­klü­gelte Licht­regie gelingen so Momente beein­dru­ckender Macht­größe und intimer Privat­sphäre.  Die Motivik des Schach­spiels bestimmt das Geflecht um Liebe, Macht, Einfluss und Vernichtung. Sich formal und inhaltlich den Regeln des Schach­spiels zu bedienen, erlaubt Regisseur Hüsers, den eigent­lichen Gegensatz zwischen spani­scher Krone und der heiligen Inqui­sition in den Mittel­punkt seines Regie­kon­zepts zu stellen. Der tatsäch­liche Gegen­spieler im Kampf um Macht ist nicht der Rebell Marquis von Posa, sondern der Großin­qui­sitor als Reprä­sentant der übermäch­tigen Heiligen Inqui­sition. Diese Macht­in­sti­tution ist auch vom König nicht zu schlagen und das Beste, was er erhoffen kann, ist ein Remis.

Posa, der beste Freund und Vertraute von Don Carlos wird geschickt vom König verein­nahmt und für seine Zwecke missbraucht.  Symbo­lisch erhält Posa in diesem Zusam­menhang einen weißen Überwurf für sein schwarzes Beinkleid. Die Insze­nierung lebt von vielen feinsin­nigen Details, die dem ungeschulten Betrachter manchmal nicht wirklich zugänglich sind. So werden die Rollen von Großin­qui­sitor und Mönch etwas gewagt zusam­men­gelegt. Es entstehen aber auch ganz wunderbare Bilder, die Persön­lich­keiten komplex zu zeichnen vermögen. So sieht man Phillip II., zu Beginn des vierten Aktes auf dem Rand des großen Schach­bretts sitzend, in ein tatsäch­liches Schach­spiel vertieft, während er beklagt, niemals von Elisabeth geliebt worden zu sein. Ein ganz berüh­render Moment vom Schach­spiel im Schach­spiel. Eine wunderbare Versinn­bild­li­chung des ganz Privaten im Gefüge der großen Macht. Die Gesamt­in­sze­nierung bleibt konse­quent dem Schwarzweiß-Duktus des Schach­spiels treu. Einer der wenigen Farbak­zente zeigt sich am Ende des zweiten Aktes, als Phillip II. zur Strafe die Lieblings­hofdame Elisa­beths von spani­schen Hofe verbannt. Während dieses bewegenden Moments werden von gesamten Bühnen­per­sonal rote Chiffon­schals über die Schultern der Gräfin von Aremberg gelegt.  Etwas mehr Rot könnte man sich hingegen bei der Autodafé-Szene vorstellen. Hier bleibt die optische Umsetzung etwas hinter den Erwar­tungen zurück. Gleichwohl anzumerken ist, dass es sich bei der öffent­lichen Hinrichtung nicht immer um Verbren­nungen gehandelt hat.

Das der ohnehin sehr komplexen Oper einer Paren­these gleich hinzu­ge­fügte Ballett der Königin ist als Regie­einfall eher zu vernach­läs­sigen. Der ansonsten überzeu­genden und für sich einneh­menden Insze­nierung schadet es nachhaltig nicht.

Die Hagener Produktion ist von einer erlesenen Eleganz geprägt, die für sich genommen schon faszi­niert. Eine solch atmosphä­risch stimmige Bebil­derung und facet­ten­reiche Nuancierung erlebt man selten.

Die optische Opulenz der Produktion wird aller­dings von der musika­li­schen Grandezza noch übertroffen. Es ist einfach nur erstaunlich, welches Sänger­ensemble man für diesen Don Carlos in Hagen verpflichten konnte. Für ein Haus, das großen Sparzwängen unter­worfen ist und um sein Überleben kämpft, eine wahre Offenbarung.

Hier zeigt sich die kluge Führung des Hauses durch den schei­denden Inten­danten. Das Konzept, das feste Ensemble einer­seits mit äußerst talen­tierten Rollen­de­bü­tanten und erfah­renen Gästen ander­seits zu kombi­nieren, geht in Hagen auf.

An diesem Abend sind es vier überra­gende Sänger­in­ter­preten, die den Weg nach Hagen gefunden haben und brillieren.

Allen voran Kazuki Yoshida als Don Carlos und Caterina Meldolesi als Elisabeth. Beide haben ihre Parts vorher bereits in der italie­ni­schen Version gesungen. Dennoch ist die franzö­sische Fassung ein Debüt, dass beide mit Bravour meistern. Yoshida gibt den Titel­helden scheinbar mühelos. Seine stimm­liche Präsenz ist allge­gen­wärtig, und er verfügt über eine äußerst kluge Rollen­ge­staltung, sodass er die Strahl­kraft in der Höhe nie verliert und allen musika­li­schen Ansprüchen gerecht werden kann. Darstel­le­risch auch ein absolut überzeu­gender Infant von Spanien. An seiner Seite eine stimm­ge­waltige Elisabeth, die vom feinsten Piano bis hin zum strah­lenden Forte alle Facetten bedient, mit der der Komponist die Rolle versehen hat. Bemer­kenswert das Aufblühen ihrer Stimme in der Höhe, das einen schier aus den Sitzen zieht. Beide geben eine äußerst eindrucks­volle Visiten­karte für ihre zukünftige Karriere ab.

Almerija Delic ist an diesem Abend die Ideal­be­setzung für die Prinzessin Eboli. Der halsbre­che­ri­schen Partie bleibt die junge Mezzo­so­pra­nistin nichts schuldig. Mit ihrer warm timbrierten Stimmlage nimmt sie für sich ein. Die Regis­ter­wechsel zwischen Brust- und Kopfton gelingen stets, und es ist eine wahre Freude, dem Stimm­feu­erwerk lauschen zu dürfen. Ihr stimm­liches Vermögen wird durch ihre darstel­le­rische Überzeu­gungs­kraft noch einmal verstärkt.

Renatus Mészár ist ein überra­gender Phillip II. und singt und agiert einfach meisterlich. Als ausge­wie­sener Wagner-Interpret bringt er das erfor­der­liche Material mit, ein umfas­sendes Rollen­porträt abzuliefern. Die gewaltige stimm­liche Präsenz auf der einen Seite und eine enorme Palette an Zwischen­tönen auf der anderen Seite machen seine Inter­pre­ta­tionen ungewöhnlich rund. Seine ausge­wogene, dunkle Bariton­stimme mit Wärme und Noblesse nimmt für sich ein.

Foto © Matthias Jung

Rodrigo Posa wird vom hinreißend flinken, hausei­genen Bariton Insu Hwang bestens in Szene gesetzt. Eine bessere Verkör­perung für den Verrat könnte man sich kaum vorstellen. Äußerst spiel­freudig meistert er stimmlich und darstel­le­risch die Heraus­for­de­rungen der Partie. In Hagen schon seit Jahren Garant für authen­tische Bühnen­präsenz und stimm­liche Verve.

Desgleichen Dong-Won Seo, der sowohl die Rolle des Großin­qui­sitors als auch des Mönchs verkörpert. Sein verlässlich tiefer Bass trägt rollen­konform die Abgründe der Heiligen Inqui­sition in sich und vermag in beiden Rollen stimmlich und darstel­le­risch zu überzeugen.

Die Hosen­rolle des Thibault wird von Ofeliya Pogosyan stimm­schön und darstel­le­risch formvoll­endet inter­pre­tiert. Die lyrische Tenor­stimme von Anton Kuzenok verleiht dem Grafen von Lerma und dem Herold eine glaub­würdige Verkör­perung, die von der angenehm timbrierten Stimme stets getragen wird. Ausge­sprochen beein­dru­ckend das Quartett der vier flandri­schen Deputierten von Hagen Goar Bornmann, Ramon Karolan, Maximilian Schwarz­acher und SoJin Yang. Kisum Kim verleiht der Stimme aus der Höhe die der Rolle gebotene sphärische Aura. Sebastian Joest als Anführer der Arbeiter rundet das grandiose Sänger­ensemble ab.

Chor und Extrachor des Theaters Hagen verschmelzen zu einem ausba­lan­cierten Klang­körper, der optisch und akustisch einen vortreff­lichen Rahmen für die Handlung bildet. Er sorgt für belebende, aber völlig unauf­ge­regte Bewegung.

Ganz besonders zu erwähnen ist das Philhar­mo­nische Orchester Hagen, dass unter der musika­li­schen Leitung von Joseph Trafton am Premie­ren­abend über sich hinaus­zu­wachsen scheint. Der anspruchs­vollen Partitur wird man hier vollum­fänglich gerecht. Die Partitur Verdis wird mit nicht nachlas­sender Inten­sität und großer Spannung sehr nuanciert mit farbreichem Klang nachge­zeichnet. Mit vorsichtig zurück­ge­nom­menen Strei­chern klingt das Orchester schlank und trans­parent. Das Blech agiert umsichtig und präzise. Auch der Weggang des General­mu­sik­di­rektors Trafton wird eine große Lücke hinter­lassen. Großes Lob gebührt auch der Sologeige von Shotaro Kageyama.

Nach einem sehr langen Opern­spek­takel der befreiende Applaus im nicht ganz ausver­kauften Haus. Stehende Ovationen und begeis­terte Zustimmung für alle Betei­ligten. Die wenigen Buhs für das Regieteam riechen nach Claque.

An der heraus­ra­genden Qualität der Insze­nierung und dem umfassend gelun­genen Klang­er­lebnis gibt es keinerlei Zweifel.

Bernd Lausberg

Teilen Sie O-Ton mit anderen: