Zwischen Varieté und Müllhalde

LADY MACBETH VON MZENSK
(Dmitri Schostakowitsch)

Besuch am
18. Mai 2024
(Premiere)

 

Theater Hagen

Auf beacht­lichem Niveau stemmt das Theater Hagen mit Dmitri Schost­a­ko­witschs Oper Lady Macbeth von Mzensk einen besonders heraus­for­dernden Kraftakt. Das Premieren-Publikum im gut gefüllten Haus feiert das musika­lische Team mit überschwäng­licher Begeis­terung, während Hausherr und Regisseur Francis Hüsers einige Buh-Rufe einstecken muss.

Szenische Ungereimt­heiten verblassen indes angesichts der musika­li­schen Qualität, mit der das Hagener Theater ein derart komplexes und aufwändig zu beset­zendes Werk präsen­tieren kann. Hüsers hat sich zu Schost­a­ko­witschs 1934 in Leningrad urauf­ge­führtem, einstigem „Skandal­stück“ etliche Gedanken gemacht, mögli­cher­weise zu viele angesichts der ohnehin schon vielschich­tigen Anlage und verwor­renen Rezep­ti­ons­ge­schichte des Stücks. 1934 noch mit großem Erfolg aus der Taufe gehoben, traf Schost­a­ko­witschs „Dickicht des musika­li­schen Chaos“ nur zwei Jahre später der Bannstrahl Stalins. Die einer­seits realis­tisch harten Gewalt‑, Verge­wal­ti­gungs- und Mordszenen, anderer­seits die skurril ironi­sierten Seiten­hiebe gegen beschränkte Polizisten und trink­freudige Popen wider­sprachen dem verord­neten Optimismus des „sozia­lis­ti­schen Realismus“. Ganz zu schweigen von der morali­schen Einordnung der Titel­heldin, die als Frau und Gattin aus ihrem von patri­ar­cha­li­scher Unter­drü­ckung und zermür­bender Lange­weile geprägten Ehe-Gefängnis ausbrechen will, in der verbo­tenen Liebe zum Knecht Sergej zur Doppel­mör­derin wird und in einem sibiri­schen Straf­lager endet. Die Grenzen zwischen Opfer und Täter, Verständnis und Abscheu verwi­schen sich.

Francis Hüsers und Bühnen­bildner Mathis Neidhardt siedeln die Handlung auf der munter rotie­renden Drehbühne in drei Welten an: Katerinas elendes Dasein als Ehefrau in einem stali­nis­ti­schen Varieté-Theater, ihr kurzes Glück mit Sergej in einer bürger­lichen Wohnstube und das Ende auf einer Art Müllhalde. Die Zersplit­terung verwirrt nicht nur, sie nimmt dem Stück eine gehörige Dosis an Schärfe. Die demüti­genden Erfah­rungen Katerinas im Zirkus-Ambiente, mehr noch das Straf­lager als Ort umher­ir­render Müllwerker, das alles wird der pointierten Drastik des Werks nicht gerecht. Besser trifft Hüsers die ironi­schen Pfeil­spitzen, etwa im zur Travestie-Show virtuos aufge­schäumten Auftritt der Polizisten.

Foto © Jörg Landsberg

Seine handwerk­lichen Fähig­keiten spielt Hüsers am überzeu­gendsten in der Perso­nen­führung aus, so dass die Charaktere der Figuren und die verwi­ckelten Bezie­hungs­ge­flechte profi­liert zum Ausdruck kommen.

Dass etwa der unerbittlich autoritäre Patron Boris Ismailow im Kostüm eines Zirkus­di­rektors nicht zur Karikatur gerät, ist vor allem der beein­dru­ckenden Präsenz von Insu Hwang zu verdanken, der mit seinem substanz­reichen Bass am Ende auch noch als empathi­scher Lager­in­sasse überzeugt. Dass die mehr als 20 Solo-Partien fast ausnahmslos aus den eigenen Reihen besetzt werden können, spricht für die vorbild­liche Ensem­b­le­pflege des Hauses. Dagegen spricht auch nicht die selbst an größeren Häusern übliche Praxis, für die beiden größten Partien auf Gäste zurück­zu­greifen. Die mörde­ri­schen Ansprüche der pausenlos zwischen Ekstase und Depression, Verzweiflung und Glück, Auflehnung und Zusam­men­bruch changie­renden Titel­partie der Katerina Ismailowa bewältigt Viktorija Kamins­kaite stimmlich und darstel­le­risch vorbildlich. Der psycho­lo­gisch etwas einfacher gestrickten Figur des Sergej verleiht Roman Payer die nötige tenorale Strahl­kraft. Ein Sonderlob verdient der aufge­stockte Chor des Theaters.

Was die Insze­nierung an Härte vermissen lässt, gleicht General­mu­sik­di­rektor Joseph Trafton mit dem hoch motivierten Philhar­mo­ni­schen Orchester aus. Weiträumige Entwick­lungen steigert er zu bombas­ti­schen Höhepunkten, die ironi­schen Fassetten der Partitur tönen umso greller und die schroffen Stimmungs­wechsel fängt er souverän auf. Und das alles mit beacht­licher Rücksicht auf die Sänger.

Insgesamt eine musika­lisch hervor­ra­gende, szenisch disku­table Produktion einer der spannendsten Opern des frühen 20. Jahrhunderts.

Pedro Obiera

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