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Unter stürmischem Beifall hebt Francesco Nappa sein neues Tanzstück Odyssee im gut besuchten Theater der Stadt aus der Taufe. Sieben Episoden aus Homers gewaltigem Epos nimmt sich der Hagener Chefchoreograf mit seinen zehn Tänzern vor und schöpft für die 105-minütige Kreation tänzerisch aus dem Vollen.
Mit seiner Mischung aus Abenteuer, Fantasy, Erotik, Gewalt und Liebe enthält Homers Werk bereits alle Ingredienzien, aus denen auch heutige Bestseller auf und jenseits der Filmleinwand gestrickt werden. Eine Chance für einen vitalen, ebenso effektvollen wie hintergründigen Theaterabend, die sich Nappa und seine hoch motivierte Compagnie nicht entgehen lassen.

Den Rahmen für die 20-jährige Odyssee des Titelhelden bestimmt die eherne Treue seiner Gattin Penelope, die sich im langen Wartestand etlicher lästiger Freier erwehren muss und am Ende ihren abenteuererprobten Mann wieder in die Arme schließen kann. Dazwischen entfaltet Nappa einen bunten Bilderbogen mit aufwühlenden Seestürmen, bestrickenden Verführungskünsten von Circe und den Sirenen sowie Kämpfen mit dem Kraftpaket Polyphem und Penelopes Freiern. Nappas differenzierter Umgang mit der Schwerkraft führt zu Spannungsfeldern, in denen die Figuren immer wieder die Bodenhaftung verlieren. Mit akrobatischen Sprüngen in den kraftbetonten Auftritten der Schiffsmannschaft, mit federleichten Hebungen oder gar völlig erdenthobenen Luftflügen in den sensiblen Passagen Circes und Penelopes. Wobei die Männerrollen zwar eine starke dynamische, aber keine grobschlächtig maskuline Energie ausstrahlen. Selbst den an sich brutalen Polyphem stellt Antoine Luc Koutchouk Charbonneau feingliedrig mit hintergründiger Dämonie dar. Sein Kampf mit dem ebenso jugendlich und schlank besetzten Odysseus nimmt eher die Züge eines einem Initiationsritus nicht fernstehenden Liebesspiels an. Matteo Castelletta führt in der Titelrolle mit charismatischer Ausstrahlung das vorzügliche Ensemble an, in dem Hannah Law eine ebenso introvertiert zerbrechlich anmutende wie charakterstarke Penelope darstellt. Mit großem Selbstbewusstsein versucht Yu-Hsuan (Mia) Hsu als Circe den Seefahrer zu „becircen“. Hervorzuheben ist die Flexibilität, mit der der Rest des Ensembles, zusätzlich auch einige der Solisten, für die Ensembleszenen in Rollen der Sirenen und der Schiffsmannschaft schlüpfen.
Ein rotes Fadengeflecht symbolisiert in den ebenfalls von Nappa kreierten Bühnenbildern die Verbundenheit Penelopes mit ihrem Gatten, ein leibhaftiges, oft in effektvollen Nebel gehülltes Schiff birgt die Seeleute. Für fantasievolle Kostüme sorgt Tanja Liebermann, so etwa mit einem schlangenhaft gleißenden Outfit für Polyphem oder wehenden Stoffen für die Sirenen.
Dass das Philharmonische Orchester Hagen unter Leitung von Rodrigo Tomillo die plastischen Klänge von Ezio Bossos Oceans-Sinfonie und der Sturmmusik aus Benjamin Brittens Peter Grimes live zum Klingen bringt, kommt der Wirkung des gesamten Stücks spürbar entgegen. Ein Sonderlob verdient der Cellist Van Vaigot für seine anspruchsvollen Solo-Passagen. Auch in der berühmten Élégie von Gabriel Fauré, mit der der Abend nach den dramatischen Ereignissen als harmonischer Pas de Deux in romantischem Wohlklang endet.
Langanhaltender Beifall für einen fantasievollen und kurzweiligen Tanzabend auf hohem Niveau.
Pedro Obiera