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PARISER LEBEN
(Jacques Offenbach)
Besuch am
2. November 2018
(Premiere am 27. Oktober 2018)
Im kommenden Jahr steht der 200. Geburtstag von Jacques Offenbach an. Eine gute Gelegenheit, die nicht unbedingt anregende Rezeptionsgeschichte der letzten Jahrzehnte im Umgang mit Offenbachs „Operetten“ auf höherem Niveau beleben und dabei manches korrigieren zu können. Auch wenn sich Johann Strauss jr. von Offenbach inspirieren ließ, auch wenn Offenbach als gebürtiger Kölner mit deutschen Musiktraditionen aufgewachsen ist, versprühen seine unterhaltsamen Bühnenwerke ein derart spezifisches, den Zeitgeist der Belle Époque aufgreifendes und zugleich in Frage stellendes Kolorit, dass die Mischung aus Pariser Kabarett, Revue und Gesellschaftssatire durch geläufige Begriffe wie „Operette“ nur unzureichend gekennzeichnet werden kann. Ebenso wenig wird man Offenbachs „Opéra bouffe“ durch die Übersetzung als „Komische Oper“ gerecht.
Das Theater Hagen läutete jetzt das Offenbach-Jahr mit einer rundum gelungenen Neuinszenierung von Offenbachs Pariser Leben ein und beschreitet dabei einen geschickten und im Ergebnis erfolgreichen Weg. Regisseur Holger Potocki versucht erst gar nicht, idiomatisches Pariser Flair zu kopieren, sondern spielt mit dem französischen Kolorit, ohne die Handlung zu einer flachen Gag-Parade zu verbiegen. Es tummelt sich alles auf der Bühne, was mit Paris assoziiert werden kann: Die Mona Lisa, der Glöckner von Notre Dame, Karl Lagerfeld und sogar ein rauchendes Croissant auf zwei Beinen. Potocki flechtet solche Anspielungen mit leichter Hand unaufdringlich in die Handlung ein. Dabei lässt er ein aufmerksames Gespür für den aktuellen Gehalt des Stücks erkennen, mit dem Offenbach 1867 auf den Besucher-Hype im Umfeld der Weltausstellung Bezug nimmt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Es sind die Schokoladenseiten der Stadt, die schon zu Offenbachs Zeiten Heerscharen von Touristen anlockten, auch wenn sie eine Scheinwelt erwarten, die der Realität nicht entspricht. Insofern überzeugt Potockis Ansatz, nicht die Glitzerfolie der Belle Époque in den Mittelpunkt zu stellen, sondern einen sozial heruntergekommenen Vorort, in den es zu nächtlicher Stunde ein reiches dänisches Touristenpaar verschlägt. Der Baron erwartet amouröse Abenteuer, seine Gattin möchte das turbulente gesellschaftliche Leben genießen. Die ersten Erfahrungen sind dagegen ernüchternd. Einerseits die verwahrloste Umgebung, andererseits die Begegnung mit einem netten Knaben, der die beiden kurzerhand ausraubt. Während die Baronin erschöpft einschläft und vom Glamour der Weltstadt wenigstens träumen kann, bereitet der Gelegenheitsgauner Raoul dem Baron ein Fest mit versprochenen Amouren, das freilich mehr Illusionen erweckt als Wunschträume erfüllt. Die witzigen Komplikationen, die sich aus der Ausgangssituation ergeben, inszeniert Potocki mit flotter Hand.

Ausstatterin Lena Brexendorff gelingt es, mit bescheidenen Mitteln sowohl die Underdog-Atmosphäre der Vorstadt, den vorgetäuschten Luxus im Edel-Penthouse und im Traum der Baronin sogar den Flitter der Belle Époque einzufangen. Eine gute Basis für das spielfreudige Ensemble, zu dem das Theater Hagen den Chor und Extrachor, das Ballett und die Statisterie gesellt und damit nahezu den gesamten Apparat des Haues einsetzt. Schade, dass bereits in der ersten Reprise das Parkett bei weitem nicht voll besetzt war. Der Führungswechsel am Theater bedarf wohl noch einiger Zeit, um vom Publikum voll akzeptiert zu werden.
Musikalisch entzündet Maestro Rodrigo Tomillo ein perfektes Feuerwerk an Schwung und Pep, mit dem die Solisten, aber auch der gut geführte Chor und das Ballett über die Bühne wirbeln. Dabei werden zum Can Can nicht nur Röcke hochgewirbelt und lange Damenbeine geschwungen, sondern die Damen dürfen sich auch an männlichen „Lustsklaven“ erfreuen.
Nach wie vor gehört der Ensemblegeist zu den Stärken des Theaters Hagen. Das schlägt sich in der vorzüglichen Besetzung nieder, in der es bis in die kleinste Rolle keinen nennenswerten Ausfall zu beklagen gibt. Veronika Haller als Baronin wird ihrem glänzenden Ruf gerecht, Kenneth Mattice als Baron und Richard van Gemert Raoul geben ihren Rollen Zucker. Eine Augen- und Ohrenweide bietet Marilyn Bennett als laszive Mme Quimper-Karadec.
Eine Produktion, die das Publikum begeisterte und Hoffnung auf ein innovatives Offenbach-Jahr macht. Das an sich treue Hagener Publikum sollte dabei das neue Leitungsteam unterstützen.
Pedro Obiera