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Parsifal als Klimaretter

PARSIFAL
(Richard Wagner)

Besuch am
20. März 2022
(Premiere)

 

Theater Hagen

Der Gral als zartes, bedrohtes Pflänzchen: So eindeutig wie jetzt in der Neuin­sze­nierung des Theaters Hagen wurde Richard Wagners Bühnen­weih­fest­spiel Parsifal wohl noch nie aus einer ökolo­gi­schen Perspektive auf die Bühne gestellt. Ein inter­es­santer Ansatz der Regis­seurin Nilufar K. Münzing. Doch die Palme gebührt dem ausge­sprochen hohen musika­li­schen Niveau der Produktion, die, von ganz wenigen Gästen abgesehen, als lupen­reine Ensem­ble­leistung gewertet kann. Da darf Hagen schon stolz sein, die anspruchs­volle Rolle der Kundry mit einer so überra­genden Sopra­nistin wie Angela Davis aus den eigenen Reihen besetzen zu können. Die Sängerin besticht durch eine kernge­sunde Mittellage und bewältigt selbst extreme Höhen mühelos, wobei sie zusätzlich durch eine starke darstel­le­rische Präsenz punkten kann. Auf gleichem Niveau überzeugt der nobel phrasie­rende Bassist Dong-Won Seo in der monolog-gesät­tigten Partie des Gurnemanz. Der inter­na­tional renom­mierte Gast Corby Welch in der Titel­rolle garan­tiert eine mehr als solide Leistung mit ausrei­chender tenoraler Strahl­kraft. Die Schlüs­sel­szene mit Parsifal und Kundry im zweiten Akt markiert einen besonders heraus­ra­genden Höhepunkt des langen Abends.

Insu Hwang als Amfortas und Jaco Venter als Klingsor vervoll­stän­digen mit profi­lierten Rollen­studien den Solis­ten­reigen. Joseph Trafton am Pult des Philhar­mo­ni­schen Orchesters Hagen kann natürlich nicht den verschlei­erten Klang des verdeckten Bayreuther Festspiel­or­chesters erzielen. Es gibt viele schöne Details zu hören, auch wenn es mitunter sehr direkt aus dem Graben tönt. Gleichwohl findet Trafton stets einen stilsi­cheren Zugang zu den unter­schied­lichen Fassetten des Werks. Sowohl zu den spiri­tuell verhal­tenen Klängen im Umfeld des Grals wie auch zu den drama­ti­schen Entwick­lungen im zweiten Akt und dem recht fein abgestimmten Umgang mit den diffizil gestaf­felten Chorpas­sagen. Musika­lisch ist an dem Hagener Parsifal kaum etwas auszusetzen.

Der ökolo­gische Ansatz der Insze­nierung mag verwundern, obwohl sich Wagner selbst stets heftig gegen den Raubbau an der Natur gewendet und mit dem Ring des Nibelungen ein klares Plädoyer für den Schutz der Natur hinter­lassen hat. Es ist zumindest disku­tabel, wenn Münzing die lebens­er­hal­tende Kraft des Grals nicht aus dem Heiligen Geist bezieht, sondern aus einem kleinen Pflänzchen, das am Ende, nach der „Erlösung“ aus seinem lebens­feind­lichen Plastik-Schrein, zu einem mächtigen, den Bühnenraum beherr­schenden Baum heran­wächst und der bedrohten Menschheit eine Überle­bens­chance signalisiert.

Aller­dings passt Münzings religi­ons­ferne Deutung nicht immer zur sakral gefärbten Musik Wagners. Wenn etwa Kundry zu Wagners salbungs­vollen Klängen im dritten Akt wie eine gereifte Greta Thunberg mit Plakaten für den Natur­schutz demons­triert und von Gegnern nieder­ge­knüppelt wird. Und einen banalen Beigeschmack erhält die Insze­nierung, wenn der Gegensatz zwischen der Grals­ge­sell­schaft und der diabo­li­schen Welt Klingsors auf fromme Askese und kommer­ziell orien­tierten Konsum­rausch reduziert wird.

Foto © Björn Hickmann

Dafür wird die Handlung von Bühnen­bild­nerin Britta Lammers in ein ehema­liges, mittler­weile abgeta­keltes, abbruch­reifes Kaufhaus verlagert, in dem die Grals­ritter ihr recht tristes Dasein fristen. Gurnemanz hat sich eine bescheidene Wohnland­schaft unter einer Treppe einge­richtet. Eine Welt, der sich Kundry in schlichtem Alltags-Outfit anpasst. Anders als in der verfüh­re­ri­schen Welt Klingsors, der noch über einen Vorrat an funkelndem Geschmeide und eleganten Gewändern verfügt und damit Kundry immer wieder gefügig machen kann.

Dass Kundry einem Fluch ausge­setzt ist, weil sie einst Jesus am Kreuz auslachte und durch das Schäfer­stündchen mit dem Gralskönig Amfortas dazu beitrug, dass Klingsor den Heiligen Speer an sich reißen konnte, lässt sich nur recht verkrampft in Münzings Konzept einfügen. Da hilft es auch nicht, dass sie die Ur-Szene mit Kundry und Jesus nachspielen lässt, wobei nicht nur Amfortas seine endlos schmer­zende Wunde erleidet, sondern, abwei­chend vom Libretto, auch Kundry. Es wirkt leicht grotesk, wenn sich die beiden vor Schmerzen krümmend die Bäuche halten, als hätten sie etwas zu üppig gegessen.

Immerhin lässt sich damit ein zentraler Aspekt von Wagners Werk anpeilen, das Mitleid. Der rücksichtslose Egoismus der Grals­ritter, die, ohne Mitgefühl für die Leiden Amfortas‘ auf die Enthüllung des Grals bestehen, wird deutlich, mitunter drastisch heraus­ge­stellt. Aber Wagners univer­saler Appell an die Christen der Welt, das Mitleid in den Mittel­punkt ihrer Lehre zu stellen und nicht den Menschen als Sünder, verliert an Schärfe und Breiten­wirkung, wenn man, wie in Hagen, die religiöse Dimension des Stücks weitgehend ausblendet. Damit bleibt auch der Erlösungsakt am Ende, wenn Parsifal mit dem wieder­ge­won­nenen Heiligen Speer die Wunde Amfortas‘ schließen kann, proble­ma­tisch. Wie lässt sich das mit der ökolo­gi­schen Deutung des Grals in Einklang bringen?

Insgesamt eine inter­es­sante, wenn auch nicht rundum stimmige Werkdeutung auf hohem musika­li­schem Niveau, die vom Premie­ren­pu­blikum mit langan­hal­tendem Beifall überschüttet wird.

Pedro Obiera

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