O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Sie gehört zu Giuseppe Verdis Lieblingsopern und gleichwohl zu seinen Sorgenkindern. Simon Boccanegra, 1857 in Mailand uraufgeführt, hat es trotz einer 24 Jahre späteren Revision durch den Komponisten nie zu besonderer Popularität gebracht. Ohrwürmer sind Fehlanzeige, die Stimmung ist dunkel-herb gefärbt, die Handlung auf den ersten Blick verworren. Es sind die psychologischen Feinheiten und der subtile Umgang mit orchestralen Klangfarben, die den leicht verborgenen Wert des Stücks ausmachen. Attribute, die freilich nicht zu Ovationen und Kassenschlagern taugen. Es ist gerade deshalb verdienstvoll, wenn sich das Theater Hagen an diese problembeladene Aufgabe heranwagt. Umso enttäuschender, dass schon die Premiere erstaunlich schwach besucht war. Kein hoffnungsfroher Saison-Auftakt für das neue Leitungsgespann mit Intendant Francis Hüsers und Generalmusikdirektor Joseph Trafton, der hier eine ebenso gute Figur macht wie am Ende der letzten Spielzeit mit Janáčeks ebenfalls schwach besuchtem Schlauem Füchslein.
Ob es angesichts der Schwierigkeiten, die gerade dieses Verdi-Opus bereithält, sinnvoll ist, eine begabte, aber noch relativ wenig erfahrene Regisseurin wie Magdalena Fuchsberger mit dieser Aufgabe zu betrauen, muss die Theaterleitung mit sich abklären. Immerhin hat Fuchsberger wichtige Erfahrungen als Regieassistentin und Abendspielleiterin an der Stuttgarter Oper sammeln können und sich mit eigenen Inszenierungen bisher vor allem an kleineren Bühnen in Ostdeutschland gewagt. Den Simon Boccanegra nimmt sie mit großem Ehrgeiz in Angriff, möchte das Stück jedoch auf eine Ebene schieben, die weder zum Libretto noch zur Musik passt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Ein Zentralproblem der Oper bleibt ungelöst: Nämlich die Vereinbarkeit und vor allem nachvollziehbare Verknüpfung von gleich vier Handlungssträngen, die zunächst für Verwirrung sorgen. Boccanegra, der historisch verbürgte Doge aus dem Genua des 14. Jahrhunderts, muss sich als Machtmensch gegen politische Widersacher und Intrigen wehren. Dieser öffentliche Konflikt nimmt in der Feindschaft zu Fiesco eine private Dimension an, indem Fiesco Boccanegra vorwirft, für den Tod seiner von Boccanegra geliebten Tochter Maria mitverantwortlich zu sein und von Boccanegra fordert, seine Enkeltochter Amelia zu finden und herauszugeben. Im Laufe des Stücks entdeckt Boccanegra in der Geliebten seines Todesfeinds Gabriele Adorno die verloren geglaubte eigene Tochter, so dass die private Dimension der Vater-Tochter-Beziehung in den Mittelpunkt gerät. Und viertens nimmt die Liebesbeziehung zwischen Amelia und Adorno alles andere als romantisch verklärte Züge an. Die Feindschaft der Familien wie auch die politischen Ambitionen Adornos rücken ein erlösendes Happy End in weite Ferne.
Es sind also politische und private Konflikte, die sich sehr diffizil vermischen und mitunter auch verfilzen. Fuchsberger sieht in dem Stück in erster Linie eine Botschaft für Freiheit und Frieden. Dazu lässt sie zunächst die etwas larmoyant-pathetische Schlussansprache des „kleinen Juden“ aus Chaplins Großem Diktator rezitieren, bevor die Musik anhebt. Allerdings die Musik aus dem dritten und letzten Akt. Und nicht nur einen Ausschnitt, sondern den ganzen Akt mit der Versöhnung Boccanegras mit Fiesco und dem Gifttod des Dogen, bevor der Prolog mit der Vorgeschichte endlich einsetzen kann. Eine tollkühne Entscheidung, geht dem Stück dadurch das gesamte Finale verloren. Um die klaffende Lücke zu schließen, dichtet die Regisseurin einen recht holprigen Schluss hinzu. Boccanegra und seine Tochter werden erschossen und als Zugabe gibt es noch eine weitere gesprochene Friedensbotschaft in Anlehnung an den Chaplin-Text.

Klarheit durch das Dickicht der Handlung wird so nicht geschaffen und dramaturgische Effektivität erst recht nicht. Und auch sonst lässt die Regisseurin wenig aus, um für zusätzliche Verwirrung zu sorgen. Amelia ist in allen Szenen gegenwärtig, wandelnd oder liegend, unklar, ob sie noch lebt oder schon tot ist, unklar auch, ob es sich überhaupt um Amelia und nicht um ihre verstorbene Mutter Maria handelt. Auch die Männer befinden sich erstaunlich oft und nur selten motiviert in schlafenden oder sonstigen skurrilen Positionen, wenn sie nicht, wie der sehr aggressiv gezeichnete Adorno, gegen die Wände der Bühnenkonstruktion von Monika Biegler anrennen.
Vier nüchterne, moderne, durchlässige Büroräume sind auf der Drehbühne montiert und die Bühne dreht sich auch munter von Szene zu Szene. Den Chor kleidet Kathrin Hegedüsch in triste Alltagskleidung, die Männer tragen weiße, nur marginal unterscheidbare Uniformen. Es dauert eine Weile, bis man vor allem die stimmlich und äußerlich ähnlichen Sänger des Boccanegra und Fiesco angesichts der karusselartigen Szenenwechsel sicher auseinanderhalten kann.
Eine Inszenierung, die mehr Fragen aufwirft als sie lösen kann. Musikalisch steht die Produktion freilich auf sehr soliden, teilweise herausragenden Füßen. Joseph Trafton hat das Philharmonische Orchester Hagen fest im Griff und entfacht einen Verdi-Klang mit Schlagkraft und feinen klanglichen Nuancen. Dass er bisweilen in seiner Vorliebe für straffe Tempi den Sängern nicht immer genug Luft zum Atmen lässt, dürfte sich im Verlauf der Folgeaufführungen korrigieren lassen.
Hörenswert durchweg die Besetzung. Das betrifft auch die drei Ensemblemitglieder des Theaters. Veronika Haller, die Hagener Primadonna, die eine große Partie nach der anderen stemmt, kommt die überwiegend lyrische, nicht extrem hoch disponierte Partie entgegen, so dass die versdienstvolle Sängerin ihre schöne Mittellage mühelos zur Geltung bringen kann. Dong-Won Seo kann seinen prachtvollen, substanzreichen Bass als Fiesco wirkungsvoll einsetzen. Ihm steht Kenneth Mattice als baritonaler Bösewicht Paolo in nichts nach. Als Gast kann Kwang-Keun Lee in der Tielrolle mit einer stimmlich makellosen und darstellerisch intensiven Darstellung überzeugen, auch wenn er durch die szenischen Eingriffe um die maximale Wirkung seiner Todes-Szene gebracht wird. Hervorragend auch Xavier Moreno als Gabriele Adorno, der mit seinem strahlkräftigen Tenor die Partie mühelos bewältigt, freilich durch das sehr aggressive Rollenprofil der Inszenierung die Partie druckvoller angeht als nötig. Verlässlich sind die kleineren Partien besetzt und der szenisch stiefmütterlich behandelte Chor erfüllt seine Aufgabe ohne Fehl und Tadel.
Das Premieren-Publikum feiert alle Beteiligten mit großem Beifall, wobei sich ein einziger, aber sehr lautstarker Buh-Ruf gegen das szenische Team richtet.
Pedro Obiera