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Die diesjährige Festspieloper der Händel-Festspiele Halle entführt die Besucher in die römische Kaiserzeit. Händel hatte die Agrippina 1709 komponiert und die Uraufführung im heutigen Teatro Malibran im weihnachtlichen Venedig wurde zum größten Erfolg des gefeierten jungen Komponisten. Sein späterer Biograf John Mainwaring schrieb darüber: „Die Zuhörer bey der händelschen Vorstellung wurden dermaassen bezaubert, daß ein Fremder aus der Art, mit welcher die Leute gerühret waren, sie alle miteinander für wahnwitzig gehalten haben würde“. Das Publikum feierte den „Caro Sassone“ mit überschwänglichem Beifall. Den Auftrag hatte ihm Kardinal Vincenzo Grimani erteilt, der als Hausherr des Teatro auch das Libretto der Oper verfasste. Es ist einer der wenigen Fälle, dass Händel ein Originallibretto vertonte.
Sind es heutzutage die Inszenierungen, die Opern teils neu interpretieren, passte man in der Händelzeit gerne vorhandene Libretti an und vertonte sie neu. Händels Oper erlebte in der Karnevalssaison 1710 zahlreiche weitere Vorstellungen in Venedig mit einigen der besten Sänger des Landes. Aufführungen in Neapel und Hamburg und Wien folgten, doch dann verschwand Agrippina wie andere Kompositionen Händels in der Versenkung, bis sie 1943 beim zwölften Hallischen Händelfest und 1991 in historischer Aufführungspraxis bei den Händel-Festspielen in Göttingen wieder auftauchte. Inzwischen steht die Oper wieder öfter auf den Spielplänen der Opernhäuser.
Für seine Geburtsstadt ist es die fünfte Inszenierung in der Geschichte der Oper Halle. Der Engländer Laurence Cummings, der früher das Händel-Festival in Göttingen leitete und heute Musikdirektor der Academy of Ancient Music London ist, steht am Pult. Für das Bühnenbild hat sich Opern-Intendant und Regisseur Walter Sutcliffe den für bildmächtige Kreationen bekannten Bühnenbildner Aleksandar Denić ins Boot geholt und auf der auch optisch an Las Vegas erinnernden Drehbühne ein wahres Feuerwerk an Ränkespielen abgefeuert.
Wie damals üblich nutzte Grimani für sein Libretto historische Ereignisse und besetzte sie mit bekannten Personen aus dem alten Rom, ohne sich groß um deren reelle Lebensdaten zu kümmern. Es waren schlimme Zeiten im Rom des ersten nachchristlichen Jahrhunderts. Viele der in der Oper mitwirkenden historischen Figuren wurden entweder ermordet wie Agrippina, Claudio und Poppea oder begingen Selbstmord wie Nerone und Ottone. Wenn man sich die Spielpläne vieler Opernhäuser und das Programm der barocken Festspiele anschaut findet man die mitspielenden Charaktere in unterschiedlicher Gruppierung immer wieder: als Krönung der Poppea von Monteverdi, Boitos Nerone, der Verführte Claudius oder Octavia von Keiser – um nur einige zu nennen.

Titelfigur der Oper ist die Mittdreißigerin Agrippina die Jüngere, dargestellt von Romelia Lichtenstein, die in dritter Ehe mit ihrem 25 Jahre älteren Onkel, Kaiser Claudio, hier Ki-Hyun Park, verheiratet war. Tacitus schrieb vom Gift, mit dem sie zugunsten der Regentschaft Nerones in der Interpretation von Leandro Marziotte, ihres Sohnes aus erster Ehe, Claudio aus dem Weg schaffte, doch Grimani wählte für sein Libretto einen Anschlag auf das Schiff des Kaisers und greift damit auf eine Erzählung Suetons über die Eroberung Britanniens zurück. Nerone ist bei Händel noch nicht der blutrünstige Wahnsinnige, zeigt aber schon als Teenager die Züge dazu. Der Anschlag misslang, da Claudio von seinem Feldherrn Ottone, Christopher Ainslie, gerettet wird. Agrippina, die davon nichts ahnt, instruiert Nerone, seinen Hochmut zu verstecken und sich durch Gaben ans Volk sympathisch zu machen und trägt dann den machtlüsternen Höflingen Pallante, Lars Conrad, und Narciso, Annika Westlund, nacheinander auf, beim Kapitol Nerone als Nachfolger von Claudio zu fordern. Als Agrippina dort heuchlerisch den Tod ihres Gatten bedauert, verkündet dessen Diener Lesbo, Michael Zehe, die Rettung des Imperators durch Ottone und dessen Wahl zu Claudios Nachfolger. Agrippinas Pläne scheinen damit gescheitert, doch dann erzählt ihr Ottone von seiner Liebe zur schönen Römerin Poppea, die von Vanessa Waldhard gesunden wird, und bittet sie um ihre Hilfe. Auch Poppea Sabina ist eine historische Figur und laut Tacitus in zweiter Ehe mit Neros Freund Otho verheiratet, der sie kurz darauf aus Leichtsinn an Nero, ihren dritten Gatten, verlor. Die wollüstige Poppea wird in der Inszenierung als Flittchen eingeführt, das Männer im Kasino mit KO-Tropfen abzockt. Grimani packt Claudio, Nerone und Ottone als ihre drei Liebhaber ins Spiel, doch werden die über ihre Pläne im Ungewissen gelassen. Da Agrippina durch Lesbo von Claudios nächtlichen Besuch bei Poppea weiß, hetzt sie Poppea gegen Ottone auf, indem sie Bedauern mimt, dass der Poppea in einem Deal um die Macht – die Leitung von Cesar‘s Palace – an Claudio verschachert hat. Die wütende und berechnende Poppea schwärzt daraufhin Ottone bei Claudio an, der ihn forthin links liegen lässt. Wie Pech klebt die neue Ablehnung des Kaisers an ihm, dass auch der Rest des Hofstaats ihn meidet.
Doch dann kommen Poppea Zweifel, ob Ottone wirklich käuflich ist. Sie belauscht ihn und muss entdecken, dass Agrippina sie getäuscht hat. Auch die beiden Speichellecker Pallante und Narciso merken, dass die Versprechungen Agrippinas nicht viel wert sind, nachdem beide von ihr mit dem Mord an Ottone und dem jeweils anderen beauftragt wurden. Poppea will Rache nehmen und bestellt ihre drei Liebhaber gleichzeitig zum Schäferstündchen. Nur Ottone erfährt dessen wahren Sinn, während Claudio und sein Stiefsohn Nerone bei ihr aufeinandertreffen. Im letzten Bild beklagt Nerone sich bei seiner Mutter über die Abfuhr Claudios. Die verlogene Agrippina kann zwar ihre Mordpläne nicht verwirklichen, mimt aber geschickt Reue und schlussendlich wird Nerone Claudios Nachfolger, Ottone bekommt Poppea und Agrippina bleibt trotz ihrer Intrigen – vorerst – am Leben.
Lichtenstein führt mit viel Spielfreude, komödiantischem Geschick und kraftvollem Sopran die internationale Besetzung aus Gästen und Ensemblemitgliedern an. Schon seit ihrem Debüt vor 30 Jahren, für das sie von der Opernwelt als beste Opernsängerin des Jahres ausgezeichnet wurde, ist sie dort ein gefeierter Star, kann durch ihre intensive Beschäftigung mit der Musik Georg Friedrich Händels bei den Händel-Festspielen in verschiedenen Haupt- und Titelpartien begeistern und erhielt dort 2016 den Händel-Preis.
Es ist in Halle die melodienreiche vergnügliche Komödie einer Schar überdimensionaler Egos in einer nicht nur durch die Verlegung nach Las Vegas mit seinem oberflächlichen Glanz an das heutige Amerika erinnernden dysfunktionalen First Family. Für den damals 24-jährigen Händel brachte die Oper den Durchbruch, da er und sein Librettist geschickt eine Gesellschaft präsentieren, die getrieben ist von Machtgier, Eitelkeit, List und Dummheit auf oft komplizierten und von Zufällen geprägten Wegen agiert. Wenn man heute die Nachrichten verfolgt, sieht man, dass das auch heute noch gelingt, wie beim gerade offen vor der Weltöffentlichkeit ausgetragenen Streit der Alphamännchen Trump und Musk. So etwas kommt beim Publikum gut an, das sich darüber das Maul zerreißen kann.
Las Vegas mit seiner glänzenden und glitzernden Oberflächlichkeit, das es darauf anlegt, den Besuchern das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist gut gewählt für das gebotene Spektakel. Statt das römische Weltreich ist die Herrschaft heruntergebrochen auf das Kasino „Caesar’s Palace Entertainment“. Umbauten sind während der gut dreistündigen Vorstellung nicht notwendig, denn die Drehbühne bringt immer wieder ein passendes Bühnenbild ins Blickfeld, wie die steile Treppe ins Obergeschoss. Alexandar Denić, der neben Arbeiten als Szenenbildner für Filme wie Kusturicas Underground unter anderem als Frank Castorfs Bühnenbildner beim Bayreuther Ring als kreativer Erfinder von Bildräumen von sich reden machte, gestaltete es auch mit Lichteffekten mit gutem Gespür.

Das Neon-Kasino-Ambiente hat wenig vom modernen Las Vegas, sondern erinnert mehr an das alte Las Vegas des zwielichtigen Rat Packs um den mit den Mobstern und der Cosa Nostra verkuppelten Frank Sinatra. Die Akteure sind ihren Rollen entsprechend gut dafür eingekleidet. Besonders Agrippina fällt durch ihre schicke Garderobe mit passenden Accessoires ins Auge. So steht ihrem teils herablassend, teils heuchlerisch schmeichelndem, imperialem Auftritt nichts im Wege. Auch die notwendigen Zweifel an der Wirksamkeit ihrer Ränke kann sie von oben, quasi aus dem Off, gut in Noten und Gesten packen. Lichtenstein ist vor allem darstellerisch der Höhepunkt der Inszenierung, denn man nimmt ihr die wirksam inszenierten Ausflüchte ab, ohne dass sie – wie bei vielen der anderen Akteure – aufgesetzt wirken. Stimmlich überzeugender als darstellerisch ihr Sohn Nerone, kraftvoll gesungen vom Countertenor Marziotte, der selbstverliebte, triebgesteuerte und von der Mutter dominierte jugendliche Lebemann. Auch die aus dem Ensemble der Oper Halle stammende Koloratursopranistin Waldhart als Poppea ist stimmlich mit strahlendem Sopran eine erstklassige Besetzung.
Etwas eindimensionaler wirken andere Ensemble-Mitglieder, und man fragt sich, ob es nicht besser wäre, zu den Festspielen stärker auf externe Qualität zu setzen. Der den Kaiser Claudio spielende Ki-Hyun Park wirkt stimmlich zu grob und auch darstellerisch nicht immer überzeugend und der zwar wohltemperiert singende Countertenor Ainslie wirkt als Feldherr Ottone zu weich und zaghaft und stimmlich zu verhalten. So nimmt man ihm die Rolle des Liebhabers der Poppea ebenso wenig ab wie den grobschlächtigen Claudio und den selbstverliebten Nerone. Die anderen Nebenpartien entsprechen mit soliden, aber unspektakulären Auftritten dem Niveau des Hauses.
Eindrucksvoll ist das auf historischen Instrumenten spielende Festspielorchester als Teil der Staatskapelle Halle, das in diesem Jahr mit dem Händelpreis ausgezeichnet wurde. Sicher und mit viel Gespür für Händel wird es von Cummings, der nach dem Abschied von Nic McGegan zwei Jahrzehnte den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen als Künstlerischer Leiter vorstand, geführt. Cummings ist erwiesener Händelkenner und schafft es, die Sänger sicher und mit gutem Gespür zu begleiten und das Publikum mit Händels einschmeichelnden Klängen zu verzaubern. Bei einigen Stücken hört man Klänge, die stark an Operette erinnern.
Zwar ist die Inszenierung nicht wirklich ein Höhepunkt, der in Erinnerung bleibt, dafür ist sie in vielen Punkten zu vordergründig und einer gewissen Tradition verhaftet, aktuelle Politik auch im künstlerischen Umfeld abzubilden, aber es ist saubere Unterhaltung. Der Höhepunkt der Festspiele spielt sich dagegen in Bad Lauchstädt ab. Dort hatte am Tag nach der Premiere in Halle die annähernd in derselben Zeit und teilweise mit denselben Charakteren spielende Oper Octavia von Reinhard Keiser ihre Premiere. Der ehemalige Festspielintendant Bernd Feuchtner, der im Februar überraschend verstarb, hatte sie zusammen mit dem Händel-Preisträger Wolfgang Katschner und seiner lautten compagney auf die Bühne des Goethe-Theaters Bad Lauchstädt gebracht. Sie hat das Publikum sehr begeistert.
Der junge Händel hatte die Octavia für seine Agrippina geradezu geplündert. Keiser war sein Chef als Cembalist am Hamburger Opernhaus und hat den jungen Musiker stark geprägt. Zumindest die Partitur der Octavia war bei der Reise nach Italien in seinem Gepäck. Die händelerprobten Besucher erkannten dabei bis zu sechs Arien wieder, die Händel teils Note für Note übernommen hatte. Damals waren solche „Anleihen“ durchaus üblich und der geschäftstüchtige Händel schaffte es durch geschicktes Marketing und kluge Kompositionen, erstklassig auch international seinen Ruf auszubauen. Erstmals hatten die Besucher der Festspiele die Möglichkeit, beide Opern miteinander zu vergleichen. Mit der Sopranistin Johanna Kaldewei in der Titelpartie und dem Bariton Tomas Kral als Nerone ist Octavia ein Höhepunkt des Festspielprogramms.
Michael Ritter