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Begnadete Intrigantin

AGRIPPINA
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
6. Juni 2025
(Premiere)

 

Händel-Festspiele, Oper Halle

Die diesjährige Festspieloper der Händel-Festspiele Halle entführt die Besucher in die römische Kaiserzeit. Händel hatte die Agrippina 1709 kompo­niert und die Urauf­führung im heutigen Teatro Malibran im weihnacht­lichen Venedig wurde zum größten Erfolg des gefei­erten jungen Kompo­nisten. Sein späterer Biograf John Mainwaring schrieb darüber: „Die Zuhörer bey der händel­schen Vorstellung wurden derma­assen bezaubert, daß ein Fremder aus der Art, mit welcher die Leute gerühret waren, sie alle mitein­ander für wahnwitzig gehalten haben würde“. Das Publikum feierte den „Caro Sassone“ mit überschwäng­lichem Beifall. Den Auftrag hatte ihm Kardinal Vincenzo Grimani erteilt, der als Hausherr des Teatro auch das Libretto der Oper verfasste. Es ist einer der wenigen Fälle, dass Händel ein Origi­nal­li­bretto vertonte.

Sind es heutzutage die Insze­nie­rungen, die Opern teils neu inter­pre­tieren, passte man in der Händelzeit gerne vorhandene Libretti an und vertonte sie neu. Händels Oper erlebte in der Karne­vals­saison 1710 zahlreiche weitere Vorstel­lungen in Venedig mit einigen der besten Sänger des Landes. Auffüh­rungen in Neapel und Hamburg und Wien folgten, doch dann verschwand Agrippina wie andere Kompo­si­tionen Händels in der Versenkung, bis sie 1943 beim zwölften Halli­schen Händelfest und 1991 in histo­ri­scher Auffüh­rungs­praxis bei den Händel-Festspielen in Göttingen wieder auftauchte. Inzwi­schen steht die Oper wieder öfter auf den Spiel­plänen der Opernhäuser.

Für seine Geburts­stadt ist es die fünfte Insze­nierung in der Geschichte der Oper Halle. Der Engländer Laurence Cummings, der früher das Händel-Festival in Göttingen leitete und heute Musik­di­rektor der Academy of Ancient Music London ist, steht am Pult. Für das Bühnenbild hat sich Opern-Intendant und Regisseur Walter Sutcliffe den für bildmächtige Kreationen bekannten Bühnen­bildner Aleksandar Denić ins Boot geholt und auf der auch optisch an Las Vegas erinnernden Drehbühne ein wahres Feuerwerk an Ränke­spielen abgefeuert.

Wie damals üblich nutzte Grimani für sein Libretto histo­rische Ereig­nisse und besetzte sie mit bekannten Personen aus dem alten Rom, ohne sich groß um deren reelle Lebens­daten zu kümmern. Es waren schlimme Zeiten im Rom des ersten nachchrist­lichen Jahrhun­derts. Viele der in der Oper mitwir­kenden histo­ri­schen Figuren wurden entweder ermordet wie Agrippina, Claudio und Poppea oder begingen Selbstmord wie Nerone und Ottone. Wenn man sich die Spiel­pläne vieler Opern­häuser und das Programm der barocken Festspiele anschaut findet man die mitspie­lenden Charaktere in unter­schied­licher Gruppierung immer wieder: als Krönung der Poppea von Monte­verdi, Boitos Nerone, der Verführte Claudius oder Octavia von Keiser – um nur einige zu nennen.

Foto © Matthias Horn

Titel­figur der Oper ist die Mittdrei­ßi­gerin Agrippina die Jüngere, darge­stellt von Romelia Lichten­stein, die in dritter Ehe mit ihrem 25 Jahre älteren Onkel, Kaiser Claudio, hier Ki-Hyun Park, verhei­ratet war. Tacitus schrieb vom Gift, mit dem sie zugunsten der Regent­schaft Nerones in der Inter­pre­tation von Leandro Marziotte, ihres Sohnes aus erster Ehe, Claudio aus dem Weg schaffte, doch Grimani wählte für sein Libretto einen Anschlag auf das Schiff des Kaisers und greift damit auf eine Erzählung Suetons über die Eroberung Britan­niens zurück. Nerone ist bei Händel noch nicht der blutrünstige Wahnsinnige, zeigt aber schon als Teenager die Züge dazu. Der Anschlag misslang, da Claudio von seinem Feldherrn Ottone, Chris­topher Ainslie, gerettet wird. Agrippina, die davon nichts ahnt, instruiert Nerone, seinen Hochmut zu verstecken und sich durch Gaben ans Volk sympa­thisch zu machen und trägt dann den macht­lüs­ternen Höflingen Pallante, Lars Conrad, und Narciso, Annika Westlund, nachein­ander auf, beim Kapitol Nerone als Nachfolger von Claudio zu fordern. Als Agrippina dort heuch­le­risch den Tod ihres Gatten bedauert, verkündet dessen Diener Lesbo, Michael Zehe, die Rettung des Imperators durch Ottone und dessen Wahl zu Claudios Nachfolger. Agrip­pinas Pläne scheinen damit gescheitert, doch dann erzählt ihr Ottone von seiner Liebe zur schönen Römerin Poppea, die von Vanessa Waldhard gesunden wird, und bittet sie um ihre Hilfe. Auch Poppea Sabina ist eine histo­rische Figur und laut Tacitus in zweiter Ehe mit Neros Freund Otho verhei­ratet, der sie kurz darauf aus Leichtsinn an Nero, ihren dritten Gatten, verlor. Die wollüstige Poppea wird in der Insze­nierung als Flittchen einge­führt, das Männer im Kasino mit KO-Tropfen abzockt. Grimani packt Claudio, Nerone und Ottone als ihre drei Liebhaber ins Spiel, doch werden die über ihre Pläne im Ungewissen gelassen. Da Agrippina durch Lesbo von Claudios nächt­lichen Besuch bei Poppea weiß, hetzt sie Poppea gegen Ottone auf, indem sie Bedauern mimt, dass der Poppea in einem Deal um die Macht – die Leitung von Cesar‘s Palace – an Claudio verscha­chert hat. Die wütende und berech­nende Poppea schwärzt daraufhin Ottone bei Claudio an, der ihn forthin links liegen lässt. Wie Pech klebt die neue Ablehnung des Kaisers an ihm, dass auch der Rest des Hofstaats ihn meidet.

Doch dann kommen Poppea Zweifel, ob Ottone wirklich käuflich ist. Sie belauscht ihn und muss entdecken, dass Agrippina sie getäuscht hat. Auch die beiden Speichel­lecker Pallante und Narciso merken, dass die Verspre­chungen Agrip­pinas nicht viel wert sind, nachdem beide von ihr mit dem Mord an Ottone und dem jeweils anderen beauf­tragt wurden. Poppea will Rache nehmen und bestellt ihre drei Liebhaber gleich­zeitig zum Schäfer­stündchen. Nur Ottone erfährt dessen wahren Sinn, während Claudio und sein Stiefsohn Nerone bei ihr aufein­an­der­treffen. Im letzten Bild beklagt Nerone sich bei seiner Mutter über die Abfuhr Claudios. Die verlogene Agrippina kann zwar ihre Mordpläne nicht verwirk­lichen, mimt aber geschickt Reue und schluss­endlich wird Nerone Claudios Nachfolger, Ottone bekommt Poppea und Agrippina bleibt trotz ihrer Intrigen – vorerst – am Leben.

Lichten­stein führt mit viel Spiel­freude, komödi­an­ti­schem Geschick und kraft­vollem Sopran die inter­na­tionale Besetzung aus Gästen und Ensem­ble­mit­gliedern an. Schon seit ihrem Debüt vor 30 Jahren, für das sie von der Opernwelt als beste Opern­sän­gerin des Jahres ausge­zeichnet wurde, ist sie dort ein gefei­erter Star, kann durch ihre intensive Beschäf­tigung mit der Musik Georg Friedrich Händels bei den Händel-Festspielen in verschie­denen Haupt- und Titel­partien begeistern und erhielt dort 2016 den Händel-Preis.

Es ist in Halle die melodien­reiche vergnüg­liche Komödie einer Schar überdi­men­sio­naler Egos in einer nicht nur durch die Verlegung nach Las Vegas mit seinem oberfläch­lichen Glanz an das heutige Amerika erinnernden dysfunk­tio­nalen First Family. Für den damals 24-jährigen Händel brachte die Oper den Durch­bruch, da er und sein Librettist geschickt eine Gesell­schaft präsen­tieren, die getrieben ist von Machtgier, Eitelkeit, List und Dummheit auf oft kompli­zierten und von Zufällen geprägten Wegen agiert. Wenn man heute die Nachrichten verfolgt, sieht man, dass das auch heute noch gelingt, wie beim gerade offen vor der Weltöf­fent­lichkeit ausge­tra­genen Streit der Alpha­männchen Trump und Musk. So etwas kommt beim Publikum gut an, das sich darüber das Maul zerreißen kann.

Las Vegas mit seiner glänzenden und glitzernden Oberfläch­lichkeit, das es darauf anlegt, den Besuchern das Geld aus der Tasche zu ziehen, ist gut gewählt für das gebotene Spektakel. Statt das römische Weltreich ist die Herrschaft herun­ter­ge­brochen auf das Kasino „Caesar’s Palace Enter­tainment“. Umbauten sind während der gut dreistün­digen Vorstellung nicht notwendig, denn die Drehbühne bringt immer wieder ein passendes Bühnenbild ins Blickfeld, wie die steile Treppe ins Oberge­schoss. Alexandar Denić, der neben Arbeiten als Szenen­bildner für Filme wie Kustu­ricas Under­ground unter anderem als Frank Castorfs Bühnen­bildner beim Bayreuther Ring als kreativer Erfinder von Bildräumen von sich reden machte, gestaltete es auch mit Licht­ef­fekten mit gutem Gespür.

Foto © Matthias Horn

Das Neon-Kasino-Ambiente hat wenig vom modernen Las Vegas, sondern erinnert mehr an das alte Las Vegas des zwielich­tigen Rat Packs um den mit den Mobstern und der Cosa Nostra verkup­pelten Frank Sinatra. Die Akteure sind ihren Rollen entspre­chend gut dafür einge­kleidet. Besonders Agrippina fällt durch ihre schicke Garderobe mit passenden Acces­soires ins Auge. So steht ihrem teils herab­lassend, teils heuch­le­risch schmei­chelndem, imperialem Auftritt nichts im Wege. Auch die notwen­digen Zweifel an der Wirksamkeit ihrer Ränke kann sie von oben, quasi aus dem Off, gut in Noten und Gesten packen. Lichten­stein ist vor allem darstel­le­risch der Höhepunkt der Insze­nierung, denn man nimmt ihr die wirksam insze­nierten Ausflüchte ab, ohne dass sie – wie bei vielen der anderen Akteure – aufge­setzt wirken. Stimmlich überzeu­gender als darstel­le­risch ihr Sohn Nerone, kraftvoll gesungen vom Counter­tenor Marziotte, der selbst­ver­liebte, trieb­ge­steuerte und von der Mutter dominierte jugend­liche Lebemann. Auch die aus dem Ensemble der Oper Halle stammende Kolora­tur­so­pra­nistin Waldhart als Poppea ist stimmlich mit strah­lendem Sopran eine erstklassige Besetzung.

Etwas eindi­men­sio­naler wirken andere Ensemble-Mitglieder, und man fragt sich, ob es nicht besser wäre, zu den Festspielen stärker auf externe Qualität zu setzen. Der den Kaiser Claudio spielende Ki-Hyun Park wirkt stimmlich zu grob und auch darstel­le­risch nicht immer überzeugend und der zwar wohltem­pe­riert singende Counter­tenor Ainslie wirkt als Feldherr Ottone zu weich und zaghaft und stimmlich zu verhalten. So nimmt man ihm die Rolle des Liebhabers der Poppea ebenso wenig ab wie den grobschläch­tigen Claudio und den selbst­ver­liebten Nerone. Die anderen Neben­partien entsprechen mit soliden, aber unspek­ta­ku­lären Auftritten dem Niveau des Hauses.

Eindrucksvoll ist das auf histo­ri­schen Instru­menten spielende Festspiel­or­chester als Teil der Staats­ka­pelle Halle, das in diesem Jahr mit dem Händel­preis ausge­zeichnet wurde. Sicher und mit viel Gespür für Händel wird es von Cummings, der nach dem Abschied von Nic McGegan zwei Jahrzehnte den Inter­na­tio­nalen Händel-Festspielen Göttingen als Künst­le­ri­scher Leiter vorstand, geführt. Cummings ist erwie­sener Händel­kenner und schafft es, die Sänger sicher und mit gutem Gespür zu begleiten und das Publikum mit Händels einschmei­chelnden Klängen zu verzaubern. Bei einigen Stücken hört man Klänge, die stark an Operette erinnern.

Zwar ist die Insze­nierung nicht wirklich ein Höhepunkt, der in Erinnerung bleibt, dafür ist sie in vielen Punkten zu vorder­gründig und einer gewissen Tradition verhaftet, aktuelle Politik auch im künst­le­ri­schen Umfeld abzubilden, aber es ist saubere Unter­haltung. Der Höhepunkt der Festspiele spielt sich dagegen in Bad Lauch­städt ab. Dort hatte am Tag nach der Premiere in Halle die annähernd in derselben Zeit und teilweise mit denselben Charak­teren spielende Oper Octavia von Reinhard Keiser ihre Premiere. Der ehemalige Festspiel­in­tendant Bernd Feuchtner, der im Februar überra­schend verstarb, hatte sie zusammen mit dem Händel-Preis­träger Wolfgang Katschner und seiner lautten compagney auf die Bühne des Goethe-Theaters Bad Lauch­städt gebracht. Sie hat das Publikum sehr begeistert.

Der junge Händel hatte die Octavia für seine Agrippina geradezu geplündert. Keiser war sein Chef als Cembalist am Hamburger Opernhaus und hat den jungen Musiker stark geprägt. Zumindest die Partitur der Octavia war bei der Reise nach Italien in seinem Gepäck. Die händel­er­probten Besucher erkannten dabei bis zu sechs Arien wieder, die Händel teils Note für Note übernommen hatte. Damals waren solche „Anleihen“ durchaus üblich und der geschäfts­tüchtige Händel schaffte es durch geschicktes Marketing und kluge Kompo­si­tionen, erstklassig auch inter­na­tional seinen Ruf auszu­bauen. Erstmals hatten die Besucher der Festspiele die Möglichkeit, beide Opern mitein­ander zu vergleichen. Mit der Sopra­nistin Johanna Kaldewei in der Titel­partie und dem Bariton Tomas Kral als Nerone ist Octavia ein Höhepunkt des Festspielprogramms.

Michael Ritter

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