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SYMPHONIE NR. 5 B‑DUR
(Anton Bruckner)
Besuch am
22. April 2018
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Elbphilharmonie
Es ist ein strahlender Sonntagmorgen in Hamburg, und schon früh sind die Menschen unterwegs auf dem Weg zur Elbphilharmonie. Viele genießen von der Plaza die schöne Aussicht auf die Hafen-City oder die Speicherstadt. Auf der Rolltreppe stehen die Konzertbesucher und die Touristen in harmonischer Eintracht, alle freuen sich über den Moment. Die einen, weil die Elbphilharmonie einfach ein touristisches Highlight ist, die anderen, weil sie zu den Glücklichen gehören, die eine Konzertkarte haben. Auch mehr als ein Jahr nach der Eröffnung ist die Kartennachfrage immens, die Konzerte der laufenden Saison sind durchweg ausverkauft. Und zu Gast in der Elbphilharmonie heute ist das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit seinem GMD Kent Nagano, die den Orchestergraben der Staatsoper gegen das Podium in der Mitte des großen Saals der Elbphilharmonie tauschen. Auf dem Programm steht Anton Bruckners monumentale fünfte Symphonie in B‑Dur, eine künstlerische Herausforderung für jedes Orchester und jeden Dirigenten.
In Linz, wo Anton Bruckner von 1855 bis 1868 als Dom- und Stadtkirchen-Organist tätig war, hörte er 1863 zum ersten Mal eine Wagner-Oper, den Tannhäuser – laut Martin Griesemer ein „musikalisches Erweckungserlebnis“, dem sich zwei Jahre später die Uraufführung des Tristan anschloss. Die damals hochmodern-avantgardistische Musik machte Bruckner zum kompromisslosesten und demütigsten aller Wagner-Anhänger, dem er Jahre später „in tiefster Ehrfurcht“ seine dritte Symphonie widmete. Wagner akzeptierte huldvoll, obwohl die Symphonie in seiner Auffassung vom musikalischen Fortschritt mit Beethovens Neunter ihren Höhepunkt und Abschluss gefunden hatte und ihre tiefere künstlerische Idee nun von Wagners Musikdrama weiterentwickelt wurde. Tatsache ist, dass Wagners Musik ihn überhaupt nicht zu eigener musikdramatischer Arbeit animierte und ihn dessen Weltanschauung wie die Inhalte der Opern und Musikdramen ebenso wenig beeinflussten.
Ganz im Gegenteil: der pure Orchesterklang und insbesondere eine bis dahin nicht gehörte chromatische Harmonik lösten bei dem tief religiösen Bruckner den Entschluss aus, sich ganz der Symphonie zu widmen. Bruckner selbst war überzeugt, dass seine Begabung ihm von Gott gegeben war, damit er seinen, wie er selbst sagte, „Lebensberuf als Symphoniker“ ergreife und die von ihm von Gott aufgegebene Mission erfülle: die Entwicklung einer in Form und Inhalt weitgehend neu gedachten Konzeption der Symphonie, in die er auch religiöse Inhalte aufnehmen wollte. Komponiert hat Anton Bruckner dieses Werk in den Jahren 1875 bis 1877 in einer Zeit tiefer Depression und Verzweiflung. Seine durchaus erfolgreich begonnene Organisten-Karriere hatte er aufgegeben, denn er strebte eine Professur in Musiktheorie an; doch verdächtigte man ihn in Wien, es ginge ihm nur um einen sichere Anstellung, die ihm eine sorglose Kompositionstätigkeit ermöglichte, und verweigerte ihm eine feste Anstellung. Nur ein unbezahltes Lektorat wurde Bruckner zugestanden, und er klagte in Briefen, er müsse dauernd Geld aufnehmen und habe über den ständigen Misserfolgen alle Lebensfreude verloren.

Das war 1875, nachdem Bruckner in rascher Folge mehrere Werke geschrieben hatte, die heute zum selbstverständlichen Bestand der großen spätromantischen Symphonik zählen. Noch vor dem ersten Satz schrieb Bruckner den zweiten, ein Adagio in seiner Lieblingstonart d‑Moll, das schon auf die langen, feierlich aufsteigenden Tonleitern der siebten Symphonie vorausweist. Es ist in einer Art Rondo-Form gehalten und beginnt „pizzicato“, ebenso wie der erste und der vierte Satz, die ebenfalls mit einem Adagio anfangen. Sein von der Oboe gesungenes, melodisches Hauptthema kehrt in der Introduktion zum ersten Satz wieder, dort allerdings in Dur. Ganz offensichtlich wollte Bruckner den Zusammenhalt der Sätze stärken, wie es vor ihm schon Schubert und Schumann getan hatten. Ebenso wie der zweite Satz steht auch der dritte, ein dämonisches Scherzo mit Trio-Mittelteil, in d‑Moll. Es ist ein für Bruckner typischer Staccato-Satz mit seinen packenden Steigerungen, jähen Abbrüchen und bodenlosen Generalpausen. Beide Innensätze der Symphonie beruhen auf derselben thematischen Substanz. Eine besondere Eigenart der Fünften besteht darin, dass Bruckner vor den Finalsatz dieselben Einleitungstakte wie vor den ersten Satz stellt, als wenn die Symphonie zum zweiten Mal begänne. Die Teile dieses Satzes, in denen Bruckner die Motive wie in einem Kaleidoskop neu miteinander kombiniert, gehören zum Originellsten, was der Symphoniker geschaffen hat. Das ausgedehnte Finale kombiniert das Formprinzip der Sonate mit dem der Fuge. Der höchst feierlich und pathetisch endende Satz führt Bruckners ganze kontrapunktische Meisterschaft vor, und in diesem Moment darf man wohl einen Zusammenhang mit seiner Lebensgeschichte sehen: Vielleicht wollte er, unbewusst, der Musikwelt zeigen, dass er nicht nur ausdrucksvoll, sondern auch sehr „gelehrt“ komponieren konnte. Jedenfalls bezeichnete Bruckner diese Symphonie nicht ohne Stolz als „sein kontrapunktisches Meisterstück“.
Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg nähern sich dieser Symphonie mit ehrbarem Respekt. Der erste Satz beginnt mit einem düsteren Intro, und man vernimmt als Zitat das Introitus aus Mozarts Requiem, ein Hinweis auf die religiöse Motivation des Komponisten. Das Orchester breitet einen sehr breiten Klangteppich aus, aus dem die Bläser dominant hervorstechen. Beeindruckend das Wechselspiel der Bläser und Streicher, die hier scheinbar einen internen Wettstreit abliefern. Der erste Satz endet nach zwanzig Minuten in einem dynamischen Finale. Der zweite Satz beginnt ebenfalls mit einem langsamen Intro, hat aber ein insgesamt moderates Tempo. Auch hier wieder ein Zitat aus Mozarts Requiem, das Lacrimosa, das Bruckner selbst die „Himmelsleiter“ nannte. Es ist faszinierend, den Dirigenten zu beobachten, wie er mit den Fingern der linken Hand präzise Einsätze gibt. Ständig in Bewegung, mit klarem Gestus, steuert er die ruhigen Abschnitte, die dann in dynamische und expressive Passagen übergehen. Und in einem wahren Klangrausch kumulieren. Der dritte Satz, das Scherzo, Molto vivace überschrieben, beginnt nicht nur lebhaft, sondern Nagano scheint hier wild entschlossen zu sein, sein Orchester zu Höchstform zu animieren. Der Mittelteil des Satzes erklingt heiter, fast ländlich, und man sieht den sonst immer so ernst und angestrengt dreinschauenden Kent Nagano lächeln. Es erklingen Motive, denen wir vor allem in Bruckners sechster und seiner finalen neunten Symphonie wieder begegnen. Hatte der zweite Satz etwas von einem kirchlichen Hochamt, dann ist der dritte Satz der heitere Frühschoppen nach dem Gottesdienst, die Stimmung wirkt gelöst; und so spielen auch die Philharmoniker. Der Klang ist groß, offen, mit beeindruckender Dynamik. Die Philharmoniker spielen hochkonzentriert und engagiert, und insbesondere die Bläser intonieren sehr sauber.
Der Höhepunkt wie bei allen Bruckner-Symphonien ist der finale vierte Satz, der mit Adagio – Allegro moderato fast die selbe Tempobezeichnung besitzt wie der erste. Kein Zufall, denn er beginnt mit der schon erwähnten Wiederholung der Einleitung des ersten Satzes. Und hier hat Bruckner sicher sein Meisterstück vollbracht, denn alle Konflikte und Irritationen, die verschiedenen Themen und Motive, lösen sich in diesem Satz auf in einem hochromantischen, fulminanten Finale, in dem die Kunst der Fuge im Vordergrund steht. Furtwängler bezeichnete diesen Satz einst als „das monumentalste Finale in der gesamten Musikliteratur der Welt.“ Nagano und das Philharmonische Staatsorchester beweisen, dass Furtwänglers Aussage auch heute noch Gültigkeit besitzt. Mit großen Bögen und Phrasierungen steigern sie sich sukzessive zum großen, dramatischen Finale. Immer aufgewühlter wird der Schlusssatz, immer weniger die Ruhepausen zum Luft holen, bis Nagano und sein Orchester nach etwa 75 Minuten mit einem großen, dramatischen Schlusspunkt die Symphonie beenden.
Natürlich gibt es nach einem Moment der Stille und der Erkenntnis, wieder in der Realität angekommen zu sein, großen Applaus und Jubel für Nagano und die 86 Musikerinnen und Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Ein beeindruckendes Konzert, das leider nur durch die Kakophonie diversester Geräusche des Publikums, was die Hyperakusis der Elbphilharmonie nicht verzeiht, etwas getrübt wird. Die meisten Zuschauer sind an diesem Abend sicher zum ersten Mal in einem Konzert in der neuen Elbphilharmonie. Die beseelten Gesichtsausdrücke der Menschen beim Herunterfahren der langen Rolltreppe kann nur jemand verstehen, der das Glück hatte, dieser Aufführung beizuwohnen.
Andreas H. Hölscher