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Zur Spielzeiteröffnung präsentiert die Hamburger Oper eine Neuinszenierung von Mozarts Così fan tutte des vielbeschäftigten, vor allem im Schauspiel aktiven Regisseurs Herbert Fritsch, der viele Jahre zwischen 1990 und 2007 selbst Schauspieler an Frank Castorfs Berliner Volksbühne war. Die wundersamen, stark körperlich geprägten Bühnenrealisierungen des Künstlers faszinieren nunmehr seit einigen Jahren eine wachsende Fangemeinde beim Schauspiel. Seine Produktionen sind schon fast regelmäßig zum Theatertreffen eingeladen oder anderweitig ausgezeichnet.
Musiktheater-Erfahrungen hat Fritsch mit Peter Eötvös‘ Tri Sestri am Opernhaus Zürich, Die Banditen am Theater Bremen und Don Giovanni bei der Komischen Oper Berlin gesammelt.
Nun also Così fan tutte, diese hintergründige Verführungsgeschichte, in der zwei junge Offiziere aus einer Laune heraus eine Wette mit dem erfahrenen und abgeklärten Don Alfonso eingehen, in der sie sich verpflichten, versuchsweise ihre beiden angebeteten jungen Geliebten überkreuz zu verführen. Sie glauben an deren Standhaftigkeit und Treue und müssen das Gegenteil erfahren. Allerdings in einem Szenario, in dem sie sich als wunschgemäß erfolgreiche Verführer selbst ihrer eigenen, schwankenden Gefühlswelt nicht mehr sicher bleiben. Wer liebt am Ende wen? Dauerhaft, oder wie überhaupt? Ende offen, Zukunft ungewiss …
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Fritsch liebt es, mit den Mitteln der Commedia dell’arte, ihren Harlekinaden sowie äußerst expressiven Gesten und Ausdrucksweisen zu arbeiten. Dem Charakter dieser Kunstform entsprechend arbeitet er mit ebenso bunten Bühnenräumen und krassen Kostümkreationen. Während Fritsch das Bühnenbild selbst gestaltet, stammen die Kostümwelten von Victoria Behr, die sich in nachgerade überbordender Fantasie nicht scheut, auch Yeti-Elemente bei den Männerverkleidungen zu verwenden und die Frauen mit einem Kopfputz wie eine übergroße Schleife auszustatten, der sich vielleicht auch in eine Nonnenhaube verwandeln mag. Wer weiß, wohin sich die zukünftigen bürgerlichen und puritanischen Sitten noch entwickeln werden. Die Harlekine Don Alfonso und Despina treten in den überspitzten Attributen ihrer Funktionen auf. Bei Don Alfonso in einer aggressiv-roten, abstrahierten Uniform eines öffentlichen Ordnungsträgers mit Schirmmütze und Despina im roten, überbordenden Tüllgespinst und mit Glitzersteinen bestickter Haube, einer Fantasie-Erscheinung, die sich aus der Überspitzung von Frauen- oder Männerfantasien über das scheinbar ewig-kindliche Mädchen entwickelt haben mag.
Bei der Umsetzung der Licht- und Farbeffekte wird Fritsch kongenial von den Lichtkreationen von Carsten Sander begleitet. Die wirkungsvollen Farbprojektionen wechseln je nach Stimmungen der Handlung, der Musik und des Personals oft und in manchmal unerwartet rascher Folge. Die Farbtöne bleiben immer satt und intensiv, nur ganz gegen Ende kommen auch schwarze Elemente ins Spiel.
Im Mittelpunkt des Bühnenorbits steht ein sich gelegentlich verselbständigendes, das heißt von allein spielendes Cembalo, das dann scheinbar direkt von der Mitte der Bühne aus die Handlung kommentiert, oder sogar lenkt? Teilweise spielt es Continuo-Teile der Partitur, teilweise erklingen spieldosenhaft Mozartzitate, wie beispielsweise Eine kleine Nachtmusik. Manchmal rennt es in Tempo und Anschlag wie ein eigener Harlekin durch die Musik.
Dieses unkontrollierte Instrument wird umkreist von den Harlekinen der Commedia, Don Alfonso und Despina. Despina erhält in Auftritt, Präsenz und Expressivität eine ebenso aktive Rolle wie der alte Zyniker Don Alfonso.
Fritsch nutzt die bewährten Mittel der Commedia dell’arte, durch die Epochen der Geistesgeschichte zu schauen. Weder gab es nach der Rokokozeit oder davor, und erst recht nicht heute, einen Kanon von Normen, der sich nicht auch ändern könnte. Der Harlekin als Urtyp des Theaters fordert den Zuschauer heraus, enthüllt und hinterfragt die Einsamkeit des liebenden und enttäuschten Individuums. Je unbedingter der Glaube, umso tiefer der potenzielle Absturz. Aber ebenso gilt, je weniger Vertrauen in einen Menschen, desto geringer die Chance, Liebe zu erfahren. Das Dilemma bleibt bestehen. Die Harlekine wissen das und lassen uns nicht entkommen. Sie sind klug genug zu sehen, dass wir immer weiter die Liebe suchen werden und sie wie Luft und Wasser zum Leben brauchen.

Eine neuzeitliche, im besten Sinne witzige, unterhaltsame und kurzweilige, nicht wertende, schon gar nicht belehrende, nachgerade anti-intellektuelle Interpretation. Eine Deutung der Inhalte und die eigene Position dazu muss der Betrachter selbst finden. Kunst kann nicht delegiert werden.
Fritsch wird trotz aller körperlichen Akrobatik den Sängern gerecht, indem er Ihnen immer ermöglicht, in ihren großen Arien und Ensembles, den Kulminationspunkten der inneren Konflikte, eine ruhige, fokussierte Körperhaltung einzunehmen, die die Bewältigung der außerordentlichen gesanglichen Erfordernisse zulässt.
Und die werden grandios gemeistert. Maria Bengtsson spannt in ihren beiden großen Arien wundervolle Bögen und findet für die Proportionen und Dynamiken der Gesangslinien atemberaubende Realisierungen. Das Haus hält mehrfach den Atem an angesichts der Schönheit ihres stimmlichen Ausdrucks. Dem folgt unmittelbar Doviet Nurgeldiyev als Ferrando, dessen Kantilene und filigran abgestufte Tongebung sowie ruhige und konzentrierte Stimmführung für ebenso gebannte Stille im Hause sorgt.
Der in seiner Verzweiflung über die Untreue der Frauen und gleichzeitig bei seinen ariosen Verführungswerken überzeugende Kartal Karagedik bringt stimmlich und darstellerisch als Guglielmo die Mischung der männlich-eitlen Verführungsgeste und seiner in der Umkehr bittere Verletztheit über die Folgen verzweiflungswürdig zum Ausdruck. Die erst drei Tage vor der Premiere angesichts des anspruchsvollen Konzeptes mehr als couragierte Einspringerin Ida Aldrian bewältigt die Partie der Dorabella gleichwohl glänzend. Pietro Spagnoli ist körperlich und stimmlich ein enorm agiler Don Alfonso, der es in seiner komödiantischen Routiniertheit im besten Sinne an nichts fehlen lässt. Sylvia Schwartz gibt in den immer weiter gedrehten Harlekinaden bei exzellenter Stimmbeherrschung eine brillante Despina, die wahrlich kein ahnungsloses Mädchen ist. Der Chor unter der Leitung von Eberhard Friedrich wird den Anforderungen aufs Beste gerecht.
Unter der musikalischen Leitung von Sebastian Rouland findet das Philharmonische Staatsorchester Hamburg zu einem außergewöhnlich feinen und ausgeglichenen Mozart-Stil. Das Orchester sitzt in einem leicht erhöhten Graben. Das Orchesterspiel wirkt wie eine Konsolidierung der Mozartinterpretationen der letzten Jahrzehnte in Hamburg. Atmung, Rhythmus, und Balance, insbesondere auch der exzellenten Hörner und Holzbläser, erstrahlen in wunderbarer Durchsichtigkeit und Transparenz. Das Dirigat atmet mit den Sängern, die sich sichtlich wohl fühlen. Dabei wird weder eine quasi barock-basierte Spielweise noch ein schnell-temperierter Hochdruckstil verfolgt. Individuelle Tempoanpassungen werden mitunter sehr flexibel und geschmackssicher vollzogen.
Das Publikum nimmt den bunten Reigen zunächst etwas konsterniert auf, realisiert aber von Anfang das hohe musikalische Niveau der Aufführung und wird im zweiten Akt von der Intensität des Spiels mitgerissen. Langanhaltender Applaus, Bravorufe für alle Beteiligten. Auch das Regieteam wird ausnahmslos gefeiert.
Achim Dombrowski