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DON GIOVANNI
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
6. Januar 2019
(Einmalige Aufführung)
Eigentlich ist dieser Don Giovanni in der Elbphilharmonie als konzertante Aufführung angekündigt. Aber man kann sich im Vorfeld schon denken, dass ein Rollenveteran wie Erwin Schrott nicht ruhig vor einem Notenständer stehen wird. Beim Blick auf den Besetzungszettel stellt man dann aber fest, dass der Bariton selbst eine szenische Einrichtung vorgenommen hat. Die beginnt direkt in der Ouvertüre – leider muss man sagen, denn die ersten schicksalshaften Akkorde müssen mit den Geräuschen des lachend über die Bühne rennenden Don Giovanni konkurrieren. Das ist der einzige Moment, in dem Schrott sein Temperament gegen die Musik einsetzt. Ansonsten hat er eine klare Vorstellung davon, wie er diese Oper, oft verhunzt in gekünstelt-psychologischen Deutungen, auf die Bühne der Elbphilharmonie bringen kann. Gespielt wird größtenteils auf dem breiten Weg vor dem Orchester, so dass man sich in der zweiten Reihe im Parkett fühlt wie bei einem James-Bond-Film direkt vor Leinwand des Kinos. Der Kopf wendet sich sekündlich von links nach rechts und wieder zurück. Die Arien werden zu Schonmomenten der Halswirbelsäule. Aber das nimmt man angesichts der Energie, die man hier von den Darstellern geschenkt bekommt, gerne in Kauf.
Mit ein paar Requisiten, den Kleidern und Anzügen aus dem eigenen Kleiderschrank und mit der jeweils passenden Ausstrahlung werden Schrotts Ideen mit Bravour umgesetzt. Dabei sieht alles so aus, als hätte man das schon hundertmal zusammen aufgeführt. Das bekommt aber nur einen hohen Wert, weil die vokalen Leistungen an diesem Abend schlichtweg großartig sind. Wen also zuerst nennen von dieser Luxus-Besetzung? So darf oder muss man dem Tenor den größten Respekt zollen, da der Don Ottavio oft blass besetzt oder von der Regie vernachlässigt wird. Sicher: Im Vergleich mit Don Giovanni bleibt Ottavio ein Spießer, aber einer mit Niveau und Klasse, wenn er Habitus und Stimme von Benjamin Bruns besitzt. An diesem Abend ist er der soziale Gegenpol zu Don Giovanni. Endlich sind es nicht nur die Damen, die in den Ensembles hohe Akzente setzen. Dank Bruns hört man wieder, was der Tenor zu singen hat. Bei seinen zwei Arien darf man dann nochmal ganz genau die Ohren spitzen. Das sind Lehrstunden der Gesangskultur, wo man als Stimmenliebhaber etwas lernen kann über Koloraturen, Atmung und Phrasierung. Oder man lehnt sich einfach zurück und genießt diese beiden sensiblen Gefühlsmomente.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Auch Julia Kleiter erreicht bei ihrem Rollendebüt als Donna Anna diese Messlatte, wenngleich noch nicht so souverän wie ihr Bühnenpartner. Ihre große Szene im zweiten Akt lebt von der tief verinnerlichten Emotionalität dieser Rolle. Ihr silbriger Sopran schwebt durch die Phrasen und Koloraturen und verfügt parallel zu ihrer Bühnenerscheinung über einen gewissen Stolz. Nein, diese Frau hat Don Ottavio nicht betrogen. Sie hatte gewiss einen Moment der Schwäche. Für den hasst sie den Verführer Giovanni fast noch mehr als für den Mord an ihrem Vater. Auch wenn Kleiter keine dramatische Sopranistin ist, vermag sie ihre Stimme in ihrem Wunsch nach Rache in eiskalte Schärfe zu tauchen. Das passend andere Profil gibt Lucy Crowe der Donna Elvira. Wut und Verlangen schwingen in ihrem Sopran mit, aber auch immer eine gewisse Unsicherheit, als könnte sie in jedem Moment auch die technische Kontrolle über ihren Sopran verlieren. In ihrer Liebe zu Don Giovanni lebt Donna Elvira immer an ihrem eigenen Abgrund, und nachdem Crowe ihre anfängliche Nervosität überwunden hat, ist sie Teil des sozialen Gefüges auf der Bühne.
Aus anderem Holz geschnitzt ist Giulia Semenzato, in Erscheinung und Timbre eine Zerlina aus dem Bilderbuch. Sie weiß genau, was sie will, wittert sogar einen kurzen Moment dank Don Giovanni den sozialen Aufstieg. Letztendlich aber setzt sie ihre lyrischen Fähigkeiten dazu ein, ihren Masetto wieder um den Finger zu wickeln. David Steffens wertet mit Präsenz die eher kleine Rolle auf und hat auch vokale Meriten vorzuweisen. Da er in einer Doppelrolle auch als Komtur fungiert, ist seine große Stärke des Abends, auch ohne eine kompakte Inszenierung diesen komplett anderen Figuren auch zwei verschiedene Gesichter zu geben. Leider lassen ihn beim finalen Auftritt des Komturs die Nerven während der ersten Sätze im Stich.
Das kann man aber auch schon wieder ironisch sehen: Selbst eine überirdische Macht kommt ins Taumeln, wenn sie einer Naturgewalt wie Don Giovanni in der Person Erwin Schrotts gegenübersteht. Der nutzt seine Qualitäten in dieser Rolle schamlos aus, genießt es förmlich, das restliche Ensemble zu dominieren und mit dem Publikum zu flirten. Fast dankbar registriert man als Hörer, dass der Mann auch nur ein Mensch ist: Im Mezza-Voce muss er sich anstrengen, am Klang seines prachtvollen Bassbaritons zu bleiben. Eine kleine Notiz in einer großen Interpretation, die musikalisch und darstellerisch addiert ein Gesamtkunstwerk ergibt. Temperamentvoll nutzt er alle Möglichkeiten an Gestik und Mimik aus. Großartig ist nicht nur sein Gesang, sondern auch die Ausarbeitung der Rezitative, für die er sich falls sinnvoll auch viel Zeit nimmt. Die machen an diesem Abend so richtig Spaß, weil erstens die Cembalistin Soyoung Sim großartig die musikalischen Fäden zwischen die Worte spinnt. Und zweitens, weil der Einspringer des Abends den gleichen Schneid hat wie Schrott. Mit Adrian Sâmpetrean hat an diesem Abend keiner gerechnet, und dass er, zwei Tage vor der Aufführung von Schrott angerufen, als Leporello zu dieser Form aufläuft, schon gar nicht. Selbstbewusst und absolut auf den Punkt liefert er sich mit Schrott ein wahnwitziges Rededuell und beweist ein untrügliches Gespür für Komik am richtigen Zeitpunkt. Dazu passt sein agiler Bassbariton, ein bisschen schlanker als der von Schrott, was genau den richtigen Unterschied ausmacht. Eine großartige Leistung!

Musikalisch nicht ganz auf diesem Niveau präsentiert sich der Deutsche Kammerchor, weil besonders den Herren die nötige Power fehlt, um seine großen Auftritte im ersten und zweiten Akt auszunutzen. Darstellerisch fügen sie sich gerne in das Geschehen ein, und selbst einige Mitglieder des Kammerorchesters Basel wagen ein Tänzchen im Ballsaal von Don Giovannis Schloss. Ansonsten bleiben die Instrumentalisten eine Spur hinter den Sängern zurück, was vermutlich aber akustische Gründe hat. Denn in den vorderen Reihen dominieren die Sänger den Klang. Die Feinheiten des Orchesters, die man in der Ouvertüre auch noch deutlich hört, können später kaum noch durchdringen. Zeitweilig kann es sogar passieren, dass vorne im Parkett einige Akzente eine hundertstel Sekunde versetzt ankommen. Die viel gerühmte Akustik der Elbphilharmonie offenbart ihren Zauber am nächsten Morgen während einer Hausführung. Man bekommt für ein paar Minuten die Gelegenheit, Mäuschen zu spielen, während das NDR-Elbphilharmonie-Orchester unter Marek Janowski Wagners Tannhäuser-Ouvertüre probt. Was man 30 Meter über dem Klangkörper hört – sogar die knappen Anweisungen des Maestros – ist wirklich großartig.
Der Don Giovanni wird von einem Giovanni dirigiert, Giovanni Antonini, um genau zu sein. Er gibt der Oper genau den richtigen Drive und ist den Sängern so ein zuverlässiger und einfühlsamer Begleiter, dass sich Donna Elvira sogar an seiner Schulter ausweinen darf. Der Abend endet dramatisch mit Don Giovannis Höllenfahrt. Für das vermeintliche glückliche Ende bleibt eine halbe Stunde vor Mitternacht keine Zeit. Den ersten Zuhörern merkt man in der Pause schon an, dass sie die Länge der Aufführung unterschätzt haben – sie gehen. Ein weiteres Drittel rennt mit dem Schlusston hinaus. Das kann wohl weder ein Ort wie die Elbphilharmonie noch ein Opernabend wie dieser verhindern. Von den restlichen Zuschauern gibt es lauten und glücklichen Beifall, der den augenscheinlich sehr zufriedenen Sängern auch stehend entgegengebracht wird. Ein großartiger Beginn für das Opernjahr 2019.
Christoph Broermann