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Was hätte das für ein bitteres Déjà-vu für die Staatsoper Hamburg werden können. Als vor acht Jahren Mozarts Don Giovanni in der Inszenierung von Doris Dörrie Premiere feiert, kochen schon zur Pause die Emotionen hoch. Auch Dirigentin Simone Young bekommt – etwas zu Unrecht – die Entrüstung des Publikums zu spüren. Während 2019 draußen das Hamburger „Shietwetter“ den Tag beherrscht, kommen drinnen die Zuschauer vom Regen in die Traufe. Vielleicht sollte man zukünftig an der Staatsoper darauf achten, dass kein Schauspiel-Regisseur die Oper inszeniert und dass zweitens keine stumme Figur dazu erfunden wird. Bei Dörrie war es „La Morte“ und nun bringt Jan Bosse Amor respektive Tod ins Spiel – brillant verkörpert durch die Schauspielerin Anne Müller. Sie verfügt über eine fantastische Körpersprache und eine Mimik, die weit in die Zuschauerreihen hinein reicht. Aber warum sie an diesem Abend um die Protagonisten herumwirbelt und sie beobachtet, warum sie am Ende aktiv an der Höllenfahrt Giovannis mitwirkt, das kann auch sie nicht auflösen.
Aber noch weniger kann es der Regisseur. Warum genau Jan Bosse diese Oper inszeniert und was er über diese Oper, über ihre Figuren erzählen möchte, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Dabei ist es gar nicht so, als hätte der Regisseur keine Ideen. Er setzt die Videos von Jan Speckenbach ein, die abseits des Bühnengeschehens die Figuren in ansonsten emotional verborgen gebliebenen Zuständen zu zeigen. Während sich das noch von selbst erklärt, bleibt die Personenführung relativ unscharf. Dazu werden halt die typischen Einfälle einer Don-Giovanni-Inszenierung abgespult. Das, was man schon oft in den letzten Jahren gesehen hat. Wenn etwas auf der Bühne die Augen reizt, dann sind es die Kostüme von Kathrin Plath, die auf moderne Art und Weise Charaktereigenschaften beschreiben. Nadelstreifen treffen auf Hosenträger. Da werden gerne auch mal feminine und maskuline Kleidungstypen gemischt. Zum Finale des ersten Aktes werden alle von Don Giovanni in silbernes Glitzer gepackt. Durch das Licht von Kevin Sock verwandelt sich die Bühne in ein chaotisches Spiel aus Licht und Schatten. Giovannis Verfolger maskieren sich, indem sie den gleichen Glitzer wie Alberich seinen Tarnhelm auf dem Kopf tragen. Überhaupt greift das Regieteam gerne auf Blendeffekte zurück, was einerseits schon ein passendes Attribut für Don Giovannis Treiben ist. Auf der anderen Seite scheinen sie selbst darüber hinwegtäuschen zu wollen, dass sie ihre Ideen nicht zu einem kompletten roten Faden verbinden können. Auch das imposante Bühnenbild von Stéphane Laimé kreist hin und her, transportiert hohe Wände mit Türen und Fenster. Die Darsteller rennen hin und her, rauf und runter, singen hinter der Kulisse, auf ihr und vor ihr. Was bringt es? Nichts! Immerhin gelingt der zweite Akt etwas besser als der erste, aber auch nur weil Kevin Sock optisch mit dem Licht zaubert und der darstellerischen Langeweile immerhin etwas Atmosphäre gibt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Zum Glück gibt es ja noch Adam Fischer, der Altmeister am Pult, dem man lieber beim Dirigieren zuschaut als der belanglosen Personenführung. Im hochgefahrenen Orchestergraben ist er und seine inspirierende Art zu dirigieren deutlich zu sehen und zu hören. In seiner wunderbar auf Harmonien setzenden Interpretation fordert er Präzision vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, die vor allem die Streicher nicht immer einlösen können. Kleinere Ungenauigkeiten werden sich aber über die nächsten Vorstellungen ausbessern lassen. Dann heißt es zurücklehnen und dieser ausgefeilten Interpretation zuhören, die im Gegensatz zur Inszenierung einen roten Faden hat, ohne sich plakativ nach vorne drängen zu wollen.

Auch für das homogene Ensemble ist es schade, dass ihre Möglichkeiten nicht mehr gefordert werden. Kyle Ketelsen beispielsweise, einer der besten Leporellos dieser Tage, kann die Rolle, die perfekt auf seinen Bass-Bariton passt, einfach so runter spulen. In Sachen Textgenauigkeit und Rollenidentifikation reicht keiner an ihn heran. Auch Andrè Schuen muss sich mächtig anstrengen, sich von seinem Diener nicht den Schneid abkaufen zu lassen. Rein optisch ist dieser Sänger ein wahrer Don Giovanni, hochgewachsen mit voller brauner Mähne. Seinen wirklich schön klingenden Bariton könnte er aber noch etwas mehr einsetzen. Da fehlt dann über weite Strecken doch die Leidenschaft, die er sich für das Finale des zweiten Aktes aufbewahrt hat. Alexander Roslavets transportiert glaubwürdig die Eifersucht des Masetto. Alexander Tsymbalyuk überzeugt als Commendatore sowohl als besorgter Vater als auch als übernatürliches Wesen, der die Rache an Don Giovanni stimmgewaltig vollzieht. Dovlet Nurgeldiyev bleibt als Don Ottavio in den Ensembles etwas unscheinbar, macht dafür aber seine Arien zu zwei schönen Kunstwerken.
Bei den Damen überzeugt am meisten Frederica Lombardi, die mit wohlklingender Verve die unglücklich verliebte Donna Elvira singt. Julia Kleiter wird – wenn sie im Hintergrund positioniert ist – von der Akustik der Staatsoper verschluckt. Ihr schön-silbriger Sopran ist vielleicht noch einen Hauch zu klein. Dafür aber setzt sie ihn technisch absolut sicher ein und kann ihren Abend mit einem emotionalen Non mi dir samt perlenden Koloraturen krönen. Anna Lucia Richter spielt als kecke Zerlina mit den Tönen und erlaubt sich sogar einige „angeschmierte“ Töne, was allerdings nicht zu der Interpretation von Adam Fischer passt. Nicht durchgängig sicher präsentiert sich der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor. Vor allem der Tenor schwächelt bei der Einladung Giovannis zum Fest.
Dank der musikalischen Seite rettet die Staatsoper dann doch noch ein – im Vergleich zur letzten Premiere – positives Ende. Allerdings nicht für das Regieteam, das eine gewaltige Buh-Kaskade abbekommt und – eigentlich noch schlimmer – einen sehr dürftigen Applaus. Tatsächlich kommt aber im Laufe der Vorstellung der Gedanke auf, dass die Inszenierung im Laufe ihrer vermutlich eher kurzen Laufzeit an der Staatsoper mit jeder Wiederaufnahme vielleicht sogar etwas besser werden könnte.
Rebecca Hoffmann