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Was Falstaff den Frauen vermittelt

FALSTAFF
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
19. Januar 2020
(Premiere)

 

Staatsoper Hamburg

Falstaff ist Verdis letzte Oper. Sie führt den Namen eines Mannes im Titel und ist doch – wie sonst nur noch Die Hochzeit des Figaro – ein Werk, das in vergleich­barer Weise ganz von der Dynamik der betei­ligten Frauen in Gang gehalten wird.

Der dicke und verarmte Adlige Falstaff isst und trinkt sich auf Kosten anderer durchs Leben und ist auf der Pirsch nach reichen Bürgern, die er für seine Zwecke ausnehmen kann. Ideale Opfer erscheinen ihm die beiden Frauen Alice Ford und Meg Page, denen er zwei gleich­lau­tende Liebes­briefe schreibt. Der bis zur Schmerz­haf­tigkeit eifer­süchtige Ehemann von Alice erfährt davon, verkleidet sich und bittet Falstaff, seine angebetete Alice – in Wirklichkeit seine Frau – zu verführen. Er bietet dafür viel Geld. Als Ford von Falstaff erfährt, dass dieser gerade zu einem Rendezvous zu Alice unterwegs ist, platzt er vor Wut und Verzweiflung. Bei Falstaffs Treffen mit Alice tobt Ford herein, um den Dicken zu erschlagen. Falstaff wird von den Frauen versteckt und schließlich zur Erhei­terung aller in die Themse geworfen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Während all dieser Turbu­lenzen findet ein Liebespaar zuein­ander: Nannetta und Fenton. Nannetta ist die Tochter von Ford, der sie mit dem langwei­ligen Dr. Cajus verhei­raten will, was Mutter und Tochter nicht wollen. Falstaff wird eine Einladung von Alice überbracht, die ihre Unschuld an den Vorkomm­nissen beteuert und ihn um Mitter­nacht zur Herne-Eiche bestellt, wo der Schwarze Jäger umgeht. Er geht ihr auf den Leim. Dort erscheinen alle in vorher abgespro­chenen Verklei­dungen und fallen über den Heraus­for­derer Falstaff her. Ford will hier seine Tochter mit Dr. Cajus verhei­raten. Durch die im letzten Moment auf Initiative der Frauen vertauschten Kostüme gibt er jedoch unfrei­willig der Verbindung von Nannetta und Fenton seinen Segen. Falstaff führt die abschlie­ßende Fuge an; Lauter Betrogene – Alles in der Welt ist Spaß.

Der Regisseur Calixto Bieto lässt im Bühnenbild von Susanne Gschwendner, in den Kostümen von Anja Rabes und der effekt­vollen Licht­regie von Michael Bauer das Geschehen zunächst überwiegend in und vor einer typisch engli­schen Gastwirt­schaft spielen, die sich im Verlauf um die eigene Achse dreht und Stück für Stück filetiert wird, bis das Gasthaus als optischer Anker ganz verschwunden ist. Das ermög­licht einen störungs­freien Spiel­verlauf ohne Umbau­pausen. Die Szene wandelt sich zunehmend in einen unbestimmten Kosmos des Unkon­trol­lier­baren und mündet so sehr folge­richtig in die Geisterwelt zu mitter­nächt­licher Stunde, in der sich die Ereig­nisse überschlagen. Die Kostüme sind in der heutigen Zeit angesiedelt.

Foto © Monika Rittershaus

Lustvoll lassen sich die Frauen auf das Spiel mit Falstaff ein. Es ist ein Ausbruch aus der sonst so sauberen, geregelten und engen Welt. Sie bringen sich mit Flachmann und ordentlich Zigaret­ten­genuss in Schwung und genießen das Risiko der kleinen Flucht aus ihrer bürger­lichen Welt und die Erfahrung einer anderen Lebens­ein­stellung, die ihnen die Begegnung mit Falstaff ermöglicht.

Hier können sie sich wenigstens ein bisschen gehen lassen, eigenen Neigungen nachspüren. Oder bereit sein für die Überra­schungen des Lebens, wenn nach der ersten sexuellen Begegnung von Nannetta und Fenton nun gleich die wahrlich ungeplante Schwan­ger­schaft folgt. Die Männer haben keine andere Chance als der überle­genen Choreo­grafie der Frauen zu folgen, die für die Fährnisse des Lebens eine organi­schere Antenne zu haben scheinen.

Das intensive Spiel entfaltet sich über weite Strecken einfalls­reich sowie mit diffi­zilem Witz und Schwung. Die Perso­nen­führung spürt vielen feinsin­nigen Details der Partitur nach, lediglich dem Herne-Akt mit dem statua­risch agierenden Chor fehlt eine überzeu­gende Umsetzung. Typisch für Bieitos Ästhetik wird deftig im Essen gerührt und geschmiert, sitzt der Titelheld zu Beginn des dritten Aktes auf einer Toilette, die von den inzwi­schen verblie­benen Requi­siten der Gastwirt­schaft noch auf der Bühne steht – mögli­cher­weise ein Grund für die späteren Publikumsreaktion.

Das Sänger­ensemble begeistert ausnahmslos. Ambrogio Maestri ist seit rund 20 Jahren der Inbegriff des Falstaff auf allen großen Bühnen der Opernwelt. Dem Ruf wurde er nun auch in Hamburg voll gerecht. Stimm­führung, das spezi­fische Falstaff-Parlando, Sprachwitz und Kantilene kommen bei Maestri phäno­menal auf den Punkt. Er reißt das weitere Ensemble mit wie kein anderer.

Grandios die Frauen­riege mit der spiel­freu­digen Maija Kovalevska als Alice, der wirkungsvoll in tiefer Lage auftrump­fenden Quickly der Nadezhda Karyazina, der sich in jugendlich-zarter Kantilene verschmel­zenden Elbenita Kajtazi als Nannetta und Ida Aldrian als Meg.

Markus Brück als Ford führt mit kraft­vollem, aber kontrol­liert geführtem Bariton die Männer­gruppe an. Oleksiy Palchykov singt mit feinglied­riger Tenor­stimme einen jungen und scheuen Liebhaber, und Jürgen Sacher vermag mit einem selbst­ge­wich­tigen Dr. Cajus zu überzeugen. Tigram Matirossian als Pistola und Daniel Kluge als Bardolfo geben exzel­lente Porträts ihrer Rollen mit schonungs­losem darstel­le­ri­schem Einsatz.

Der Dirigent Axel Kober, Chefdi­rigent der Deutschen Oper am Rhein, vermag mit dem Philhar­mo­ni­schen Staats­or­chester Hamburg die diffi­zilen Nuancen der Partitur mit ihren intri­katen rhyth­mi­schen Details überlegen auszu­kosten. Nie ist das Orchester zu laut, die Balance zwischen Bühne und Graben gelingt bei anspruchs­vollen Tempi heraus­ragend gut.

Der Chor der Staatsoper Hamburg unter Leitung von Eberhard Friedrich meistert die Aufgaben in gewohnter Professionalität.

Viel Applaus und bravi für die Sänger, allen voran Ambrogio Maestri, Nadezhda Karyazina, Maija Kovalevska und besonders Elbenita Kajtazi. Neben Applaus und bravi empfängt ein nicht ganz kleiner, aber umso wüten­derer Buh-Sturm das Regieteam.

Achim Dombrowski

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