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LA FANCIULLA DEL WEST
(Giacomo Puccini)
Besuch am
26. März 2025
(Premiere am 1. Februar 2015)
Die 18. Aufführung von La fanciulla del West in der Inszenierung von Vincent Boussard seit der Premiere 2015 an der Staatsoper Hamburg, nach 80 Jahren überhaupt wieder hier zu sehen, ist allein schon Indiz genug, dass diese Puccini-Oper eine besondere Geschichte erzählt. Nach Madama Butterfly, 1906 in Mailand uraufgeführt, sucht Giacomo Puccini nach einem Libretto jenseits des üblichen narrativen Modus. Reisen können, wie sich im Fall von Puccini zeigt, dabei mitunter überraschende Impulse auslösen.
Eingeladen von der Metropolitan Opera New York, reist er in die Metropole. Bei seinem Zwischenhalt in Paris trifft er einen Bekannten, der ihm begeistert von dem erfolgreichen Boulevard-Stück La fanciulla del West von David Belasco erzählt. Nachdem er es sich vor Ort angeschaut hat, ist er zunächst nicht unbedingt überzeugt, damit etwas für sein neues Opernprojekt gefunden zu haben. Aber die Geschichte entwickelt sich anders, als er von der Met einen Kompositionsauftrag für die neue Saison erhält.
Wenige Minuten, bevor die Aufführung in Hamburg beginnt, fragt eine Dame ihre Nachbarin: „Deine Freunde sind heute nicht da? Die Italienischen Wochen der Staatsoper sind doch ein Höhepunkt der Saison“. – „Sie sind gestern erst zurückgekommen. Ihr Jetlag fordert erst einmal Ruhe …“, antwortet die Nachbarin. Der Kontrast könnte nicht größer zu Puccinis mehrwöchiger Reise per Schiff sein. Andererseits hätte es Puccini gefallen, so komfortabel zu reisen.
Ihm lag das dolce vita mit schnellen Autos und eleganten Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts näher, als sich als Avantgardist moderner Musik à la Arnold Schönberg zu profilieren. Nach seinen frühen Erfolgen mit Tosca, Madama Butterfly und Manon Lescaut genießt er sein Leben in Reichtum und Glanz. Ihm ist daran gelegen, einfach nur schöne Musik zu komponieren. Mit La fanciulla del West erfindet er für die Oper ein neues Italo-Western-Genre, das auch musikalisch an vielen Stellen die Filmmusik schon vorweg zu nehmen scheint. Puccinis dezidierte Anmerkungen für jeden Gesangspart lesen sich wie die Dramaturgie eines effektvoll organisierten Film-Scripts.

Glamourös und gleichzeitig musikalisch ambitioniert, zwar der Zwölfton-Musik oder der Wiener Klassik nicht folgend, aber bei Claude Debussy, Maurice Ravel und Richard Wagner sehr genau hingehört, erlebt La fanciulla del West am 10. Dezember 1910 in der Metropolitan Opera New York unter der Leitung von Arturo Toscanini und mit Enrico Caruso als Dick Johnson ihre Uraufführung. Die einzige, die nicht in Italien stattfindet.
Puccinis Instrumentation zeigt die ganze Bandbreite seines Könnens. Motive, die an Debussys La Mer wie auch an Wagners Parsifal erinnern, durchklingen, verstreut wie assoziative Facetten die Komposition. Ein kalkuliertes Spiel von Melancholie und Emotionen, das musikalische Stimmungen schafft, denen man sich nur schwer entziehen kann. Harmonisch komponierte Hör-Schönheit. Dass das Werk sich nach diesem umjubelten Anfang heute auf den Opernbühnen eher rarmacht, mag an dem gekünstelten, dem Kitsch zugeneigten Libretto liegen. Nur Platzhalter für wunderbare Musik zu sein, ist dann doch offensichtlich zu wenig, um wirklich zu überzeugen.
Gewichtigere Gründe für die relative Bühnen-Abstinenz der Oper sind vor allem in den gesanglichen Höchstschwierigkeiten für die Solisten zu finden. Da ist der Tenor des Dick Johnson alias der Räuber Ramerez gefordert, sich von jetzt auf gleich auf das hohe C – und höher – bruchlos hinaufzusingen. Gregory Kunde charakterisiert den zwischen Gauner-Biografie und Liebendem gebrochenen Dick Johnson allerdings nicht durchgängig überzeugend. Den hohen Stimmlagen wünschte man manchmal mehr unangestrengte Leichtigkeit. Er gestaltet die Verbrecher-Sünder-Liebender-Rolle in einer Mischung aus liebesgebremster Brutalität und sanfter Demut. Dick muss einen langen Weg als Sänger gehen, bevor ihm Puccini im letzten Akt mit der Arie Ch’ella mi creda die Chance gibt, als Tenor zu brillieren. Wie das Caruso gelang, ist nicht belegt. Kunde singt hier mit konzentrierter Anstrengung in verinnerlichter Authentizität, ohne spektakulär zu glänzen.
Der von Christian Günther flexibel eingestimmte Männerchor der Hamburgischen Staatsoper sowie das große Solisten-Ensemble bilden ein verlässliches Rückgrat der Inszenierung. Boussard widersteht der Versuchung, sich allein auf die Dreieckskonstellation Minnie, Dick und den versoffenen Sheriff Jack Rance zu fokussieren. Claudio Sgura figuriert ihn mit dem Abziehbild Clint Eastwoods als dem weltweit bekannten Westernhelden der Filmgeschichte, kostümiert – zusammen mit Christian Lacroix – mit dem weit ins Gesicht geschobenen Westernhut, Zigarre rauchend und in wippenden Cowboy-Stiefeln ikonografisch.
Rance, ein Kerl, dem mit Adrenalin gestärkter Brust alles und alle gefügig zu sein scheinen, charakterisiert Sgura als Protagonisten, der, wie die Goldgräber alle, Leere, Einsamkeit und Depression kaum aushalten kann. Boussard zeigt Menschen, die um ihrer und der Familienexistenz willen einer Arbeit nachgehen, die sie – irgendwo fern, irgendwie unwirklich – irgendwann entmenschlicht. Andrew Dickinson als Opportunist Nick inmitten der Goldgräber nimmt die von der Partitur vorgegebene Rollen-Chance stilsicher an.
In der abstinenten Männerwelt wirkt Minnie wie ein Märchen-Engel, der den seelischen Überdruck vermindert. Dem ersten Anschein nach Flintenweib, ist sie für die Männer realiter Seelentrösterin, Mutter, Schwester – und Lehrerin der Bibel. Anna Pirozzis Sopran moduliert instinktsicher in stimmlich wechselnden Seelenbädern. Ihr gelingt es, Minnie in ihrer jungfräulichen, weltfremden Brombeer-Zufriedenheit und naiven Gläubigkeit, die ausgerechnet einem Räuber in Liebe verfällt, als verzwackte Persönlichkeit glaubhaft zu machen. Das gelingt ihr mit einer empathischen Rollenauffassung, die selbst Unglaublichem einen Hauch des Möglichen gibt.
Ihre den Romantik-Kitsch streifende Unschulds-Arie – Oh, se sapeste come il vivere é allegro! – singt sie in lyrisch-naiver Verklärung, die die Libretto-Ungereimtheiten überdeckt. In dem Moment, als Minnie Dicks Verlangen nach dem einen Kuss, Un bacio, un bacio alem!, in liebender Ergebenheit erliegt, Eccolo! É tuo!, und sie ihn wenig später als einen Geraubten glaubt, Ma il primo bacio mio vi siete preso, ché vi credevo mio, solanto mio, singt sich Pirozzi in einen Rausch. Aus tiefster Verzweiflung erlöst sie sich und die Männer in göttlicher Marien-Pose. So, als wäre sie selbst und nicht nur Minnie erhoben und erlöst: Fratelli, non v’é al mondo peccatore cui non stapra una via di redenzione. Dass Teile des Publikums am Ende des zweiten Akts, als Minnie nach der gewonnenen Poker-Partie um Dick mit Rance triumphiert – Lui mi appartiene! – lautstark anhaltend applaudieren, sei ihrem Überschwang der Gefühle geschuldet. Aber es gibt noch einen dritten, den einer religiösen Überhöhung.
Allerdings: Religiösen Botschaften ist heute mehr denn je zu misstrauen. Pirozzis Gesang übersetzt sie als eine, der zu trauen und zu vertrauen ist. So gewöhnungsbedürftig die Narrationen von Opernlibretti gemeinhin sind, bleibt ihre Akzeptanz bei allem Respekt vor dem künstlerischen Angebot eine vom Zuschauer selbst zu leistende Aufgabe. La fanciulla del West macht sie möglicherweise heute mit der Erfahrung von Kino und sozialen Medien nicht transparenter.
Die Western-affine Bühnenarchitektur von Vincent Lemaire mit dem Wirtshaus La Polka wie mit dem schief hängenden Häuschen von Minnie macht es leicht, sich in die zwar vergangene, aber von vielen Mythen besetzte Zeitgeschichte mitnehmen zu lassen. Francesco Ivan Ciampa schafft mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, eine mit Italo-Western eingefärbte italienische Grandezza-Klangkultur auszuleuchten. Dem schönen Klang in leidenschaftlich bis tödlich konnotierten Szenen unbedingt verpflichtet, auch wenn der Kitsch tropft, wie das tropfende Blut Dick letztlich verraten wird.
Peter E. Rytz