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Foto © Jörg Modrow

Figaro in den 80-er Jahren

DIE HOCHZEIT DES FIGARO
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
5. Juni 2022
(Premiere)

 

Hochschule für Musik und Theater, Hamburg

In der auf dem Schau­spiel Beaum­ar­chais‘ beruhenden Handlung von Figaros Hochzeit erlebt man den Kampf des Diener­paares, Susanna und Figaro, um die Erlaubnis des Grafen für ihre Hochzeit. Der verweigert seine Zustimmung in der Hoffnung, Susanna zuvor selbst noch zu erobern. Wesent­licher Motor der Dynamik ist dabei die Kompli­zen­schaft Susannas mit der Gräfin, will die doch die Untreue ihres Mannes – des Grafen – durch eine fingierte Einladung Susannas und Kleider­tausch mit ihr beweisen, ihn entlarven und bloßstellen. Die Verklei­dungs­in­trige gelingt. Der Graf zeigt sich reuig. Aber existiert die alte Liebe zur Gräfin noch und hat sie Bestand?

Schau­spiel wie Oper wurden zurzeit der Entstehung 1786 drama­tur­gisch so geformt, dass sie die Zensur passieren konnten, zumindest zeitweise. Die Konno­ta­tionen des Aufbe­gehrens gegen das alte Regime wurden in Europa wohl verstanden. Wenn nun alle angestrebten Freiheiten, um die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts so gerungen wurde, existieren, was kann uns Mozarts und da Pontes Meisterwerk neben einem histo­ri­schen Rückblick heute vermitteln?

In einer bedeu­tenden Neuin­sze­nierung von Lydia Steyer in Hannover wurden noch vor kurzem die gesell­schaft­lichen Aggres­sionen anlässlich umwäl­zender Verän­de­rungen am Ende des 18. Jahrhun­derts vor der Franzö­si­schen Revolution beleuchtet und die ungewissen Ideale der Zukunft hinterfragt.

Der Regisseur und Lehrstuhl­in­haber für szenisch-musika­li­schen Unter­richt an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg Christian Poewe ist selbst ausge­bil­deter Schau­spieler und seit Jahren Opern­re­gisseur. Mit Poewe zusammen hat das Team an der Hochschule eine eigene Fassung erarbeitet.

Foto © Jörg Modrow

Der Regisseur betont eine positive Sicht auf das Leben und sieht in der komplexen Vorlage auch die Themen von Planung und Kontrolle des eigenen Lebens behandelt oder auch deren poten­zi­elles Scheitern. Die Botschaft enthält – wie Poewe es formu­liert – gewis­ser­maßen eine Auffor­derung, sich nicht nur auf das Funktio­nieren der Lebens­pläne zu fokus­sieren, sondern Frieden zu schließen mit der Unbere­chen­barkeit, der Unwäg­barkeit des Lebens. Jeder will Teil einer Gemein­schaft sein und ist auf die humanis­tische Haltung des gegen­sei­tigen Verzeihens angewiesen. Eine solche weniger politische Sicht­weise wäre vor einigen Jahren an einer deutschen Univer­sität unwahr­scheinlich gewesen.

Das Bühnenbild von Anna Brand­stätter besteht aus einem Holzaufbau, der durch unregel­mäßige und nicht immer gleich zu erken­nende Luken und Öffnungen unter­brochen wird. Hier weiß man nie, wie und wo jemand zuhören oder unmit­telbar in den Raum eintreten kann. Im weiteren Verlauf werden zunehmend Öffnungen sichtbar, ohne dass wirklich das Gefühl der Offenheit entsteht.

Die Kostüme von Jana Mehner und Katrin Unger sind in Zusam­men­arbeit mit und durch Unter­stützung der Hochschule für Angewandte Wissen­schaften Hamburg – Fakultät Design, Medien und Infor­mation – unter der Leitung von Reinhard von der Thannen entstanden – eine der Koope­ra­tionen, die es der Musik­hoch­schule überhaupt erst ermög­licht, eine Produktion einer so umfang­reichen Oper wie die des Figaro zu realisieren.

Die Kostüm­krea­tionen führen in die Zeit der 1980-er Jahre. Sie sollen Ausdruck einer Welt mit einer ungehemmt lebens­lus­tigen, möglichst unbeschwerten und nicht enden wollenden Feier­stimmung sein. Es werden viele Hütchen getragen wie bei einer Karnevals- oder Party­ver­an­staltung. Aller­dings bleibt in einem solchen Ambiente immer wieder auch schnell das Individuum zurück, das gerade nicht an dem Spaß teilhat, enttäuscht oder wütend ist, wie wiederholt Figaro, der immer wieder seine Hochzeits- und anderen Pläne scheitern sieht.

Wieder ist es der Hochschule gelungen, in einer Opern­pro­duktion ein mehr als eindrucks­volles Sänger­ensemble bei zehn Solorollen aus nicht weniger als neun verschie­denen Nationen zusammenzubringen.

Der Figaro ist eine der Opern, die in vielerlei Hinsicht ganz maßgeblich durch die Frauen getragen und kontrol­liert werden. Mit Mina Yu als Gräfin Almaviva und Sophia Keiler als ihrer Kammerzofe Susanna entwi­ckelt sich ein ganz wunder­bares Zusam­men­wirken. Die Verab­re­dungen der Frauen zur Verkleidung, die Hoffnung auf Lösung der Spannungen, das Herbei­sehnen der verlo­renen Liebe werden in ihren Arien und Duetten im zweiten Teil der Oper sänge­risch und darstel­le­risch brillant auf den Punkt gebracht. Die Partien sind durch eine unend­liche Tiefe gekenn­zeichnet, denen auch sehr erfahrene Sänge­rinnen immer wieder neue Facetten abgewinnen können. Es ist um so bewun­derns­werter, wie diffe­ren­ziert die jungen Sänger­dar­stel­le­rinnen ihre Partien erfüllen.

Der Graf von Maksy­m­ilian Skyba erstaunt zunächst durch seinen Auftritt in boden­langem Mantel und silbernem Zylinder mit Bemalung im Gesicht, die an Frank Zappa oder Stilele­mente bei der Rockband AC/​DC erinnern. Es ist nicht ganz leicht, mit diesem fortwährend optisch starken Acces­soires eine eigene Persön­lichkeit auszu­prägen, auch wenn der Part gesanglich überzeugend vorge­tragen wird.

Feng Sun beweist nach der Teilnahme an so anderen Produk­tionen wie Rinaldo und insbe­sondere auch als Alberich im Rheingold seine geradezu grenzenlose Wandel­barkeit durch seine beweg­liche Inter­pre­tation des Figaro.

Oscar Marin-Reyes als Bartolo bringt eine schier unbändige Bühnen­präsenz auf die Szene. In einem Interview berichtet er, dass er nicht weniger als dreizehn Jahre mit Verve Tuba gespielt hat, bevor ihn die Leiden­schaft für die Opern­bühne erwischt hat. Der junge Sänger aus Guatemala mit seiner anste­ckend-positiven Ausstrahlung sollte ganz unbedingt der Oper unbedingt erhalten bleiben.

Delia Bacher als verwirrt-verwir­render Cherubino und Weronika Prościńska als exaltierte Marcellina überzeugen mit abgerun­deten Darstellungen.

Ein kleines darstel­le­ri­sches und gesang­liches Juwel bringt Carmen Callejas in ihrem Rollen­porträt als Barbarina auf die Szene. Sie changiert genau auf der Gratwan­derung zwischen unschul­digem Mädchen und junger Frau, die ihre nicht nur eroti­schen Ziele zielsicher zu verwirk­lichen weiß.

Die kauzigen Darstel­lungen von Andris Kipluks als Basilio und Don Curzio sowie Tim Winkel­höfer als dauer-bekiffter Antonio runden das spiel­freudige Ensemble in perfekter Weise ab.

Es existiert eine alter­nie­rende Besetzung für fast alle Rollen aus weiteren jungen Sängern, die die andere Hälfte der insgesamt acht Vorstel­lungen im Juni singen werden. Ein Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Eine weitere wichtige Koope­ration der Musik­hoch­schule für die Reali­sierung dieser Opern­pro­duk­tionen besteht mit den Sympho­nikern Hamburg. Willem Wentzel hat hierbei wiederum die routi­nierte musika­lische Leitung inne.

Großer Beifall der gut besuchten Premiere – beste Aussichten also für den Sänger­nach­wuchs an den Opern­bühnen, wo auch immer in der Welt.

Achim Dombrowski

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