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Foto © Alex Rutz

Musiktheater 4.0

MEMBRA. ALS ICH IM STERBEN LAG
(Dieterich Buxtehude et al.)

Besuch am
16. November 2017
(Urauf­führung)

 

Hochschule für Musik und Theater Hamburg, Forum

Der Regisseur Martin Mutschler widmet sich in der Abschluss­arbeit seines Regie­stu­diums in seinem Team zusammen mit Madis Luik, der in dieser Arbeit den bedeu­tenden Beitrag des Mediums Film verant­wortet, Thilo Ulrich für die Bühne und Dennis Peschke für die Kostüme einem Annähe­rungs­versuch an das Thema Tod.

Diese Annäherung erfolgt auf drei äußerst sensibel abgestimmten Ebenen: Zum einen durch den auf Origi­nal­in­stru­menten basierten Vortrag des Ensemble rhein­barock mit Auszügen aus Dieterich Buxte­hudes Membra Jesu Nostri Sanctissimi Patientis, einem Kanta­ten­zyklus um den sterbenden Körper Jesu am Kreuz, weiterer Musik Buxte­hudes, Bachs, Monte­verdis unter anderer Barockkomponisten.

Die zweite Ebene ist ein gleichsam dokumen­ta­ri­sches Filmdo­kument mit Inter­views krebs­kranker Patienten der Klinik für Strah­len­the­rapie des Univer­si­täts­kli­nikums Schleswig-Holstein in Kiel sowie einge­blen­deter Sequenzen eines wie in einem Kubrick-Film in der Ewigkeit kreisenden Compu­ter­to­mo­grafen (CT).

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die dritte Ebene ist der Gesang und das Bühnen­spiel fünf junger Sängerdarsteller.

Dem jungen Regisseur gelingt es auf nachgerade wundersame Weise, die extrem gegen­sätz­lichen Charak­te­ristika der symbo­li­schen Musik Buxte­hudes mit der konkreten filmi­schen Dokumen­tation des Leidens realer, todkranker Menschen sowie dazu eines scheinbar unbelas­teten Lebens und Spielens der jungen Sänger zu kombinieren.

Die filmische Konfron­tation des eiskalten Feuers der Wissen­schaft, verbild­licht im Kreisen des CT, mit der schwachen, in ihrer Sprache noch glimmenden Hoffnung der Patienten wird noch gesteigert durch die zeitweise gespielte Inter­view­si­tuation der Sänger­dar­steller mit den Patienten im Film. Das Vertrauen der sich in den Inter­views zu Fragen ihres Leidens­weges, ihrer Ängste und ihrer Gedanken und Hoffnungen zu Reinkar­nation oder Seelen­wan­derung in großer Offenheit beken­nenden Patienten wird dabei niemals ausge­nutzt oder missbraucht.

Die Sänger auf der Bühne bewegen sich in einem Wechsel­spiel von choreo­gra­fierter, gelegentlich ruckhafter, eigen­tümlich physisch geprägter Bewegung und leichtem, kindlichem Spiel, in dem sie auf unschuldige Weise der eigenen und gemein­samen, immer vergäng­lichen Körper­lichkeit nachsuchen und nachspüren. Kostüme und Utensilien spiegeln auf unauf­fäl­ligste Weise die Banalität des Alltags. Zweimal öffnet sich die Spiel­fläche, die meist nur auf dem Spektrum der Vorbühne statt­findet, durch das Heben des Eisernen Vorhangs, um die Darsteller einmal in ausge­las­senem Spiel von Wasser und Nebel verschwinden zu lassen oder, ganz am Ende und als Steigerung, um die szenische Darstellung durch Schneefall – dem endgül­tigen und ewigen Einzug des Winters und des Todes – zu beenden.

Foto © Alex Rutz

Die Begegnung mit dem Tod wird mit den Ausdrucks­formen und Mitteln verschie­dener Jahrhun­derte und in der Begegnung mit jungen Künstlern sowie deren eigenem Bewusstsein, dass auch der eigene Lebensweg gleichwohl jederzeit durch den Tod beendet werden könnte, in einer offenen Form neu hinter­fragt, oder vielmehr dem Betrachter zur Reflektion gestellt. Die äußerst sensibel und einfühlsam gelungene Kombi­nation all dieser Mittel und Darstel­lungs­künste erlaubte, das heute weiter tabui­sierte Thema des Todes in nahege­hender Form aufzu­greifen. Eine solche Produktion macht deutlich, dass sich Musik­theater heute weiter­ent­wi­ckelt. Die neue Art der Heran­ge­hens­weise und des Ausdrucks sind durch mediale-digitale Formate nicht abzubilden oder zu ersetzen. So bleibt die Kunstform Musik­theater unentbehrlich.

Mezzo­sopran Lucia Caihuelas, Counter­tenor Francesco Giusti, Tenor Michael Hanisch, Bariton Markus Paul sowie Sopran Lisa Florentine Schmalz geben indivi­duell und als Darstel­ler­gruppe allesamt eine heraus­ra­gende sänge­rische Leistung mit auf den Barock­gesang fokus­sierter, hochdif­fe­ren­zierter Technik. Die thema­tisch fundierten, nicht indivi­dua­li­sierten Rollen­partien werden von allen jungen Darstellern in bemer­kens­werter, unauf­fäl­liger und scheinbar großer Leich­tigkeit vorge­tragen und gespielt. Der gemeinsame Geist der Gruppe für diese anspruchs­volle Produktion und die sicherlich nicht leicht zu erschlie­ßende Umsetzung war sehr ausge­prägt und hoch-intensiv.

Dazu gehört auch das Ensemble rhein­barock unter der Leitung von Felix Schönherr, der zugleich auch die Orgel spielt. Als weitere Besetzung spielen die drei Violinen mit Katarzyna Kmieciak, David Agaiarov und Vladyslav Snadchuk, die Theorbe mit Gabor Juhasz und die Viola da Gamba mit Ilemi Kemonah. Das Ensemble ist unter anderem auf Barock­musik spezia­li­siert und leistet, am Bühnenrand postiert, einen ganz erheb­lichen Anteil am Gelingen des Abends. Auch gilt, dass sich das gesamte Ensemble in wunder­barer Weise mit dem anderen Team zusammenfand.

Das Publikum bleibt zunächst nachdenklich zurück und applau­diert schließlich immer herzlicher. Es ist Teil eines bewegenden Abends, den man so schnell nicht vergessen wird.

Achim Dombrowski

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