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Sommernachtstraum mit Gipsblumen

MOSKAU, TSCHERJOMUSCHKI
(Dmitri Schostakowitsch)

Besuch am
25. Juni 2019
(Premiere am 21. Juni 2019)

 

Staatsoper Hamburg

Kaum zu glauben: Der Mann, der nächtelang in Moskau schlaflos auf gepackten Koffern saß und seine Verhaftung aus ideolo­gi­schen Gründen fürchtete und zudem die erschüt­terndsten Werke der Musik­li­te­ratur anlässlich der Verar­beitung der Schrecken des Zweiten Weltkriegs kompo­nierte, schreibt 1959 die Sowjet-Operette Moskau, Tscher­jo­muschki. Zu dieser Zeit hat der Komponist Dmitri Schost­a­ko­witsch bereits eine Vielzahl trauma­ti­scher Begeg­nungen und Auffüh­rungs­verbote durch den sowje­ti­schen Macht­ap­parat unter Stalin hinter sich. Das sogenannte Chruscht­schow-Tauwetter rechnet seit 1958 mit der Stalin-Ära ab und verspricht neue Freiheiten, die teilweise auch gewährt werden. In dieser politi­schen Frühlingsluft also entsteht ein musika­li­sches Meisterwerk im Dreivier­teltakt, das Elemente von Schlager, Filmmusik, gar des ameri­ka­ni­schen Musicals in sich vereint.

Seine großen Bühnen­werke Die Nase und Lady Macbeth von Mzensk liegen zu diesem Zeitpunkt bereits weit über 20 Jahre zurück und mit den Mitteln der Sozial­satire wird die indus­tria­li­sierte Baupo­litik in der Sowjet­union als Teil der kommu­nis­ti­schen Planwirt­schaft bezie­hungs­weise deren Impli­ka­tionen für den Alltag der Menschen inspi­ziert. Der sowje­tische Kultfilm Ironie des Schicksals aus dem Jahre 1975 thema­ti­siert das Thema später erneut und wird in Russland seitdem auf vielen Kanälen zu Neujahr gezeigt wie bei uns Dinner for One.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Unter dem Eindruck des Wohnungs­mangels in Moskau sind viele Menschen, auch junge Paare, auf der Suche nach einer eigenen Bleibe. Ein neues, riesiges Platten­bau­projekt weit vor den Toren der Stadt, in Tscher­jo­muschki, soll Abhilfe bringen. In einem Querschnitt durch typische Berufs­gruppen des Arbeiter- und Bauern­staats begegnen uns nachgerade arche­ty­pische Charaktere des Lebens und der Komödie. Gezeigt werden die Träume der Menschen nach einem besseren Leben, ihre kleinen Eitel­keiten und Schwächen. Und es ist wie immer im Leben: tyran­nische Wohnungs­ver­walter und Hausmeister treiben ebenso ihr perfides Spiel mit den neuen Bewohnern wie auch einzelne nervige Nachbarn.

Am Ende kommt es zu dem kollek­tiven Erlebnis eines Sommer­nachts­traums, wenn alle Bewohner in einer gemein­samen Aktion die Garten­anlage anlegen und pflanzen. Die Verwir­rungen kleiner Liebes­spiele bringen sie dabei um den Verstand, und sie merken nicht, dass sie tatsächlich einen Garten aus Gips kreieren, dem Baustoff der sie umgebenden Welt wie auch das Material für mannig­faltige illusio­nis­tische Bauge­stal­tungen durch die Jahrhun­derte. Wie zur Lösung der Probleme schaffen sie sich also zum Schluss der Operette eine aus Gips gestaltete Märchenwelt. Das hätte wohl selbst in der Stalin-Ära keine staat­liche Repression auf den Plan gerufen.

Ein wesent­liches Element der Regie­kon­zeption von Vera Nemirova ist die einfühlsame, niemals denun­zie­rende Charak­te­ri­sierung der handelnden Personen. Die Menschen werden durch ihre Wünsche, Hoffnungen und ihren Optimismus motiviert. So brechen sie zu schwungvoll-heiterer Musik zu den neuen Ufern ihrer Traban­ten­stadt auf. Dort begegnen ihnen zwar auf komische Weise die eigen­mäch­tigen Verwalter und Hausmeister, aber eine durch die Umstände langfristig mögliche Desil­lu­sio­nierung und Erschöpfung der Menschen werden im Werk und in der Partitur von Schost­a­ko­witsch zunächst nicht gezeigt. Aller­dings erscheint gegen Ende ein Bauun­ter­nehmer, der in einem Fernseh­in­terview seine Pläne zum Abriss des Viertels zwecks Neubaus eines riesigen Shopping­centers mit Parkplätzen verkündet – eine zerbrech­liche neue Heimat, in die die ehemals neuen Bewohner einmal gezogen sind.

Foto © Jörg Landsberg

Dem Regieteam gelingt ein weiterer hinter­grün­diger Brücken­schlag: Sehr wirkungsvoll werden im Verlauf des Abends die mit sparsamen Mitteln geschaf­fenen Video­pro­jek­tionen von Baha Hamdemir zum Einsatz gebracht, in denen der Betrachter wiederholt zeitge­nös­sisch-propa­gan­dis­tische Filmdo­ku­men­ta­tionen zu den entste­henden Traben­ten­städten sehen kann. Auch Kostüme und Bühne von Dimana Lateva vermitteln mit dem standar­di­sierten sowje­ti­schen Schick das Gefühl eines sehr zerbrech­lichen, verein­heit­licht-indus­tri­ellen Glücks der Bewohner. Beide visuelle Elemente mögen beim aufmerk­samen Betrachter eben auch eine Reflexion der anderen Seite der indus­tria­li­sierten Prozesse und streng-standar­di­sierten Wohnum­gebung evozieren, deren soziale Folgen heute in vielen Teilen der Welt sichtbar sind, die im Werk jedoch nicht aufge­griffen werden, womöglich damals auch nicht bekannt waren.

Die Sänger stammen fast alle aus dem Inter­na­tio­nalen Opern­studio der Hambur­gi­schen Staatsoper, die zusammen mit einer großen Hamburger Stiftung ein Förder­pro­gramm für junge Künstler unterhält und in diesem Rahmen auch jährlich jeweils mindestens eine Insze­nierung in der Opera Stabile heraus­bringt. Das Opern­studio darf sich mit Recht als eine nachgerade global agierende Insti­tution bezeichnen, denn von den acht Teilnehmern der laufenden Saison kommen drei Mitglieder aus Süd-Korea, sowie je einer aus China, Island, Israel, Japan und Russland. Sie alle bilden ein fulmi­nantes, stimmlich und darstel­le­risch bestens präpa­riertes Team, das mit außer­or­dent­licher Spiel­freude und Komik durch die Baustellen von Tscher­jo­muschki stolpert.

Zehn Mitglieder der Orches­ter­aka­demie des Philhar­mo­ni­schen Staats­or­chesters Hamburg sorgen in einer Instru­men­tal­be­setzung unter anderem mit Violine, Saxofon, Horn, Trompete, Posaune, Tuba und Schlagwerk unter der Leitung von Rupert Burleigh für beste Laune im Dreivier­teltakt und einfühlsame Unter­stützung der Sänger.

Das Publikum im trotz Sommer­hitze vollen Haus der Opera Stabile amüsiert sich prächtig in der über zweieinhalb Stunden langen Aufführung und bedankt sich mit viel Applaus bei allen Beteiligten.

Achim Dombrowski

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