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Foto © Arno Declair

Die Nase läuft

DIE NASE
(Dmitri Schostakowitsch)

Besuch am
7. September 2019
(Premiere)

 

Hambur­gische Staatsoper

Die Hambur­gische Staatsoper bietet zur Zeit mit gleich zwei gelun­genen Insze­nie­rungen eindrucks­volle Reali­sie­rungen von Musik­thea­ter­werken Dmitri Schost­a­ko­witschs: Vera Nemirova war bereits in der letzten Spielzeit eine diffe­ren­zierte Umsetzung des Spätwerks Moskau, Tscher­jo­muschki gelungen, nun folgt die Oper Die Nase des noch jungen, bei Kompo­sition erst 21-jährigen Kompo­nisten, insze­niert von Karin Beier. Die Regis­seurin debütiert mit dieser Arbeit an der Staatsoper, in Hamburg wirkt sie jedoch seit einigen Jahren als geschätzte Künst­ler­in­ten­dantin des Deutschen Schau­spiel­hauses, das sie nach Übernahme im Jahr 2013 in kurzer Zeit wieder als eines der führenden Sprech­theater Deutsch­lands positio­nieren konnte. Daran haben ihre eigenen Regie­ar­beiten einen nicht unwesent­lichen Anteil.

Die Oper basiert auf der Novelle von Nikolai Gogol und wird in der neuen deutschen Fassung von Ulrich Lenz gespielt, die mit einer Reihe von bezie­hungs­reichen, zeitge­mäßen Wortschöp­fungen wie Fake News oder Entna­si­fi­zierung aufwartet und sich bereits in der Kosky-Insze­nierung des Werkes an der Komischen Oper Berlin bewährt hat. Erzählt wird die albtraum­hafte Geschichte des Kolle­gi­en­as­sessors Kowaljow, der eines Tages ohne Nase aufwacht, diese später in allerlei fremden Verkör­pe­rungen, unter anderem in der Uniform eines Staats­rates wieder­sieht, ihrer aber nicht habhaft werden kann. Bei seiner Suche und Verfolgung durch verschiedene Stationen St. Peters­burgs begegnet ihm ein Kalei­doskop von Typen und Situa­tionen, welche arche­ty­pisch mensch­liche Schwächen und Beschränkt­heiten abbilden, und die durchaus nicht bereit oder willens sind, Kowaljow in der ihn beängs­ti­genden Situation zu helfen. Nachdem sich die Nase ebenso so unerwartet am rechten Ort wieder einge­funden hat, wird schließlich absehbar, dass auch der arme Kowaljow alsbald seine Erfah­rungen vergessen haben wird und sehr wohl dauerhaft Teil dieser behäbigen und geistig nur mäßig beweg­lichen, spieß­bür­ger­lichen Gesell­schaft wieder werden und bleiben wird.

Die Kostüme von Eva Dress­ecker sind vor allem durch die demons­trativ ausladend einge­brachten Bäuche und Hinter­teile aller Akteure gekenn­zeichnet, die in Bild und Bewegung lebende Karika­turen der Selbst­zu­frie­denheit und geistigen Immobi­lität schaffen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Die selten so beschäf­tigte Drehbühne scheint mit der Nase um die Wette zu laufen und vermag so unter Einbe­ziehung sinnvoller, einfalls­reicher Aufbauten und Projek­ti­ons­flächen auf der Bühne von Stéphane Laimé in rascher Folge szenische, fast filmische Übergänge zu schaffen. Dabei dreht sich zum Zwischen­spiel im ersten Akt auch eine neunköpfige Schlag­zeug­gruppe aus dem Orchester ins Bild und alsbald wieder heraus, nicht ohne für ihr effekt­volles Spiel einen im hansea­tisch-zurück­hal­tenden Hamburg so seltenen donnernden Szenen­ap­plaus zu erhalten.

Das Team um Beier setzt dabei nicht auf eine Zuspitzung dieser grotesken Revue um das Individuum Kowaljow, sondern sucht nach bildhaften Öffnungen der Szene über den indivi­du­ellen Albtraum hinaus. So werden in der aufwän­digen Video­kunst von Meika Dresenkamp und Severin Renke Bezüge zu städti­schen Orten in Hamburg herge­stellt wie auch zu Szenen von Polizei­ein­sätzen wie etwa beim letzten G20-Treffen in der Stadt. Das sind drama­tur­gisch sinnvolle gesell­schaft­liche und politische Querbezüge, die eindrücklich vor Augen führen, wie schnell eine ganze Welt aus den Fugen geraten kann. Zur Darstellung des Überwa­chungs­ap­parats erscheinen wiederholt und unerwartet wie aus dem Nichts bewaffnete Wachsol­daten, deren Aufgabe nicht geheuer erscheint. Auch wird die Hysterie unkon­trol­lierter Massen auf der Bühne und in den Video­ein­spie­lungen vermittelt. Eine Welt der bewährten Wahrheiten kippt schnell ins Groteske der Fake News. Was die Wahrheit ist, das bringt dann kein Mensch mehr heraus.

Foto © Arno Declair

Die Ideen­vielfalt und die vielleicht etwas brave Anein­an­der­reihung all dieser Handlungs­mo­mente verliert aller­dings im zweiten Teil etwas an Stringenz und Spann­kraft. Koskys Umsetzung für Berlin und London gelang eine inten­sivere Darstellung der Verknüpfung von indivi­du­eller und kollek­tiver Sphäre. Die Engführung gesell­schaft­licher Untiefen mit der paradig­ma­ti­schen Opfer­figur des schwachen und angst­ver­zerrten Indivi­duums Kowaljow – zweier Welten, die sich in ihre Dynamik von Angst, Hochmut, Dummheit und Hysterie gegen­seitig hinein­steigern und bedin­gungslos anein­ander gekettet sind, gelang mit wilderem physi­schem Furor.

Die Premiere in Hamburg wird von Bo Skovhus als Assessor Kowaljow musika­lisch und szenisch mit großer Hingabe gemeistert. Seine bedin­gungslose Hingabe im Spiel gebro­chener Charaktere sucht auf der Opern­bühne seines Gleichen. Er ist in der Lage, den armen Kowaljow gewis­ser­maßen zwischen Wozzeck und einem arche­ty­pi­schen Opern-Buffo-Charakter irrlichtern zu lassen und dabei zu jeder Zeit das gesamte weitere Ensemble mitzureißen.

Die Oper bringt darüber hinaus eine Vielzahl von Solorollen bei der Darstellung verschie­den­ar­tiger Szenen des grotesken, gesell­schaft­lichen Lebens auf die Bühne. Hier seien beispielhaft Gideon Poppe als Iwan, Katja Pieweck und Athanasia Spingler als Podtot­schina und ihre Tochter sowie Renate Spingler als alte Gräfin und Hellen Kwon als Ossipowna und Verkäu­ferin genannt.

Das große Darstel­ler­en­semble wird wirkungsvoll und zunächst fast unmerklich durch eine achtköpfige Tänzer­gruppe ergänzt, die in der Choreo­grafie von Altea Garrido weitere Akzente in einem immer unwirk­li­cheren Ambiente setzt.

Das Philhar­mo­nische Staats­or­chester Hamburg spielt unter der Leitung seines Chefdi­ri­genten Kent Nagano, der mit dem Werk lange vertraut ist, und es beispiels­weise 2002 an der Staatsoper Berlin musika­lisch betreut hat. Nagano gelingt mit seinen Musikern eine klang­schöne und ausge­reifte Umsetzung der Partitur. Er lässt sich keineswegs durch das Tempo der Handlung auf der Bühne aus der Balance bringen. Jeder einzelne Instru­men­talist, beispielhaft seien hier die Holzbläser und das Schlagwerk genannt, erhält die Chance, seine Kunst zu Gehör zu bringen. Die diffe­ren­zierte Klang­farben-Palette der Partitur wird durch­hörbar reali­siert, und jeder einzelne Philhar­mo­niker glänzt an diesem Abend: Zu hören ist eine nachgerade unend­liche Vielfalt im überzeu­genden Solo- und Ensem­ble­spiel, auch ein Ergebnis der inten­siven gemein­schaft­lichen Arbeit des Orchesters mit seinem Chefdi­ri­genten seit 2015.

Nachhal­tiger Applaus mit Bravo­rufen für Skovhus, Nagano und das Orchester. Die Hamburger dürfen mit dem Saison­start ihres Opern­hauses sehr zufrieden sein.

Achim Dombrowski

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