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ORPHÉE ET EURYDICE
(Christoph Willibald Gluck)
Besuch am
3. Februar 2019
(Premiere)
Regisseur, Choreograf, Bühnen‑, Kostümbildner sowie Lichtgestalter der in Hamburg gespielten französischen Fassung von Glucks Orphée et Eurydice ist John Neumeier in Personalunion. Der fast 80-jährige Künstler ist einer der weltweit renommiertesten Choreografen. Seine Werke haben in den letzten Jahrzehnten das Ballettrepertoire, vor allem in Europa, entscheidend bereichert und werden aktuell an vielen Theatern aufgeführt.
Seit 46 Jahren ist Neumeier nunmehr vor Ort und hat das Hamburg-Ballett zu einer der führenden Ballettcompagnien der Welt entwickelt. Die Aufführungen bestreiten einen wesentlichen Teil des Spielplans der Hamburger Oper, sind so gut wie immer ausverkauft und bringen viele auswärtige Besucher in die Stadt. Das hat in den letzten Jahren auch der Platzausnutzung des Hauses angesichts der zeitweise schwachen Zahlen der Opernsparte gutgetan. Kaum zu zählen, wieviel Intendanzen er bereits am Hamburger Haus erlebt und überlebt hat.
Seit 1978 verantwortet der Künstler zudem die auf seine Initiative geründete Schule des Hamburg-Balletts mit angeschlossenem Internat, die nicht nur mittlerweile zu 70 Prozent die eigene Truppe besetzt, sondern auch glänzend ausgebildete Absolventen in alle Welt entsendet. Damit steht er wie auch mit den zahlreichen Gastspielen der eigenen Compagnie für das wichtigste Kultur-Exportgut der Hansestadt. Im vergangenen Jahr war die Truppe zum Beispiel in Tokyo, dieses Jahr wird sie in Peking gastieren.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang/Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie/Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Seinen 80. Geburtstag wird er als Moderator in eigener Sache unter dem Titel The World of John Neumeier in der Hamburgischen Staatsoper mit Ausschnitten aus seinen Werken und vielen internationalen Ballettstars als Überraschungsgästen am 24. Februar feiern. Das Bundesverdienstkreuz hat er schon, Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg ist er auch.
Was sich der Künstler zur Bewahrung seines Werkes und seiner Sammlung von historischen Ballettdokumentationen noch wünscht, ist die Schaffung eines eigenständigen Ballettinstitutes. Die stolze Hansestadt mit der Elbphilharmonie kommt nicht umhin, angesichts des Lebenswerkes dieses Ausnahmekünstlers die Gründung eines solchen Instituts zu unterstützen. Nirgendwo in Deutschland wurde eine so nachhaltige Arbeit für das Ballett gleistet, die gleichzeitig so viele Touristen in die Hansestadt brachte und das Renommee einer die Künste fördernden Metropole in die Welt trug.
Die jetzt in Hamburg zum ersten Mal gezeigte Inszenierung von Orphée et Eurydice ist eine Koproduktion mit der Lyric Opera of Chicago und der Los Angeles Opera und kam 2017 in Chicago zum ersten Mal auf die Bühne.
Warum muss ein Choreograf dieses Werk inszenieren? Die vorgestellte Fassung der Oper folgt den Traditionen im französischen Kulturraum, wonach die Einbeziehung umfangreicher Tanzszenen eine wesentliche Komponente der Oper der Zeit war. Das galt selbst noch deutlich ins 19. Jahrhundert hinein, als Wagner für seinen Tannhäuser eigens seine französische Variante mit dem Bacchanal entwarf, ohne allerdings am Ende Paris von seiner Großartigkeit überzeugen zu können. Man kann sagen, dass Glucks Werk wie auf einer imaginären Grenzlinie zwischen Oper, Gesang und Tanz anzusiedeln ist. Weiterhin mag man die Darstellung des Orpheus-Mythos mit dem Abstieg in das Totenreich für besonders geeignet halten, eine Umsetzung zwischen Realität und Irrealität auch über den Tanz zu suchen.
Neumeier hat sich nunmehr dreimal mit dem Stoff auseinandergesetzt. Zunächst fällt auf, mit welchem Respekt sich der Künstler der Oper nähert. Keinesfalls werden die Sänger relativiert oder etwa durch ein optisches Übergewicht von Tanzszenen in den Hintergrund gedrängt. Der Chor findet von vorneherein in den höher als üblich positionierten Orchestergraben Aufstellung, was akustisch für die Wiedergabe zum Beispiel der Geisterstimmen besser ist als eine Anordnung hinter oder am Rand der Bühne. Diese Lösung ist auch schon oft von anderen, nicht choreografisch geprägten Regisseuren gewählt worden.
Neumeier schafft zudem eine zeitgemäße Anknüpfung oder Rahmenhandlung für den mythologischen Stoff. In der mit wesentlich höherem Tempo und Nachdruck musizierten Ouvertüre erlebt man Orpheus, selber Künstler und Choreograf, in einer angespannten Probensituation, in welcher seine Ballerina und Ehefrau Eurydike sich zickig benimmt, die Probe im Streit verlässt und auf der anschließenden Autofahrt tödlich verunglückt. Kein Schlangenbiss also, sondern eine Todesart der Jetztzeit, gewissermaßen. Das Ballettumfeld kommt dann ganz am Ende zurück, wenn Orpheus sich Eurydice als Muse und in der Personifizierung der Tänzerin imaginiert, die in seinem Werk am Ende auf das Motiv von Böcklins Gemälde Die Toteninsel zusteuert. Amor wird durch den jungen Assistenten des Choreografen verkörpert, der ihm bei der Arbeit und teilweise im Leben zur Seite steht. Der Abstieg in die Unterwelt wird von Orpheus nur als Wahn empfunden, ein weiterer Brückenschlag, der dem Zuschauer den Zugang zum Mythos erleichtern soll.

Ob dieser Weltmythos eine solche Hilfestellung überhaupt benötigt? Der Fluss der Handlung wird durch sich erhaben bewegende Zwischenvorhänge, exquisite Lichtverhältnisse, anmutig in der tänzerischen Bewegung flatternde Gewänder sowie eine eingängige und sich unmittelbar erschließende Bewegungssystematik, mit der man aus anderen Arbeiten des Choreografen auch vertraut ist, getragen. Die prominente, bildhafte Positionierung der so schön-vertrauten Böcklinschen Toteninsel vermittelt dazu eine unmittelbar spät-romantisierende, entrückte Bildwelt.
Ein Vergleich mit den Herausforderungen und Experimenten der Opernszene, die das Hamburger Haus in den qualitativ hochstehenden Produktionen immer wieder anbietet, mag nicht zwingend notwendig sein. Aber doch kann man fragen, ob nicht eine kreative und respektvolle Irritation in der Begegnung mit den ewigen mythischen Themen der darstellenden Kunst, die nicht sofort neuzeitlich, eingängig und eindeutig, dafür womöglich provoziert und alte Sehgewohnheiten hinterfragt, auch im Ballett eine wertvoll-produktive künstlerische Auseinandersetzung vermitteln könnte. Zumindest in der Übernahme und Weiterentwicklung der Choreografie aus den amerikanischen Städten nach Deutschland wäre das potenziell eine interessante Variante gewesen.
Die beiden Sänger der Titelpartien haben bereits in Chicago mit dem Regisseur zusammengearbeitet, so dass die Auftritte mit dem Ballett wie aus einem Guss wirken. Dmitry Korchak kann seine nicht immer unbelastete und manchmal im Ansatz etwas raue Stimme im Laufe des Abends gut führen und kontrollieren und verkörpert den Charakter des trauernden Orpheus in jeder Hinsicht überzeugend. Der womöglich unfreiwillig belastete Charakter der Stimme steigert sogar die Darstellung der Trauerarbeit des Protagonisten.
Andriana Chuchmann debütiert mit der Euridice an der Hamburger Oper und auch ihre Darstellung und stimmliche Gestaltung überzeugen vollumfänglich. Die Stimmführung ist makellos und ihr Spiel bewegend. Marie-Sophie Pollack gibt einen silbrig-klaren Amor respektive Ballettassistenten, der in der stimmlichen Frische und jugendlich-unbekümmertem Spiel der Rolle glänzend gerecht wird.
Die tänzerischen Pendants, Edvin Revazov als Orpheus und Anna Laudere als Euridice, arbeiten schon Jahre mit Neumeier und vermögen edle Entrücktheit, Sehnsucht und Schönheit der liebenden Begegnung bewegend zu vermitteln. Das gilt auch für die Compagnie, wobei die drei energiegeladenen Cerberusse von Aleix Martinez, Ricardo Urbino und David Rodriguez in ihrer unverstellten Spiel- und Tanzfreude hervorzuheben sind.
Der im Orchestergraben postierte Chor der Staatsoper Hamburg unter der Leitung von Eberhard Friedrich meistert die umfangreichen Aufgaben zuverlässig und überzeugend.
Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter dem Dirigat des Spezialisten für historische Aufführungen Alessandro de Marchi findet zu einer großen atmosphärischen Einheit mit dem Geschehen auf der Bühne. Eine immer feinere Tongebung, auch der Bläsergruppen, steigern das Schweben, Transzendieren, Entrücktsein, Verklären der Szene und des Tanzes. Eine neuzeitliche Umsetzung der Schrecken der Furien hätte einen anderen Entwurf erfordert. Dieser musikalische und szenische Ansatz ist für alle Altersgruppen geeignet und garantiert PTBS-unverdächtig.
Viel Beifall und bravi für alle Beteiligten, ganz vereinzelte Buhrufe für John Neumeier in einem Meer von Zustimmung.
Achim Dombrowski