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PARSIFAL
(Richard Wagner)
Besuch am
21. April 2025
(Premiere am 16. September 2017)
Man muss nicht unbedingt jenem Opernbesucher zustimmen, der nach dem ersten Akt von Parsifal in der Inszenierung von Achim Freyer an der Staatsoper Hamburg seinem Begleiter enthusiasmiert zuruft: „Damit hat sich Hamburg ein Denkmal gesetzt!“. Gleichwohl beeindruckt die Inszenierung mit einer bildmächtigen Umsetzung von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel, ohne, und das ist besonders hervorzuheben, die Opernbesucher in Regietheater-Sackgassen zu führen.
Freyer sieht sich als Regisseur grundsätzlich in die Pflicht genommen, wesentliche Werke unserer Zeit vor den Verirrungen der Interpretation zu retten. Ein hoher Anspruch, für den er mit seiner Parsifal-Inszenierung in kongenialem Respekt – „sei demütig den Meistern gegenüber“ – vor Wagners Libretto und den szenischen Anmerkungen eine sehr überzeugende Interpretation findet.
Parsifal, von Wagner wenige Monate vor seinem Tod ausschließlich für das Bayreuther Festspielhaus komponiert, ist ein einzigartiges Vermächtnis der Musikgeschichte. Vom Komponisten mit einem alleinigen Aufführungsrecht nur an diesem Ort bestimmt, ranken sich Mythen um die Idee der Oper, die nach Ablauf des Urheberrechts am 31.12.1913 zu einem Wettrennen der ersten Inszenierungen außerhalb dieser Bühne beginnen. Im Gran Teatre del Liceu Barcelona findet am 1. Januar 1914 um 00:00 Uhr die erste Aufführung vor in kurzen Abständen folgenden Aufführungen an weiteren Opernhäusern statt.
In Parsifal exemplifiziert Richard Wagner in einer mythologischen Erzählung, wie eine kranke Gesellschaft allein durch Mitleid erlöst werden und sich erneuern kann. Ihre Metaphorik im Heute zu verankern, ohne Wagner eigenwillig und selbstherrlich zu dekonstruieren, ist die kreative Herausforderung für jede Neuinszenierung.
Aus Wolfram von Eschenbachs Versepos Parzival entlehnt, formuliert Wagner mit der veränderten Schreibweise Parsifal – fal parsi, aus dem Persischen übernommen der reine Tor – ein radikales, politisches Diktum. Die Welt, die durch einen Geist-Körper-Dualismus sowie von einem mitleidlosen Mann-Frau-Verhältnis dominiert wird, ist in ihren sittlich-moralischen Grundwerten zerstört. Ein Riss, der durch die Welt geht. Eine lebensbedrohliche Schieflage ist entstanden, die nach Wagners Überzeugung am Ende seines Lebens nur durch einen aus Mitleid handelnden Toren wieder geheilt werden kann.
Freyer inszeniert altersweise, zur Premiere 2017 ist er 82 Jahre alt, Parsifal atmosphärisch als das dunkle Glühen eines Geschehens, das sich einer logischen Weltrealität verweigert. Die handelnden Figuren sind ihm vor allem Bedeutungsträger einer universellen Welt jenseits einer einzigen Wirklichkeit. Seine Bühne, ein verschatteter Zwischenraum, gerahmt von Spiegeln oben und unten, verräumlicht die Idee, dass, wie Robert Musil in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften beschreibt, wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, es auch einen Möglichkeitssinn geben muss.
Das über die Bühne und den Orchestergraben gespannte durchsichtige Netzgewebe ruft damit nicht nur dekorative Assoziationen zum verdeckten Bayreuther Orchestergraben auf. Es trennt die Möglichkeitswelt von der Wirklichkeitswelt und macht sie gleichzeitig durchsichtig, hellsichtig in Wagners Intention. In den ersten Minuten der Ouvertüre bleibt das Saallicht an. Auf dem Gewebe wird die Schrift „Schwarz“ eingeblendet. Über drei Etagen bewegt sich in Zeitlupe unter Masken verborgen die kranke Ritterschaft. Einer von ihnen schiebt in gebückt schleichender Haltung einen Puppenwagen mit einer mannsgroßen Kindermaske über die Bühne. Das Saallicht verlischt. Dunkel verhangen, szenisch für Momente beleuchtet, erzählt Freyer von einer mythologisch unbestimmten Gral-Geschichte, die sich nicht ohne weiteres benennen lässt. Parsifals Frage – „Wer ist der Gral?“ – beantwortet Gurnemanz schulterzuckend: „Das sagt mich nicht“.
Alles was passiert, erzählt die Inszenierung mit entspannt entschleunigter Langsamkeit. Allein Parsifals ahnungsvolles Erwachen in Kundrys Armen verlässt mit einem Aufschrei das träumerisch versunkene Schreiten. Ihre visionäre Einsicht Die Wunde, die Wunde! verdichtet sich in eine berserkerhafte Gesangsdramatik, um Momente später durch Parsifal in einer tief-leisen Reprise – O! – Qual der Liebe! – andachtsvoll, fast stumm zu verhauchen.
Freyer verzichtet auf spektakuläre, aktionistische Schwan- und Speereffekte. Ein roter, aus dem Schnürboden platschender Rock, eine aufleuchtende Neonröhre als Teil einer mobilen Leichtmetallarchitektur, die den Raum zwischen Erlösungshoffnung und Resignation symbolisieren, bieten ihm ausreichende Affekt-Resonanzen.
Substantive, von Freyer aus dem Libretto unauffällig sequenziert – man könnte sie auch übersehen – entziffern im ersten Akt mit Licht, Schmerz, Mitleid, Liebe, Erlösung, Werk, Sünde als einzelne Motive die Gralserzählung. Zahlen von null bis neun, die auf dem Hintergrund-Universum zu sehen sind, verbinden sich mit den von einzelnen Rittern in die Höhe gehaltenen Insignien einer nach Rainer Maria Rilkes gedeuteter Welt der 1. Duineser Elegie zu Zahlen-Buchstaben-Mystik: Dreieck, Quadrat, Buchstaben.
In Todessehnsucht liegt alles darnieder. Außer Parsifal und Titurel, die weiß gewandet sind, tragen alle anderen Protagonisten schwarze Gewänder. Im Schlussakt, nachdem Parsifal seine Mission erfüllt hat – Den heil’gen Speer -
ich bring‘ ihn euch zurück! – und der Chor Höchsten Heiles Wunder!
Erlösung dem Erlöser! befreit verkündet, leuchtet final wieder die Schrift „Schwarz“ auf dem Gewebe der umhüllten Möglichkeitswelt. Alles wieder auf Anfang.
Eingebettet in den Klang des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg mit seinem jungen Dirigenten Patrick Hahn, charakterisiert Benjamin Bruns den Bedeutungsträger Parsifal kindlich staunend, verschreckt über die ihm angetragene Aufmerksamkeit. Sein Erlöser ist einer wider Erwarten, ist einer mit sehr sympathischem, menschlichem Ausdruck. „Wie alles schauert, bebt und zuckt in sündigem Verlangen“, erschrickt Parsifal, als er von Gurnemanz gestellt wird.
Bruns spielt die Rolle des reinen Toren angesichts von hilflosen, von allen guten Geistern verlassenen Gralshütern mit einer staunenden Naivität, dass man mehr Angst um ihn hat als um die, für deren Rettung er erkoren ist. Wenn er auf Gurnemanz‘ Fragen immer wieder nicht mehr als „Das weiss ich nicht“ zu antworten weiß, wird von Anfang an deutlich, über welches stimmliche und schauspielerische wie glaubwürdige Parsifal-Gestaltungspotenzial er verfügt.
Iréne Theorin als Kundry mit schwarzem Zottelhaar lagert zu Beginn von Gurnemanz‘ Erzählung schattenlos, macht mit ihrem ersten Gesangseinsatz ein Angebot zur Heilung des Amfortas – Hier? Nimm du! – Balsam … So beginnt die Protagonistin mit dunkel gefärbtem Sopran ihren Siegeszug durch Freyers Parsifal-Inszenierung mit großer Überzeugung.

Sie versteht die Kundry ihrem Selbstverständnis nach als eine Art Urfrau: die einzige Frau in der Männergesellschaft im Umfeld des Grals. Sie lebt mit der Schuld, den gekreuzigten Jesus verlacht zu haben. Seitdem ist sie verflucht und muss sich „endlos durchs Dasein quälen“. Theorin singt sowohl mit lyrisch schlanker, farbenreicher Stimme als auch mit einem dramatisch akzentuierten Timbre. Sie charakterisiert die komplexen Schichten von Kundrys Persönlichkeit mit einem großen Sopran-Register äußerst glaubhaft.
Die musikalische Erhabenheit der Oper, ihre Schattierungen und Brüche finden in Klingsors Zaubergarten eine andachtsvoll, gleichwohl poetisch verträumte Bildmagie. Mark Stones Bassbariton charakterisiert Klingsor mit akzentuiert hedonistischer Attitüde. Für seine Kastrationsgeschichte, ein aufgespannter Regenschirm vor dem Geschlecht, verzaubert in eine überdimensionierte Krawatte, findet auch der Kostümbildner Freyer eine bildmächtige Metapher. Klingsor, Macher und Opfer mit musikalischem Understatement zugleich.
Nach Richard Wagner soll es so sein, mit Achim Freyer wird es so. Seine Typisierung des Parsifal ist wesentlich von einer gestischen und pantomimischen Choreografie getragen. Benjamin Bruns legt, immer wieder erstaunt über das, was er sieht und mit ihm geschieht, die Hände vors Gesicht. Öffnet sie mit einer kreisenden Bewegung und hält die geöffneten Hände wie ein religiöses Ritual über dem Kopf.
Kwangchul Youn als Gurnemanz erzählt mit ungewöhnlich wortdeutlicher Artikulation. Zusätzlich zu der von allen getragenen Masken trägt er auf seinem Kopf wie auf einer interstellaren Bahn eine Halbmaske. Sich selbst doppelt fremd, verfügt er allein unter den Rittern über die Hintergründe der jahrhundertealten Geschichte.
Han Kim als Titurel steht kurz vor dem Höllentor des Todes. Ob Amfortas, von Klingsors geraubtem Schwert lebensgefährlich verletzt, noch einmal das lebensspendende Mysterium des Grals wird leiten können, ist fraglich. Durch Kundrys Liebeszauber nur noch ein entkräfteter, matter Held, ist von ihm keine Rettung mehr zu erwarten. Allein hoffend auf seine Botschaft: „Durch Mitleid wissend, der reine Tor, harre sein, den ich erkor“.
Christoph Pohl, pantomimisch ein hilfsbedürftiger Amfortas hängt mit schleifenden Füßen in einem von zwei dunkel unkenntlichen Rittern unterstützten Kreuz. Diese Figuration sowie die Projektion mit einem skizzierten Sargwagen im dritten Akt assoziieren filmische Bild-Sequenzen von William Kentridge kongenial: Tod! – Sterben: – einz’ge Gnade!
„Doch ach! Den Weg des Heiles nie zu finden, im pfadlosen Irren trieb ein Fluch mich um“, bangt Parsifal angstvoll. Letztlich nur eine furchtbare Selbsttäuschung? „Schwarz“ leuchtet die Schrift final auf. Oder doch Hoffnung auf Versöhnung? Auch wenn Theodor W. Adorno diese Kraft der Erlösung eine chimärische nennt, muss es nicht eine apokalyptische sein.
Freyer erfindet zum Ende des ersten Aktes ein über die Bühne wandelndes kindliches Lichtwesen, dem ewigen Wanderer Ahasver gleich. Mit Parsifal weiter unterwegs auf der Suche nach der Utopie einer neuen Gesellschaft?
Peter E. Rytz