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Foto © Bernd

Irritation der Sehnerven

LA PASSIONE
(Johann Sebastian Bach)

Gesehen am
2. Juni 2020
(Video on demand)

 

Hambur­gische Staatsoper, Deichtorhallen

Auch die Hambur­gische Staatsoper bietet in diesen Tagen ein Streaming-Angebot. Neben einigen sehr alten Produk­tionen, die ein Wieder­sehen mit den 1960-er Jahren bieten, ist derzeit auch die Castel­lucci-Produktion der Matthäus-Passion zu sehen. Regisseur Romeo Castel­lucci nennt seine szenische Reali­sierung des Werkes La Passione.

In diesem Falle handelt es sich um eine Gemein­schafts­arbeit der Hambur­gi­schen Staatsoper mit den Deich­tor­hallen Hamburg im Rahmen des Inter­na­tio­nalen Musik­fests Hamburg 2016. In der Video­auf­zeichnung wird die Premiere vom 21. April 2016 gezeigt. Die Deich­tor­hallen zeigen schwer­punkt­mäßig moderne Kunst.

Dem Hamburger Musik­freund ist die Matthäus-Passion nicht zuletzt durch die 1981 urauf­ge­führte und mittler­weile in aller Welt gezeigte Umsetzung als Ballett von John Neumeier vertraut. Doch die jetzige Reali­sierung geht künst­le­risch und ästhe­tisch einen gänzlich anderen Weg.

Castel­lucci, der in der Zwischenzeit an einigen Bühnen in Europa mit aufse­hen­er­re­genden szeni­schen Reali­sie­rungen von Opern und sakralen Werken hervor­ge­treten ist, zeichnet für Konzept, Insze­nierung, Bühne, Kostüme und Licht verant­wortlich. Seine Arbeiten beinhalten Elemente von Theater, Perfor­mance und Instal­lation. Man könnte hinzu­fügen: Irrita­tionen immer gleich dazu.

Foto © Bernd Uhlig

Auf einer ausschließlich weiß gehal­tenen Raumfläche der mächtigen Deich­tor­hallen-Struktur ist zentral das Philhar­mo­nische Staats­or­chester in schlichter, weißer Kleidung postiert. Chor und Solisten sind neben oder hinter den Orches­ter­mu­sikern – teilweise erhöht – aufge­stellt, in ebenso weißer wie gradli­niger Anordnung, nur der Darsteller des Evange­listen trägt zusätzlich einen blauen Schal.

Die Fläche zwischen Chor und Orchester und der in Treppenform anstei­genden Zuschau­er­ga­lerie dient über die gesamte Aufführung als Demons­tra­tions- und Aktions­fläche für eine Vielzahl von bildlichen, oft statua­ri­schen Aktionen. Diese Aktionen sind ausnahmslos von irritie­renden, vom Zuschauer zunächst planmäßig als unver­ständlich, auch im sakralen Zusam­menhang zunächst unange­messen empfun­denen Objekten begleitet.

Die stehen mitunter mit den Texten in einem inhalt­lichen Zusam­menhang, wie beispiels­weise eine Porträt­büste von Kaiser Tiberius Julius Caesar Augustus, die die Gipsfor­merei der Staat­lichen Museen Berlin zur Verfügung stellte. In anderen Fällen ist ein realer Bezug zwischen Objekt und Text nicht erkennbar. So wird zum Beispiel zur Feier des Abend­mahls ein alter, seit Jahren still­ge­legter Bus auf der Seite liegend in Origi­nal­größe durch die Aktions­fläche gezogen. Auch eine Wasch­ma­schine findet sich an anderer Stelle auf der Bühne: Sie reinigt ein Laken, auf dem zuvor ein Kind in Hamburg zur Welt gekommen ist.

Daneben gibt es sparsame, von Darstellern umgesetzte Aktionen. So treten während der Stellen, die die Kreuzigung auf Golgatha behandeln, insgesamt vierzehn Menschen im Alter zwischen neun und 83 Jahren auf. Sie lassen sich – solange sie können – jeweils von einer an Seilen fixierten Stange hängen, um den Tod durch Kreuzigung, der im Wesent­lichen auch durch das eigene Körper­ge­wicht bewirkt wird, zu symbolisieren.

Gemeinsam ist den Aktionen, dass sie in einer extrem sachlichen, jede Senti­men­ta­lität meidenden Form umgesetzt werden. Alle mensch­lichen Akteure auf der Aktions­fläche, seien sie in bestimmte Handlungen einge­bunden oder mit Auf- und Abbau von Objekten und Instal­la­tionen beschäftigt, agieren in äußerster gesti­scher und mimischer Abstinenz. Sie vermeiden jedes äußerlich sichtbare mensch­liche Bekenntnis zu Trauer, Schmerz, Mitleiden oder anderen Gefühls- und Empfin­dungs­welten, die wir gemeinhin mit der Begegnung einer religiösen Sphäre oder Handlung in Verbindung bringen. Der Zuschauer ist am Ende über die Irritation hinaus ganz auf seine eigene, subjektive Wahrnehmung und Erschüt­terung sowie deren Bedeutung für ihn selbst zurückgeworfen.

Auf dem weißen Hinter­grund werden wiederholt Texte einge­blendet, die die Objekte oder Aktionen ansatz­weise kommen­tieren oder mit histo­ri­schen Zitaten begleiten.

Das Video kann nicht das dem Zuschauer während der Vorstellung als Teil des Konzeptes zur Verfügung gestellte Erläu­te­rungsheft zeigen, das in kalt-sachlicher Sprache, parallel zu den Stationen der Passion Kommentare vorsieht, die wiederum teilweise mit der sakralen Handlung in Verbindung stehen oder eben gerade etwas vollkommen Befrem­dendes beschreiben.

Der Zuhörer und Betrachter muss das Rätsel für sich ganz alleine lösen und entscheiden, welchen Sinn er dem Geschehen zuordnet. Castel­lucci hat so auch noch bei jeder seiner Produk­tionen sein Publikum in begeis­terte Anhänger und vehemente Gegner gespaltet.

Kent Nagano dirigiert das Philhar­mo­nische Staats­or­chester Hamburg in feinner­vigem, durch­sich­tigem Ton, verzichtet aber auf den heute in der Regel üblichen, stark rhyth­misch pointierten Stil. Vielmehr betont er die melodisch bindenden Kompo­nenten der musika­li­schen Gesamt­struktur. Dieses Klang­konzept mag für die spezi­fi­schen Bedin­gungen des Auffüh­rungs­ortes besonders geeignet sein.

Das eindrucks­volle, und in seiner Gesamt­wirkung hervor­ragend abgestimmte Solis­ten­en­semble besteht aus Ian Bostridge mit der ihm eigenen, extro­ver­tierten Expres­si­vität als Evangelist, den Sopranen Hayoung Lee und Christina Gansch, der Altistin Dorottya Láng, und dem Tenor Bernard Richter. Besonders klang- und formschön klingt der flexible und durch­sichtige Bass von Philippe Sly, der seinen Part mit feinner­viger Verletz­lichkeit gibt.

Hervor­zu­heben ist die 2007 ins Leben gerufene Audi-Jugend­chor­aka­demie unter der Leitung von Martin Steidler, die sich in heraus­ra­gender Weise den umfang­reichen Aufgaben widmet und wesent­lichen Anteil am musika­li­schen Gelingen der Produktion hat. Nagano und die inzwi­schen weitge­reiste Choraka­demie haben zuvor schon bei anderen Auffüh­rungen zusammengearbeitet.

Das Publikum spendet starken Applaus. Castel­lucci ist im Video beim Schluss­ap­plaus nicht zu sehen, so dass die Reaktion auf sein Konzept nicht sichtbar oder hörbar wird.

Die Aufnahme kann noch bis 8. Juli auf der Webseite der Hambur­gi­schen Staatsoper kostenlos angeschaut werden.

Achim Dombrowski

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