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IL RITORNO D’ULISSE IN PATRIA>
(Claudio Monteverdi)
Besuch am
1. November 2017
(Premiere am 29. Oktober 2017)
Vor rund 400 Jahren wurde die Oper in Italien erfunden. Einer der ersten großen Vertreter dieser Kunstgattung war Claudio Monteverdi. Neben seinem nunmehr in Hamburg aufgeführten Ritorno d’Ulisse in Patria werden heute regelmäßig auch noch sein L’Orfeo und sein L’Incoronazione di Poppea dargeboten.
Nicht unwesentlichen Anteil an dieser Werk- und Aufführungsrenaissance hatte die von Nikolaus Harnoncourt initiierte Wiederaufführung dieser Werke in den 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Seine Produktion gastierte denn auch 1978 mit einem Gastspiel des Opernhauses Zürich in Hamburg. Auch diesmal ist Zürich im Spiel: die Hamburger Inszenierung ist eine Übernahme vom dortigen Opernhaus, wo die Produktion im Mai 2014 Premiere hatte. Kurt Streit als Odysseus und Sara Mingardo als Penelope haben auch damals schon die Hauptpartien vertreten.
Warum also übernimmt der Hamburger Intendant George Delnon diese Produktion und bringt nicht eine Neuinszenierung mit einem anderen künstlerischen Leitungsteam?
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Der Regisseur Willy Decker und sein Bühnen- und Kostümbildner Wolfgang Gussmann arbeiten mit einfachen und klaren Aufbauten, Farben und Symbolen. Das Einheitsbühnenbild besteht aus einer leicht nach vorne geneigten, großen und drehbaren, hellen Scheibe, bei deren Ansicht man sich kurz an die Wieland-Wagner-Bühne im Nachkriegs-Bayreuth erinnert fühlt.
Die in schwarze Kostüme gekleideten Menschen agieren im dunkel gehaltenen Vordergrund und die in blaue Seidenkostüme gehüllten Götter werden wiederholt auf einem im Hintergrund hochfahrenden Hubpodium unter einem üppigen Kronleuchter im angedeuteten Biedermeierstil sichtbar.
Die Personen werden mit großer Behutsamkeit und Einfachheit geführt. Dabei gelingt Decker die Kunst, in Spiel und Atmosphäre die Grundkonstellationen der neuen Kunstform Oper klar und deutlich darzustellen, wie sie diese Gattung die nächsten 400 Jahre begleiten wird. Deutlich wird das unter anderem an der differenzierten Behandlung von Musik und Sprache beziehungsweise deren Verhältnis zueinander. Bei Monteverdi hat ganz klar die Sprache die Oberhand vor der Stilisierung im musikalischen Sinne – „…prima la parola …“, doch erahnt man schon, dass sich in diesem Format noch viel Entwicklungspotenzial und ‑konflikt auftun wird.
Monteverdi verlässt die Ebene des seinerzeit üblichen, reinen Mythologie-Theaters, und führt stattdessen die zwei Ebenen der hohen Paare oder der Handlungsträger mit hohem ethischen Anspruch und der einfachen Leute ein. Ebenfalls eine Konstellation, die die Geschichte der Oper bis heute beherrscht. Berühmt in diesem Zusammenhang Tamino und Pamina als hohes Paar sowie Papageno und Papagena als die natürlichen, einfacheren Charaktere in der Zauberflöte.
Wie bei Monteverdis Zeitgenossen Shakespeare entwickelt sich ein neues menschliches Selbstbewusstsein. Maßgeblich wird das in der Inszenierung im kritisch-ironisch beleuchteten Verhalten der Götter sichtbar. Die Menschen bleiben zwar unter unmittelbarem und uneingeschränktem Einfluss der Götter. Die selbst werden jedoch bei Decker wie eine Gruppe zunehmend vom Sektgenuss betrunkener und in verantwortungslosem Luxus und Langeweile lebender Gestalten dargestellt. Ihre Taten und Aktionen den Menschen gegenüber können letztendlich nach keinem Maßstab mehr als ethisch vertretbar bezeichnet werden. Hier wird ein Umbruch im menschlichen Selbstbewusstsein sichtbar. Das mag auch von den vielen wissenschaftlich-mathematischen und anderen Entdeckungen und Fortschritten der Zeit herrühren.
Es ist bewundernswert und nicht leicht in Worte zu fassen, wie die zuvor beschriebenen Sachverhalte und Zusammenhänge durch kluges und zurückhaltendes Agieren der handelnden Personen auf der Bühne sichtbar und vor allem fühlbar gemacht werden. Die Akteure bewegen sich in immer neuen Spielanordnungen auf der Scheibe, werden von den Göttern gefordert und herausgefordert, behalten aber doch immer ihre Würde und Ausdruckskraft im Erleben ihrer Zerbrechlichkeit, ihres Schicksals und ihrer Liebe. Oft tasten sie sich noch unsicher in die nächste Situation hinein, sie bleiben aber immer unbekümmert und die Möglichkeiten für die Entdeckung der Welt scheinen endlos zu sein. Die Darsteller sind übergangslos Mitglieder einer Gruppe, eines Chores und werden im Laufe der Zeit zu mehr und mehr ausgeprägten Individuen in diesem Welttheater.
Die demütige Einfachheit und Ausgewogenheit der vielen genannten und weiterer Aspekte gelingen mit großer Klarheit, Spielfreude, Balance der Szenen und Kurzweil, wie sie meisterhafter nicht präsentiert werden können. Die Übernahme von Deckers Werk aus Zürich erscheint mithin zwingend.
Das gelingt aber natürlich auch deshalb an diesem Abend so hervorragend, weil das Ensemble musikalisch weitestgehend auf höchstem Niveau agiert. Kurt Streit als Ulisse hat sich in seiner langen, erfolgreichen Laufbahn als Sänger mit dieser Titelpartie eine herausragende Rolle in seinem Repertoire erarbeitet, wobei ihm seine Reife und langjährige Bühnenerfahrung glänzend zugutekommen. Seine beherrschte Stimmführung, kluger Einsatzes seines Potenzials und sein energisches, aber verletzliches Spiel machen ihn zum Zentrum des Abends.
Sara Mingardo als Penelope überzeugt in ihrer anrührenden Interpretation, hat in ihrer trauernden, verinnerlichten Haltung jedoch den weniger dankbaren Bühnenpart. Insgesamt wird ihre stimmliche Leistung durch einen stark zurückhaltenden Ausdruck geprägt und auch etwas relativiert.

Der Countertenor Christophe Dumaux in der Doppelrolle als Die Menschliche Zerbrechlichkeit und Freier Amphinomos, Denis Velev aus dem Opernstudio der Staatsoper als Die Zeit sowie Freier Antinoos und Gabriele Rossmanith als Das Schicksal und Juno spielen mit großer stimmlicher und noch größerer darstellerischer Ausdruckskraft. Die Rollen der weiteren Götter sind mit Alexander Kravets als Jupiter, Luigi De Donato als Neptun und Dorottya Lang als Minerva als homogenes Ensemble bestens besetzt.
Penelopes Dienerin Melantho von Marion Tassou und ihr Geliebter Eurymachos von Oleksiy Palchykov geben glaubwürdig ein unbekümmertes junges Paar, das mit begrenztem Erfolg auch die tief trauernde Penelope mitzureißen versucht.
Die Partie der treuen Haushälterin und Amme Eurycleia, die in der Sage Odysseus großgezogen hat, wird von der zuverlässigen Katja Pieweck mit der ihr eigenen stimmlichen Eindringlichkeit gegeben. Sie ist in der Begleitung der einsamen Penelope und bei der Wiedererkennung Odysseus von zentraler Bedeutung für Ausdruck und Spiegelung der Gefühlswelten der Protagonisten. Pieweck meistert diese Aufgabe in unauffälligem und bescheidenem Auftritt, aber mit herausragender Wirkung.
Peter Gaillard gelingt in der Rolle des Iro die Kunst, die Figur, in der Komik und Tragik so eng ineinander verwoben sind, überzeugend zu gestalten. Die extremen Gefühlswelten, die er in kürzester Zeit zu durchschreiten hat, spielt er mit vollem Stimm- und Körpereinsatz. Es blitzt schon kurz Falstaff aus seiner Darstellung hervor, eine Figur, die Verdi erst fast 300 Jahre später, basierend auf Texten von Shakespare, für die Oper kreieren wird.
Anstelle der Hamburger Philharmoniker übernimmt diesmal das Collegium 1704 unter der Leitung seines Chefdirigenten Vaclav Luks den Orchesterpart. Das auf Barockmusik spezialisierte Ensemble aus Prag wurde 2005 von seinem Gründer Luks ins Leben gerufen und hat seitdem weltweit an vielen angesehen Konzerthäusern, Festivals und Operntheatern gastiert, unter anderem bei den Salzburger Festspielen, Prager Frühling oder auch dem Lucerne Festival.
Die klangliche Darstellung überzeugt, und es bestätigt sich, dass ein spezialisierter Klangkörper die Welten Monteverdis eindrucksvoll umsetzen kann, wenn man auch das Gefühl nicht ganz unterdrücken kann, die Farbenpracht der Partitur schon einmal in helleren Facetten und mit noch größerer Bandbreite gehört zu haben.
Großer Applaus für alle Beteiligten, viele Bravorufe insbesondere für Kurt Streit, der sichtlich bewegt die Zustimmung entgegennimmt.
Wieder einmal schade und unverständlich, dass eine solche feinsinnige und großartige Produktion schon in der ersten Aufführung nach der Premiere große Lücken im Parkett und mangelndes Publikumsinteresse verzeichnet. In Hamburg spricht man nicht über Geld – über sehenswerte Opernaufführungen auch nicht.
Achim Dombrowski