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DIE TOTE STADT
(Erich Wolfgang Korngold)
Besuch am
12. Juni 2024
(Premiere am 22. März 2015)
Das Geniestück des 23-jährigen Komponisten Erich Wolfgang Korngold, eine der wenigen publikumswirksamen Opern der Zwischenkriegszeit, am 4. Dezember 1920 gleichzeitig an den Opernhäusern in Hamburg und Köln uraufgeführt, berichtet mit dramaturgischer Intensität und in spektakulären Bildern vom Geheimnis der menschlichen Existenz im Zwischenraum von Leben und Tod, von Eros und Thanatos. Es folgt den Ideen der gerade aufkommenden Psychoanalyse und bedient sich des Theaters, um den Schrecken einer psychopathologischen Fixierung zu zeigen. Es bietet Verführerisches und Erschreckendes, Dämonisches und Surreales in einer packenden Verbindung von Sprache und Musik.
Die tote Stadt ist eine Oper der Spätromantik, die mit Elementen des Verismo spielt und über die drei Akte eine Atmosphäre schafft, die niemanden unter den Besuchern am Ende in der Stimmung entlässt, in der er das Musiktheater betreten hat. Vieles, sehr vieles bietet die Produktion der Staatsoper Hamburg in der Inszenierung von Karoline Gruber mit dem Bühnenbild von Roy Spahn und den fantasievollen Kostümen Mechthild Seipels auf der Folie eines expressiven Orchesterkosmos. Neun Jahre nach der Premiere ist sie für eine kurze Wiederaufnahmeserie in das Haus am Gänsemarkt zurückgekehrt. Eine Fassung, die dem Schwebezustand des Stücks zwischen Halluzination und Wirklichkeit eine ganz eigene Konnotation verleiht.
Brügge ist für die Oper auf ein Libretto von Paul Schott, einem Pseudonym von Korngolds Vater, nach dem Roman Bruges-la-Morte des Belgiers Georges Rodenbach ein adäquater Schauplatz. Im Mittelalter verödet das Zentrum Westflanderns nach der Versandung seines einstigen Großhafens zu einer „toten Stadt“. Hier kann Paul seine rigorose Monogamie und seine Gefühlswelten aus Schmerz, Erinnerung und Melancholie hemmungslos ausleben. Hier kann sich die morbide Projektion eines der Realität Entrückten in ähnlicher Weise entfalten, wie sie George Maigret in seinem Roman Die Phantome des Hutmachers, von Claude Chabrol verfilmt, ausgesponnen hat. Der Protagonist Léon Labbé platziert eine Schneiderpuppe an sein Wohnzimmerfenster. Ihr Schatten soll Passanten vortäuschen, dass seine von ihm ermordete Frau noch lebt. Es folgen weitere Morde, bis ein Fehler des Hutmachers dafür sorgt, dass das psychopathologische Spiel auffliegt.

Die Phantasmagorien des Witwers Paul kreisen um alle Frauen, die seiner innig geliebten, gestorbenen Frau Marie gleichen könnten, in deren Zimmer er eine „Kirche der Erinnerung“ eingerichtet hat. In Brigitta, der Haushälterin, und insbesondere Marietta sucht Paul die tote Marie wiederzufinden. Als er Marietta, eine Tänzerin, kennenlernt, die Marie bis in die Haarspitzen zu gleichen scheint, wird Paul gezwungen, sich der Realität zu stellen. Marietta, einerseits Favoritin des Theaters und des Varietés, andererseits Kurtisane der Halbwelt, begehrt Paul aus den Quellen eines unbändigen Lebensgefühls. „Lust quillt aus mir, braust in mir und verbrennt mich“. Sie ist aber weit davon entfernt, Paul mit seinen Phantomen zu teilen.
In der Romanvorlage ermordet Paul Marietta, um seine idée fixe von den Liebenden, die auch der Tod nicht trennen kann, zu bewahren. Im Libretto der Oper wird die Tötung der Tänzerin wie die gesamte Begegnung beider in einen Tagtraum Pauls verlagert, aus dem er erwacht und der „toten Stadt“ den Rücken kehrt. So wird er zu einem, dem frei nach Goethe auf Erden noch zu helfen war. Grubers Inszenierung treibt den Grundgedanken des Librettos von der Wiederkehr einer Wirklichkeit, die ihrem Schöpfer selbst nur als Traum begreiflich sein kann, auf die Spitze. Zu Beginn, wenn sich Pauls Freund Frank und Brigitta schaudernd über die Anwandlungen Pauls unterhalten – „Er bebte vor Erregung, schluchzt‘ und lachte“ – sitzt er wie ein Beobachter seiner selbst in Gedanken versunken auf einem Stuhl.
Die Haare der toten Marie, zu einem Zopf geflochten, mit dem Paul die ihn provozierende Marietta erdrosselt, rücken bereits mit der ersten Szene in das Zentrum der Betrachtung. Wie Meereswellen, eine von mehreren Anspielungen auf die maritime Vergangenheit und trostlose Gegenwart Brügges, ziehen sie sich über die rückwärtige Wand der Bühne. Als Kontrapunkt erscheinen die Zombies gleichenden Akteure der Komödianten mit ihren Glatzen, nachdem sie sich in einem Akt des Wahns die Haare ausgerissen haben. Gruber lässt die makabre Szene weidlich ausspielen. Zu Recht. Ist doch der Kunstgriff der Adaption einer Szene aus Meyerbeers Oper Robert der Teufel, in der Marietta die auferstandene Hélène spielt und tanzt, ein starkes Bild für die Doppelbödigkeit von Korngolds Traumwelt.
Deren Schraube wird noch eine Windung weitergedreht, wenn die Regisseurin die Abbilder der Projektionen Pauls unter Verwendung eines himmelblauen Tuchs in eine Marienerscheinung verwandelt. Der Effekt ist allenfalls eine Momentaufnahme. Als die kirchliche Prozession am Tag nach Pauls Nacht mit Marietta an seinem Haus vorbeizieht, ist die Dimension des Todes wieder allgegenwärtig. Die Alsterspatzen, der von Luiz von Godoy einstudierte Kinder- und Jugendchor, haben hier einen kurzen, aber wirkungsvollen Auftritt. Von diesem Augenblick an ist es nicht mehr weit bis zum desaströsen Finale. Paul erkennt, vergleichbar einem Süchtigen, den Gehalt von Mariettas Mahnung „Gehe hinaus ins Leben, eine andere ruft Dich – siehe und verstehe“ – nicht. Er bringt Marietta um und taumelt in eine Zukunft, die nur trostlos werden kann: „Ein Traum hat mir den Traum zerstört, ein Traum der bitteren Wirklichkeit den Traum der Phantasie“.

Korngolds Musik ist expressiv, gewaltig, lyrisch, von monströser Farbigkeit und rührender Innerlichkeit. Die symphonisch geprägten Teile vermitteln die seelischen Prozesse der Handelnden, die musikdramatischen den Fortgang des Geschehens. Das Philharmonische Staatsorchester, inspiriert durch das energische Dirigat Yoel Gamzous, katapultiert sich in einen schwelgerischen Klangrausch. Orgel respektive Harmonium, Mandoline und speziell die Celesta akzentuieren die Raffinesse der Partitur gekonnt. Der von Eberhard Friedrich großartig vorbereitete Chor unterstreicht und verstärkt die dramatischen Passagen eindrucksvoll.
Beide Hauptpartien sind äußerst anspruchsvoll, verlangen farbige Ausdrucksgestaltung und Kraft sowie das Vermögen, sich gegen den Orchesterapparat zur Geltung zu bringen. Die Tenorpartie des Paul fordert Volumen und Ausdauer, liegt partiell deutlich höher als die Heldentenorpartien bei Richard Wagner. Klaus Florian Vogt, Paul auch schon in der Hamburger Premiere, spielt den verträumten Sonderling, als verkörpere er die Rolle zum ersten Mal. Sein insbesondere an der Lohengrin-Partie geschliffener, silbriger Tenor beeindruckt mit lodernder Verve und einem mitreißenden Schmelz. Packend seine Mimik und seine Spinto-Kunst in der Schlussszene „O Freund, ich werde sie nicht mehr wiedersehen“, in der die Sehnsuchts-Melodie vom Glück, das mir verblieb, Mariettas Lied zur Laute, noch einmal aufgenommen wird.
Als Marietta, zugleich die Erscheinung Maries, reizt Vida Miknevičiūtė die lebensbejahende Seite der Rolle mit ihrem Brünhilde-Sopran voll aus. Da sie auch die anmutig-spielerische Leichtigkeit der Tänzerin auszudrücken versteht, verliert sich die gelegentliche Schärfe ihrer Artikulation spürbar. Der Bariton Daniel Schmutzhard ist als Pauls Freund Frank und der Pierrot unter den Komödianten vorzüglich. Seine Interpretation des Ständchens des Pierrot Mein Sehnen, mein Wähnen, das von Marietta im dritten Akt aufgegriffen wird, reiht sich voller Sinnlichkeit in die vokale Perlenschnur der Aufführung ein. Katja Pieweck ist als Brigitta eine sichere Bank.
Das äußerst angetane Publikum im nicht voll besetzten Haus bedenkt alle Künstler mit Jubel und anhaltendem Beifall. Wie weit darf der Mensch Träumen trauen, die ihm das gewollte Leben als Wunschprojektion vorspiegeln? In der Toten Stadt ist die Frage nicht gestellt, aber in unserer krisengeschüttelten Welt sehr wohl. Antworten, die das Bittere und das Schöne des Seins umschließen, kann so mitreißend wohl nur die Kunst der Oper aufzeigen.
Ralf Siepmann