O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Sandra Then

Wie es heute alle machen

COSÌ FAN TUTTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
19. Juni 2021
(Premiere)

 

Staatsoper Hannover

In der 1790 urauf­ge­führten Oper von Mozart, der letzten, die er nach Figaros Hochzeit und Don Giovanni mit dem Textdichter Lorenzo da Ponte geschaffen hat, wetten zwei junge Offiziere mit dem alten, erfah­renen Don Alfonso um die Treue ihrer Geliebten. In einem von den drei Männern insze­nierten Verklei­dungs­spiel versuchen die beiden jungen Männer, die Frauen des jeweils anderen ‚rumzu­kriegen‘ und für sich zu gewinnen. Es kommt, wie es kommen musste und „wie es alle machen“: Die Frauen erliegen dem Werben des jeweils anderen Liebhabers. Zur Rede gestellt, ordnen sich die Paare wieder in der ursprüng­lichen Konstel­lation. Ein Gefühl der Verun­si­cherung wird auf immer bleiben.

„In einer Fassung des Regis­seurs Martin G. Berger, des Drama­turgen Martin Mutschler und des Dirigenten Michele Spotti“ steht auf dem Beset­zungs­zettel der Premiere. Also wirklich eine neue Fassung? An den Unwahr­schein­lich­keiten der Handlung haben sich ja schon viele Regis­seure versucht. Ursel und Karl-Ernst Hermann in ihrer Salzburger Produktion 2004 ließen die Schwestern der eigentlich geheimen Wette der beiden Liebhaber versteckt von Anbeginn lauschen. Auch gab es verschie­den­artige Gestal­tungen am Ende der Oper, wo letzt­endlich die Frage zu den Paarkon­stel­la­tionen auf den Punkt kommt: Wer gehört zu wem?

Um es klar zu sagen: Es ist wirklich eine neue Fassung, und eine gelungene Übermalung dazu. Bei Berger und seinem Team werden zunächst alle sechs Protago­nisten als Gruppe gleich­alt­riger Betrof­fener gezeigt. Es gibt die beiden ursprünglich in der Oper verbun­denen Paare Fiordiligi und Gugliemo sowie Dorabella und Ferrando, aber der alte Zyniker Alfonso und die fünfzehn­jährige Kammerzofe Despina sind in Hannover ebenfalls ein Paar in vergleich­barem Alter, also etwa Anfang oder Mitte der 30-er Jahre. Das neue Paar lädt zu einer poly-amourösen Erleb­nis­ver­an­staltung, in der sich alle sechs Freunde auf ein Abenteuer der beson­deren Art einlassen.

Die sechs Personen geraten in Verstrick­lungen, Verwir­rungen und Zweifel über den Partner, sich selbst, ihre Schuld und eigene Prägungen. Immer sehr bald, nachdem sich zwei Personen in einer neuen Konstel­lation näher­ge­kommen sind, stürzen sie in Verwirrung und Ablehnung ihrer eigenen emotio­nalen Empfindungen.

Foto © Sandra Then

Dabei werden sie von den Bildern ihrer Kindheit und elter­lichen Prägungen verfolgt, die äußerst wirkungsvoll und zurück­haltend in Video­ein­spie­lungen von Vincent Stefan einge­blendet werden. Am deutlichsten geschieht das im Falle Fiordi­ligis. Es ist die Sopra­nistin und Prima­donna mit den anspruchs­vollsten und schwie­rigsten Kolora­turen. Auf den Video­pro­jek­tionen verliert sie sich in den Bildern ihrer Kindheit. Sie war ein äußerst streb­sames Kind. Aber jeder Versuch, durch gute Schul­noten die Liebe ihrer Eltern zu erringen, schei­terte. Als Folge wirkt sie Menschen gegenüber stolz und weniger zugänglich und vertrau­ensvoll, am Ende auch sich selbst gegenüber. Die moralische Instanz ist weniger eine gesell­schaft­liche Norm. Es ist die Prägung aus den Begeg­nungen und Schmerzen des Erwach­sen­werdens jedes Einzelnen.

Erstaunlich, mit welch wenigen, überzeu­genden und sorgfäl­tigen Mitteln die Übermalung gelingt. Die Wette unter den Männern zu Beginn wird in den Secco­re­zi­ta­tiven so angepasst, dass alle sechs Personen Teilnehmer der Verab­redung werden. Despina ist nicht die vergnü­gungs­süchtige Kammerzofe. Ihre Arie, in der sie die Schwestern zu einem leicht­le­bi­geren und unbefan­ge­neren Liebes­leben ermutigen will, ist textlich sorgfältig um-fokus­siert in eine Klage gegen die Abhän­gigkeit von den ehrlosen Männern. Ein Wesenszug, der Despina auch im Original zu eigen ist.

Die als Verklei­dungs­szene geplante Überkreuz­ver­führung wird als gewis­ser­maßen unbeab­sich­tigter Teil in den Wirren eines Verwechs­lungs- und Partner­spiels im Rahmen der poly-amourösen Eventübungen gezeigt. Die jeweils fremden Partner kommen sich dabei unmerklich – und zwar sehr unzwei­deutig – immer näher, bis von ihnen ein Kuss verlangt wird. Diese Schwelle führt zur unmit­tel­baren, blitzenden Überreizung der Nerven. Zum Ende des ersten Teils gerät der Boden unter den Füßen ihrer Existenzen ins Wanken. Bis hier kann man als Betrachter den Wirren aus sicherer Entfernung folgen.

Der zweite Teil schraubt die Kompli­ka­tionen weiter. Ihrer Verzweiflung in den Wirren versucht Dorabella durch eine pubertäre, künstlich wirkende Fröhlichkeit zu entgehen. Die zeitweise Annäherung und gespielte Schein­hochzeit der neuen Paare werden in der Umgebung eines Kinder­zimmers mit riesigen Stoff­tieren gefeiert.

Dabei erstaunt die Kostü­mierung. Ferrando in Frauen­kleidern mit Dorabella und Fiordiligi in einem an einen Männer­anzug erinnernden Outfit zusammen mit Gugliemo. Das deutet mögli­cher­weise noch ganz andere Dimen­sionen der Diver­sität an, denen hier jedoch noch nicht nachge­gangen wird. Stoff für ein anderes psycho-analy­ti­sches Paarse­minar. Der Zuschauer wird zu immer weiter gehenden Speku­la­tionen über die Irrungen und Wirrungen der Individuen angeregt und tiefge­hender in die Untiefen der Persön­lich­keiten gezogen.

Eine äußerst gelungene, intel­li­gente und zeitgemäße Umsetzung. Zusammen mit der Musik Mozarts von magischer Wirkungs­macht. Wie sollte denn die Umsetzung der verun­si­cherten Partner und ihre Verhal­tens­weisen heute sonst aussehen?

Dabei greifen neben der hinter­grün­digen und quirligen Perso­nen­führung das Bühnenbild von Sarah-Katharina Karl mit nervös blendenden Stelen, die Kostüme von Esther Bialas sowie das Licht von Sascha Zauner vorzüglich ineinander.

Die Oper Hannover bietet ein junges, frisches Sänger­ensemble auf, das gesanglich und im Hinblick auf die beson­deren Anfor­de­rungen des Konzeptes bestens überzeugt. Kiandra Horwarth als Fiordiligi meistert die enormen Anfor­de­rungen der kolora­tur­reichen Partie bewun­de­rungs­würdig. Nina von Essen ist eine ebenso sichere wie spiel­freudige Dorabella. Nikki Treurniet brilliert als selbst­be­wusste und neugierige junge Frau mit souve­räner Stimm­be­herr­schung und selbst­be­wusster Bühnen­präsenz. Mit makel­losem Tenor, brillanter Stimm­führung und wunder­schönen Höhen kann man den Verfüh­rungs­künsten von Marco Lee in der Tat nicht entgehen. Hubert Zapior überzeugt als souve­räner und mitunter komisch-spiel­freu­diger Bariton Gugliemo. Richard Walshe ist als ungewöhnlich junger Alfonso in der musika­li­schen Gestaltung ebenso überzeugend wie in seinem angedeu­teten Arztkittel als selbst­er­nannter Psychoanalytiker.

Das Nieder­säch­sische Staats­or­chester Hannover unter Michele Spotti hat anfangs mit rhyth­mi­schen Schwan­kungen zu kämpfen, die sich auch auf das Zusam­men­spiel mit der Bühne erstrecken. Francesco Greco am Hammer­flügel brilliert außer­or­dentlich fanta­sievoll mit Themen und Varia­tionen aus der Oper.

Hannover bleibt nach den Produk­tionen der letzten beiden Jahre ohne Zweifel das führende kreative Opernhaus in Norddeutschland.

Achim Dombrowski

Teilen Sie O-Ton mit anderen: