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Die Dialoge der Karmelitinnen erzählen die Geschichte der unter einer Angsterkrankung leidenden Blanche de la Force, die sich noch in den Zeiten des vorrevolutionären Frankreich auf der Suche nach einem sicheren Umfeld in ein Kloster der Karmelitinnen zurückzieht, um später mit anderen Nonnen, ihren Schwestern, gemäß eines Urteils des Revolutionstribunals den Tod durch die Guillotine zu erleiden.
Im Mittelpunkt für den Regisseur Dietrich W. Hilsdorf steht bei dieser Hannoveraner Erstaufführung des Werkes die Angsterkrankung der Protagonistin Blanche de la Force. Ihre eigene Familie wie auch das soziale Umfeld des Klosters der Karmelitinnen können damit nicht umgehen.
Die Angsterkrankung der Protagonistin ist auch das Zentralthema der der Oper zugrundeliegenden Novelle von Gertrud von le Fort aus dem Jahre 1931. Die Schriftstellerin hat erst später die Handlung in die Zeit der französischen Revolution verlegt. Die üblicherweise sonst oft zumindest im optischen Vordergrund stehenden historischen Elemente der französischen Revolution wie die Guillotine, das Klosterumfeld inklusive der Nonnentracht treten in dieser Neuproduktion in den Hintergrund. Dabei werden auch die in den Vorlagen und der Oper vorhandenen, bestimmenden katholischen Komponenten auf ein Minimum reduziert oder zeitweise neutralisiert.
Es wird die Frage provoziert, wofür das Werk außerhalb eines katholischen Glaubenskanons heute noch steht. Die Schöpfer der Vorlagen sowie der Komponist Francis Poulenc waren wesentlich katholisch geprägt, und die Oper ist Teil der Renouveau Catholique zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanischen Konzil.
In den Kostümen im Stil der 1950-er Jahre von Renate Schmitzer, der Bühne von Dieter Richter, der weitgehend mit einem Einheitsbild bürgerliches Heim und kirchlichen Raum in einem zeitlosen Ambiente vereint, sowie der Lichtregie von Susanne Reinhardt entsteht ein karger Platz, auf welchem sich eine anonyme und politische Gewalt mit dem Einzelschicksal kreuzt. Die Guillotine ist durch eine nackte Tür am Ende des Raumes ersetzt, die nach dem jeweiligen Abgang der Schwestern mit lautem Klang zuschlägt – mehr nicht.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Das Konzept überzeugt – am Ende muss der individuelle Betrachter entscheiden, wie er heute die Verweigerung der Nonnen, den Schwur auf die neue staatliche Zivilverfassung abzulegen, als Gegensatz zur größeren Freiheit, katholisch zu sein, bewertet, oder wofür diese Haltung in der modernen Gesellschaft stehen könnte. Auch der katholische Gehalt der Oper wird auf diese Weise hinterfragt. Schließlich muss sich die Musik ohne religiös anmutende Bildeffekte behaupten. Sicherlich handelt es sich um ein Werk, das das Ende einer Epoche beschreibt.
Dadurch werden die intensiven Einzelstudien des in Hannover grandios besetzten Frauenensembles umso mehr in den Mittelpunkt gerückt. Allen voran überzeugt Renate Behle als Alte Priorin Madame de Croissy mit einer rückhaltlosen Darstellung von Alter und körperlichem Verfall. Die Sängerin vermag, basierend auf ihrer langjährigen Bühnenerfahrung, eine stimmlich perfekte Gesangsleistung mit einer unter die Haut gehenden Bühnenpräsenz zu verbinden. Dorothea Maria Marx als Blanche de la Force spielt die verstörenden Erscheinungen ihrer Angsterkrankung aus, die sie gleichwohl nicht hindern, in den entscheidenden Stellen, insbesondere bei diversen Auseinandersetzungen mit ihren Schwestern im Kloster Stellung zu beziehen. Auch sie wird den hohen Ansprüchen der Partie gesanglich ohne Makel gerecht.

Weiterhin hervorzuheben ist die Studie der Mère Marie von Monika Walerowicz, die im Laufe der Handlung sich den weltlichen Notwendigkeiten auf der Flucht öffnet und anders als viele ihre Schwestern ganz pragmatisch zu agieren sucht. Ania Vegry als die noch unschuldig und fröhlich erscheinende Schwester Constance ist ein wunderbares Gegengewicht zu den düsteren und teilweise entrückt agierenden Schwestern. Ihre glockenklare und auch in der Höhe gut geführte Stimme setzt Akzente der mädchenhaften Unschuld in dem verdüsterten Drama. Kelly God als Neue Priorin Madame Lidoine überzeugt im Auftritt, auch wenn ihre Stimme in der Mittellage nicht unbelastet klingt.
Die in diesem Werk kleineren Männerrollen sind mit Simon Bode als Blaches Bruder, Stefan Adam als ihr Vater und Latcheslav Pravtchev als Beichtvater gut besetzt.
Der Chor und Extrachor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo Da Rio bewährt sich vorzüglich und mit ganz besonderer Wirkung, wenn in der Schluss-Szene die Nonnen zum Salve Regina zum Schafott schreiten, unterstützt von einem Teil der Sänger auf dem dritten Rang, was der Klangwirkung der Musik außerordentliche Wirkung verleiht.
Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter der Leitung des jungen Ersten Kapellmeisters Valtteri Rauhalammi ist wesentlicher Teil dieser entmystifizierenden Umsetzung. Zügige Tempi, schlankes, durchsichtiges Klangbild, fein aufeinander abgestimmte Holz- und Blechbläsermodulationen von außerordentlicher Durchhörbarkeit und ein insgesamt zügiger, die Deklamation der Sänger stützender Musizierfluss prägen das Bild des Abends. Eine großartige Leistung des jungen Dirigenten mit einem fabelhaft aufgelegten Orchester.
Starker Applaus für alle Beteiligten, insbesondere auch mit vielen Rufen für die herausragende Gruppe der weiblichen Solistinnen und das fabelhafte Orchester beschließen die trotz des warmen Sommerabends gut besuchte Premiere.
Achim Dombrowski