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TOSCA
(Giacomo Puccini)
Besuch am
22. Oktober 2019
(Premiere am 20. Oktober 2019)
So kann man selbst den Sex-and-crime-Schocker Tosca noch weiter auf die Spitze treiben: Um die absolute Bedrohung in einem autokratischen System herauszustreichen, ist Scarpia nicht nur Polizeichef des Regimes, sondern zugleich auch noch mindestens der mächtigste Kurienkardinal der Ewigen Stadt. Für das Personal der auf dem Schauspiel von Victorien Sardou basierenden, 1900 uraufgeführten Oper von Puccini bedeuten die Folgen seiner Traumatisierung aufgrund eines jahrelangen Missbrauchs durch einen katholischen Priester in Kindheit und Jugend höchste Gefahr. Scarpia hat sich obsessiv in Tosca und die Reinheit ihres Gesangs verliebt. Wie nicht untypisch in dieser Situation vermag er körperliche Liebe nur über die gleichzeitige Anwendung von Gewalt und das Erleben der Qualen seiner Opfer zu erleben. In seiner hohen gesellschaftlichen Stellung hat er auch die Macht dazu. Die Schlinge um Tosca und die ihr nahestehenden Menschen zieht sich zu. Er droht ihrem Geliebten Cavaradossi mit Folter, um sie zum Sex zu zwingen. Zu Toscas Erschütterung muss sie zudem feststellen, dass ihr Cavaradossi sie verlassen hat. Er wurde nicht – wie im Opernplot – erschossen, er ist einfach weggerannt. Tosca bleibt allein und entkommt Scarpia auch nach seinem Tod nicht: Scarpia hat den eigenen Tod vorausgesehen und für die Diva ein vergiftetes Geschenk vorbereitet: Auf einer Bekenner-DVD, die Tosca ansieht, erzählt er lakonisch und mit nebenbei lässig gerauchter Zigarette von seinem Schicksal als misshandelter Jugendlicher und die daraus hervorgegangene Prägung. Er kennt keine Reue. Die Folgen dieser seelischen Verkrüppelung eines Individuums durchziehen die Gesellschaft weiter, als man es sich vorstellen kann. In einem erschütternden Bild ganz zum Schluss springt Tosca nicht von der Engelsburg, sondern legt sich gebrochen in die Arme des von ihr erstochenen Scarpia. Sie weiß, dass sie ihm nicht entkommt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Mit dieser kompakt-psychologischen Neudeutung und einer glasklaren, äußerst effektvollen Umsetzung mit überzeugender Personenführung gelingt dem russischen Regisseur Vasily Barkhatov in der Bühne von Zinovy Margolin ein in Spannung nicht zu überbietender Opern-Krimi der Sonderklasse. Alle Interpretationsansätze sind klar durch die Musik unterlegt, im Text angelegt, oder in sinnhafter Abstraktion ableitbar. Wesentlichen Anteil hat neben der schlüssigen, schnörkellosen Personenregie der geschickte Gebrauch der Bühnenmaschinerie, die wiederholt eine aus der Oberbühne herabsinkende Spielebene wie eine filmische Überblendung nutzt. Gespielt wird in Kostümen von Olga Shaishmelashvili in der Jetztzeit, moderne Technik wie DVD-Player sowie Digitalkamera kommen zum Einsatz. Die in der Oper erwähnte militärische Auseinandersetzung Frankreichs mit Rom in der Originalzeit der Handlung 1800 ist ersetzt durch eine durch das Fernsehen übertragene Liveberichterstattung von scheinbar demokratischen Wahlen eines Kandidaten „Bonaparte“. Und wer könnte sich das heute nicht in vielen sogenannten Demokratien auch vorstellen? Ein beeindruckend aktualisierter Krimiplot. Welche andere Oper – wenn nicht Tosca – wäre besser geeignet? So aktuell kann Oper sein: Netflix statt Historiengemälde.
Auch die jungen, am Anfang ihrer Karriere stehenden Sänger sind bestens ausgewählt: der mit weizenblonder Perücke ausgestattete Scarpia von Seth Carico glänzt in der Partie mit rückhaltlosem Einsatz, der ihn gelegentlich noch an die Grenzen seines eher hoch liegenden Baritons führt. Darstellerisch gelingt eine Meisterleistung bei der Darstellung eines emotional zerstörten Charakters. Scarpia hat eine nachgerade wie Fetische anmutende Sammlung von Bildern, Devotionalien und Kleidungsstücken von Tosca angelegt, in denen er sich verliert. Er bietet einerseits jedem Gesprächspartner die Gelegenheit zum Handkuss des katholischen Würdenträgers, zuckt aber zurück, wenn er womöglich mit einer menschlichen Berührung rechnen muss. Bei Toscas großer Arie angesichts ihrer Qualen im zweiten Akt kann er die Tränen einer grauenhaften Wonne nicht verbergen. Gibt es wirklich solche Opernliebhaber? In der von Scarpia vorbereiteten, perfiden DVD erinnert der Sänger in Typ und lässigem Gestus entfernt an George Clooney.

Liene Kinča ist Tosca. Sie wird der Partie auf beeindruckende Weise gerecht. Ihre große, kontrolliert geführte Stimme weist nur an wenigen Stellen noch gewisse Schärfen auf. Bedrückend ihr Spiel beim schrittweisen Erkennen ihrer Verlassenheit und Ausweglosigkeit, in der sie sich schließlich erschreckenderweise in die Arme des toten Scarpia legt. Rodrigo Porras Garulo hat das ideale Timbre für die Partie des Cavaradossi. Gelegentlich wirkt die Stimmpräsenz uneinheitlich. Das mag jedoch an der Überführung der gewohnten Rolle des strahlenden Liebhabers in einen künstlerisch und menschlich schwachen Charakter als Konzept dieser Inszenierung liegen. Die mit Liebesschmelz und sieghaften Gesten ausgestattete Partie ist schließlich am meisten mit den Klischees des Strahletenors beladen.
Die weiteren Solopartien sind angemessen besetzt und lassen keine Wünsche offen; der Chor, Extrachor und Kinderchor der Staatsoper Hannover unter der Leitung von Lorenzo Da Rio kann insbesondere im Te Deum überzeugen.
Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover wird von Kevin John Edusei geführt und glänzt nicht nur in vielen wunderbar durchhörbaren Holzbläserpartien. Der dunkel-bedrohliche, insbesondere durch spezifische Portato-Effekte charakterisierte Orchesterklang macht es den Sängern nicht immer leicht, der Agogik des Dirigenten organisch zu folgen.
Richtig gut gefällt es den vielen jungen Leuten im vollen Haus der Oper. Hoffentlich sagen sie es allen Ihren Freunden weiter. Viele bravi für die Sänger und das Orchester. Diese Tosca darf man nicht verpassen!
Achim Dombrowski