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Foto © Thomas Kost

Venezianischer Karneval

WOLLUST
(Antonio Vivaldi)

Besuch am
11. November 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Tage Alter Musik in Herne, Kulturzentrum

Wenn neben den Todsünden Zorn, Hochmut,  Neid, Völlerei,  Faulheit und Geiz auch noch die Wollust genannt wird, erwartet der Besucher in Ausstattung und Darbietung eine eher opulente Aufführung. in Herne halten es die Veran­stalter dieser konzer­tanten Vivaldi-Aufführung eher mit der Tugend der Beschei­denheit. Und so wird aus dem „überhitzt eroti­sierten“ Opern­hö­he­punkt ein dreistün­diger Konzert­abend mit Vivaldi-Kompo­si­tionen, zu denen eigentlich lebhafte Bühnen­szenen gehören. Aber die Besucher wissen, was sie bei den Tagen Alter Musik in Herne erwartet.

Andrea Marcon, erfah­rener und bestens ausge­wie­sener Spezialist in der Orches­ter­musik des Barocks hat mit dem La Cetra Barock­or­chester Basel ein vorzüg­liches Ensemble von Solisten zur Hand, die sich souverän in der Partitur mit und ohne Dirigenten bewegen. Marcon lotet das Klang­vo­lumen seines gut zwanzig­köp­figen Ensembles nur zurück­haltend aus und orien­tiert sich damit an dem Prinzip, diese frühe Musik deutlich leiser zu intonieren als heutige Präsen­ta­tionen. Das gilt auch für sein eigenes Spiel am Cembalo.

Kangmin Justin Kim – Foto © Thomas Kost

Dafür stehen die Sänge­rinnen und Sänger der sich auf drei Akte vertei­lenden Arien und Rezitative im Mittel­punkt der Aufführung – zur Freude der Zuhörer. Die Geschichte, einfach und „klassisch“, ist schnell berichtet: Vor dem Hinter­grund der Olympi­schen Spiele in Griechenland bittet Licida seinen Freund Megacle, statt seiner und unter seinem Namen an den Wettkämpfen teilzu­nehmen und um den Sieges­preis Aristea zu kämpfen, der Tochter des griechi­schen Königs Clistene. Um sie  wirbt Megacle schon seit Längerem. In dieser Dreiecks­ge­schichte entspannen sich alle Verwick­lungen, Eifer­süch­te­leien und Intrigen, die zu einer Oper gehören und die Zorn, Hochmut,  Neid und Wollust bestens gedeihen lassen. Verständlich, dass da beim Zuhörer die Wünsche nach opulenten Bühnen­bildern, explo­die­renden Darstellern und emoti­ons­ge­la­denen Stimm­aus­brüchen entstehen. In der konzer­tanten Aufführung bleibt das gemäßigt, parti­t­ur­ge­recht und ein wenig distanziert.

Dabei hat Marcon außer einem feinsinnig abgestimmten Orchester ein ausge­zeich­netes Gesangs­en­semble an seiner Seite. Carlos Mena und Kangmin Justin Kim überra­schen als Counter­tenöre mit klaren, dennoch im Ausdruck unter­schied­lichen Stimmen, bei denen Kangmin die stärkeren Emotionen zeigt. Vasilisa Berzhanskaya bringt mit weichem Mezzo­sopran die umworbene Aristea ausdrucks­stark, Federica Carnevale, ebenfalls Mezzo­sopran, überzeugt auch in Höhen­lagen. Anna Aglatova belebt die Szene darstel­le­risch wie stimmlich mit tempe­ra­ment­vollem Vortrag. Ein wenig im Hinter­grund bleiben Sergio Foresti und José Coca Loza, der im letzten Akt noch einmal mit vollem, tiefem Bass die Zuhörer überzeugt.

Zum Schluss haben die Solisten gemeinsam keine Mühe, im Chor den Wunsch des Volkes zum Happy End zu intonieren: „… und störe nicht die heilige Zeremonie“. Dann erklingt aufbrausend und langan­haltend der Beifall des begeis­terten Publikums, von dem sich viele die Daten für die Tage alter Musik in Herne im kommenden Jahr schon vorge­merkt haben – ein Musik­ereignis, auf das man sich freuen kann. Dann wird sich zeigen, ob sich auch in Herne alle Besucher „kopfüber ins Vergnügen“ stürzen.

Horst Dichanz

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