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VATERUNSER DEUTSCH
(Diverse Komponisten)
Besuch am
9. November 2017
(Einmalige Aufführung)
Ursprünglich heißt die Stadt Haranni und wurde zum ersten Mal 880 im Steuerregister der Benediktinerabtei Werden an der Ruhr erwähnt. Um 1150 veränderte sich der Name zu Hernen, später fiel das n weg. Im 18. Jahrhundert wird Herne als ein weitläufig aus 116 Häusern bestehendes und einem Flecken ähnlichen Kirchdorf beschrieben. Bereits 1561 wurde von Pfarrer Krafft Messing die Reformation in Herne eingeführt. Am 2. Dezember 1875 fand die feierliche Einweihung der Kreuzkirche statt.
Die Kirche gibt es immer noch, nur das Kirchdorf hat sich ein klein wenig verändert. Rund 150.000 Einwohner zählt die Stadt zwischen Bochum und Recklinghausen heute und weist nach München und Berlin die größte Bevölkerungsdichte auf. Landesweit steht die Stadt einmal im Jahr im Fokus der Musikwelt. Im November finden dann die Tage Alter Musik statt, ein Radiofestival, das vom Westdeutschen Rundfunk in Zusammenarbeit mit der Stadt veranstaltet wird, heuer bereits zum 42. Mal.
| Musik | ![]() |
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Unter dem Titel Aufbruch! werden neben einer bedeutenden Musikinstrumentenausstellung „Rebellen, Reformer und Revolutionäre in der Musik zwischen Mittelalter und Romantik“ an den Hauptspielstätten Kulturforum und Kreuzkirche thematisiert. Vom 9. bis zum 12. November treten hier namhafte Vertreter der Alten Musik auf. Sämtliche Aufführungen werden aufgezeichnet und vom Westdeutschen Rundfunk übertragen. Den Besuchern vor Ort steht auch in diesem Jahr wieder ein hochinformatives und ausführliches Programmbuch zur Verfügung, das keine Wünsche offenlässt.
Das Eröffnungskonzert Vaterunser Deutsch findet in der gutbesuchten Kreuzkirche statt. „Geistliche Vokal- und Instrumentalmusik aus Lutherischen Kernlanden“ ist angekündigt. Ein weites Feld, aus dem das Ensemble Neobarock sein Programm zusammengestellt hat, das zeitlich von 1496 bis 1730 reicht. Im Mittelpunkt, das heißt an den Enden der beiden Aufführungsteile, steht jeweils ein gesungenes Vaterunser, getreu dem Luther-Zitat „Wer singt, betet doppelt“. Und damit erschöpft sich auch der Teil der Vokalmusik. Was durchaus verständlich erscheint, wenn man weiß, dass Neobarock ein Streicherquartett mit Cembalo ist. So erscheint doppelt luxuriös, dass das Festival für zwei kurze Auftritte die Mezzosopranistin Marianne Beate Kielland dazu geladen hat.

Leichtfüßig startet der Abend mit einer Kirchensonate von Philipp Heinrich Erlebach, die von der üblichen Sonatenform durch Tanzsätze abweicht. Das ermöglicht den beiden Geigern Maren Ries und Volker Müller, gleich zu Beginn ihre Virtuosität zu zeigen. Begleitet werden sie im Basso Continuo von Ariane Spiegel am Cello und Jean-Christophe Dijoux am Cembalo. Die „kleine Besetzung“ reicht auch für die kleinen Lehrstücke zur Einübung des Kontrapunkts von Johann Walter, Luthers engem Freund und musikalischem Berater. Und man kann sagen, dass die Musiker sie ausreichend geübt haben. Die einsätzige Sonate von Johann Vierdanck beendet das rein instrumentale Programm des ersten Teils und leitet zum ersten Höhepunkt des Abends über.
Noch zur Zeit der Reformation war es auch in lutherischen Gottesdiensten üblich, dass das Vaterunser nicht wie heute gemeinsam gebetet, sondern vom Liturgen in Rezitativform vorgetragen wurde. Neobarock hat zwei Beispiele der dazugehörigen komponierten Figuralmusik ausgewählt. Das Vaterunser von Christian Geist ist für Mezzosopran, zwei Geigen und Basso continuo komponiert. Die stimmlichen Anforderungen halten sich in überschaubarem Rahmen. Umso erstaunlicher, dass hier eine Sängerin vom Format einer Kielland auftritt.
Nach einer Sonate von Johann Rosenmüller und einigen weiteren Übungsstücken von Johann Walter wird es dann mit der Choralfantasie von Johann Fischer etwas gewichtiger. Christiane Veltman und Dorian Wetzel treten mit ihren Bratschen hinzu und verleihen dem Abend mehr Fülle. Zum glänzenden Finale steht das dreisätzige, ebenfalls deutschsprachige Vaterunser von Christian Ritter auf dem Programm, mit dem dann auch Kielland – endlich – ihre stimmlichen Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.
Das Publikum staunt und etliche Besucher bringen das in der Pause auch zum Ausdruck. Von dieser Stimme hätte man gern mehr gehört statt sich mit der insgesamt doch eher leichten Kost der Geiger zu begnügen. Dass die formidabel und durchaus vergnüglich vorgetragen war, wird vom Publikum gern applaudiert. Ein angenehmer Abend, der aber für das weitere Festival noch viel Luft nach oben lässt.
Michael S. Zerban