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Foto © Thomas Kost

Zum Schluss inflationäre Liebe

LES VOYAGES DE L‘AMOUR
(Joseph Bodin de Boismortier)

Besuch am
17. November 2019
(Einmalige Aufführung)

 

Tage Alter Musik in Herne, Kulturzentrum

Acht Konzerte in vier Tagen, ein paar Ausstel­lungen obendrauf: Das ist das alljährlich statt­fin­dende Radio­fes­tival Tage Alter Musik in Herne. Zum Abschluss gibt es tradi­tionell einen Höhepunkt im Kultur­zentrum der Stadt, meist in Form einer konzertant aufge­führten Oper aus den frühen Tagen der Musik. So ist es auch in diesem Jahr.

Richard Lorber ist Redakteur beim Westdeut­schen Rundfunk und damit Künst­le­ri­scher Leiter des Festivals. Heuer ist seine Wahl auf die Oper Les Voyages de l’Amour von Joseph Bodin de Boismortier gefallen, eine Ballettoper in einem Prolog und vier Akten aus dem Jahr 1736. Von all den pracht­vollen Landschaften und Situa­tionen, Geistern und anderen Erschei­nungen, von denen in der Oper die Rede ist, findet nichts statt. Die Oper wird, wie gewohnt, konzertant aufge­führt, um optimale Bedin­gungen für die Rundfunk­über­tragung zu gewähr­leisten. Aus dem Kultur­zentrum der Stadt sendet der Westdeutsche Rundfunk den Auftritt zeitver­setzt auf seinem Kultursender.

Foto © Thomas Kost

Charles Antoine le Clerc de la Bruère verfasste ein Libretto, das ausschließlich der Unter­haltung gewidmet war. Er hat eine Reise von Amor erfunden, der sich an verschiedene Orte begibt, sich in immer neue Frauen verliebt, ehe er auf seine Heimat­insel Kythera zurück­findet, um dort die ursprüng­liche Frau seiner Träume zu finden. Sicherlich könnte man hier mehr hinein­dichten, aber das liefe ins Leere. Viel inter­es­santer als diese Lebens­reise ist die Musik, die Boismortier geschaffen hat. Während sich Kompo­nisten heutzutage auf möglichst wenige Instru­mente beschränken, als hätten sie nichts Besseres gelernt, schafft Boismortier geradezu ein Füllhorn an Ausdrucksmöglichkeiten.

Auf der Bühne ist deshalb Enge vonnöten. Der hervor­ra­gende Purcell Choir belegt zwei Stuhl­reihen im Hinter­grund. Das Orfeo Orchestra tritt gleich mit zwei Cembali an und füllt nahezu den gesamten Bühnenraum. Da bleibt für die Solisten wenig Platz an der Rampe.

Nicht nur bei den Instru­menten greift der Komponist in die Vollen. Auch beim Personal wird nicht gespart. Und so teilen die sechs Sänger und der Chor die Rollen unter­ein­ander auf. Wer sich bei dieser Aufführung nicht einfach nur in die Klang­welten hinein­horchen, sondern auch der Handlung folgen will, wird das sehr ordentlich gearbeitete Heft mit den Gesangs­texten kaum einen Moment aus der Hand legen.

An gesang­lichen Leistungen wird an diesem Abend einiges geboten. Allen voran glänzt die Sopra­nistin Chantal Santon-Jeffery in der Haupt­rolle des Amor. Ihr ebenbürtig sind Adriána Kalafszky, Katja Velletaz und die Mezzo­so­pra­nistin Eszter Balogh. Tapfer hält Judith van Wanroij mit. Nach ein paar Anlauf­schwie­rig­keiten kann auch Bariton Lóránt Najbauer seine Stärken zeigen.

György Vashegyi dirigiert mit Verve vom Cembalo aus und zeigt den echten Maestro, wenn er auch noch Zeit findet, den vor ihm stehenden Solisten ihre Einsatz­zeichen zu geben. Das Orfeo Orchestra bildet einen wunder­baren Klang­körper, der lebhaft und diffe­ren­ziert aufspielt.

Im sehr gut besuchten Saal des Kultur­zen­trums folgt das Publikum hochkon­zen­triert dem Geschehen und spart nicht mit Lob für alle Betei­ligten. Mit diesem höchst gelun­genen Schlussakt fördert das Festival die Vorfreude auf das kommende Jahr. Dann heißt es Zurück zur Natur.

Michael S. Zerban

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