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Foto © Steffen Sennewald

Wie einst Gene Kelly

A CHORUS LINE
(Marvin Hamlish)

Besuch am
12. Juli 2025
(Premiere am 22. Juni 2024)

 

Bad Hersfelder Festspiele, Stiftsruine

Wie passend, dass die Regie in der nicht vorge­se­henen Regen­pause den Klassiker Singing in the Rain einspielt. Fans cineas­ti­scher Klassiker erinnern sich an Gene Kellys dem Film seinen Namen gebende Tanz- und Gesangs­einlage, die darin so mühelos erschien. Auf der Bühne der Stifts­ruine sorgt Regen dagegen für echte Probleme, denn die wird – anders als Orches­ter­graben und Zuschau­erraum – nur an der Rampe vom Zeltdach geschützt und auch das erfolg­reiche Broadway-Musical A Chorus Line, das an diesem Nachmittag auf dem Programm der Bad Hersfelder Festspiele steht, ist gespickt mit Tanz- und Gesangseinlagen.

Bei einer Szene im Musical steht der Sturz eines der Künstler im Drehbuch, der dann ins Krankenhaus muss. Bei Nässe auf dem Parkett kann das jederzeit passieren. Alle sind entsetzt, und Zach fragt, was sie tun würden, wenn sie nicht mehr tanzen könnten und diese Karriere beendet wäre? So wundert sich niemand, dass auch in Bad Hersfeld beim einset­zenden Sommer­regen die Regie eine 20-minütige Pause verkündet. Doch als danach die Bühne wieder trocken geschruppt ist, setzt erneut Regen ein. Was tun? Abbrechen und eventuell das Eintrittsgeld rückerstatten? Die Festspiel­leitung entschließt sich weiter­zu­spielen. Das führt zwar während der Regen­phasen bei den Akteuren zu einigen Stürzen, doch die gehen zum Glück glimpflich aus und enden nicht im Hospital.

Foto © Steffen Sennewald

Im Musical stellt Star-Choreograf Zach, darge­stellt vom Musical-geschulten TV-Darsteller Arne Stephan, unter­stützt von seinem Assis­tenten Larry, der tänze­risch beein­dru­ckende Brite Alan Byland, ein Ensemble für ein neues Musical zusammen. Er sitzt, wie für einen Regisseur üblich, meist mitten im Zuschau­ersaal. Es ist ein knall­harter Ausle­se­prozess, bei dem die Bewerber ihr Bestes geben müssen, um eine Chance zu haben. 17 schaffen es nach dem ersten Vorsprechen und Tanzen in die Auswahl, doch nur acht von ihnen werden am Ende benötigt. Zach fordert mehr von den Darstellern ein, als „nur“ singen, tanzen und spielen zu können. Sie sollen ihm vor versam­melter Mannschaft ihr Leben erzählen, warum sie Tänzer geworden sind – ein Seelen-Strip­tease. Die Handlung basiert dabei zum größten Teil auf den Leben der Darsteller der Original-Besetzung.

Die Idee dazu hatte Regisseur und Choreograf Michael Bennett. Die Musik stammt von Marvin Hamlish, die Gesangs­texte von Edward Kleban und das Buch schrieben James Kirkwood junior und Nicholas Dante. Die auch in Bad Hersfeld gespielte deutsche Fassung stammt von Robin Kulisch.

Nach seinem Start Off-Broadway wurde A Chorus Line mit dem Umzug ins renom­mierte Shubert Theatre mit über 6.000 Vorstel­lungen das bis dahin erfolg­reichste Broadway-Musical und lief 15 Jahre lang bis 1990. Auch die Verfilmung im Jahr 1985 mit Michael Douglas in der Rolle des Zach sorgte für volle Kinosäle. Anders als im Film zeigt das Musical, dass Zach früher selbst einmal als Tänzer auftrat. In Bad Hersfeld startete das Stück bereits 2024 und wurde von Publikum und Kritik gefeiert, weshalb man es auch 2025 wieder auf den Spielplan setzt.

Foto © Steffen Sennewald

Für Zach sind die meisten Darsteller am Anfang nur Nummern, die sich aufgeregt an der weißen Linie auf der Rampe neben­ein­ander aufstellen. Jeder hat eine eigene Geschichte, einen eigenen Hinter­grund und Grund, mit dem Tanz zu beginnen. Manche sind mitein­ander verbandelt, manche suchen schon seit einiger Zeit einen Job, andere sind neu in New York und hoffen dort auf den Durch­bruch. „If I can make it there, I’ll make it anywhere!“ sang schon Frank Sinatra, und diese Hoffnung treibt viele von denen, die frisch in die Stadt kommen, um ihre Chance zu ergreifen – wenn man sie ihnen denn bietet. Viele schummeln beim Alter, denn das ist wie Bühnen-Erfahrung Auswahl­kri­terium beim Casting.

Zach lässt Larry die Setcards einsammeln, die strah­lende Gesichter zeigen. Die Kamera fängt ihn oft am Regiepult ein, wo er im Laufe des Castings seine Notizen macht. Er fordert die bewegenden Geschichten der einzelnen Künstler ein. Schnell wird klar, dass es nicht – nur – die Spreu vom Weizen trennen will, sondern ein als Team funktio­nie­rendes Ensemble bilden möchte. Das geht nur, wenn sich nicht jeder hinter einer Fassade verbirgt, sondern zeigt, dass Selbst­zweifel und Nervo­sität mit Angst und Wettbe­werbs­druck kämpfen. Darum drehen sich auch die Songs, die mal einzelne, mal mehr oder minder offen die ganze Mannschaft anstimmt von Ich hoff, ich schaff es über Das krieg ich hin bis zu Oh, Gott, ich brauch’ den Job.

Auch in diesem Sommer übernimmt die renom­mierte Regis­seurin und Choreo­grafin Melissa King die Leitung des mitrei­ßenden, berüh­renden Stücks mit einem brillanten Ensemble. „Die Figuren haben wir in vielen Gesprächen mit den Darstellern entwi­ckelt und uns gemeinsam gefragt: Wie komme ich zu dem Punkt, dass ich diese Worte sage.“ Eigentlich hätte die an der US-Elite-University Yale als Juristin ausge­bildete Ameri­ka­nerin Richterin werden sollen, doch ihre mit viel Verve insze­nierte Choreo­grafie zeigt, dass auch die Entscheidung des Herzens gut getroffen war. Heute sind ihre Insze­nie­rungen von den deutsch­spra­chigen Musical-Bühnen, die mit Bernsteins West Side Story am Mannheimer Natio­nal­theater ihren Anfang nahmen, kaum wegzudenken.

Etliche der Darsteller waren schon 2024 bei der Premiere dabei, teils kehren sie in ihren Rollen, teils mit neuen Aufgaben zurück. Gut gefällt Pascal Cremer in der Rolle des Bobby, der seine unglück­liche Kindheit mit übertrie­benen Witzchen übertünchen möchte, was bei den anderen Künstlern nicht gut ankommt. Auch Olivia Grassner, die schon in den Sommer­nachts­träumen begeis­terte, kommt beim Publikum wieder gut an, nicht so bei Zach, den die rollen­mäßig mit viel Selbst­ver­trauen präsen­tierte Lockerheit ärgert. Die ihr trotz ihrer Talente den Einzug ins Ensemble verdirbt. Myrthes Monteiro spielt wieder Diana, die über ihren schreck­lichen Schau­spiel­un­ter­richt an der High School infor­miert. Einige der Darsteller sind ausge­zeichnete Tänzer, wie Johan Vandamme als Mike beim Stepptanz beweist, doch gut tanzen können alle. Auch Paul möchte ungern seine Vergan­genheit preis­geben, gibt dann aber sehr emotionale Einblicke in Kindheit und Jugend, einen Drag-Act und die Konfron­tation mit seiner Männlichkeit und Homose­xua­lität, die seine Eltern dazu bringt, ihn zu verleugnen. Mit Samantha Turner hat Melissa King die Partie der Cassie neu besetzt. Cassie hat bereits als Solistin Erfolge gefeiert und macht ihrem langjäh­rigen ExPartner Zach in einem persön­lichen Gespräch klar, dass sie sich nicht als Star sieht. Der findet sie zu gut für den Chor, doch letzt­endlich überzeugt sie ihn, dass sie mit der Arbeit im Chor wieder „nach Hause kommen“ will und ihre Leiden­schaft für den Tanz ausdrücken kann. Auch bei den anderen Künstlern beweist King viel Gespür bei der Besetzung. Sehr geglückt ist die für viele Stücke in der Stifts­ruine notwendige große Orches­ter­be­setzung, die Gesang und Tanz optimal begleitet. Das gut einge­spielte Orchester der Bad Hersfelder Festspiele spielt unter der Leitung von Christoph Wohlleben.

Michael Ritter

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