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Foto © Schubertiade Hohenems

… und der Saal tobt

THE ERLKINGS: WINTERREISE
(Franz Schubert)

Besuch am
1. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Schuber­tiade Hohenems, Markus-Sittikus-Saal

Das Ensemble The Erlkings präsen­tiert das deutsche Kunstlied in neuen Fassungen. Sänger Bryan Benner, in Florida geboren, in Schottland und Italien studiert und derzeit in Wien lebend und dort das Musik­leben im Sinne des Kompo­nisten bei Schuber­tiaden in Wirts­häusern gehörig aufmi­schend, hat deutsche Kunst­lieder in seine Mutter­sprache Englisch gereimt übersetzt. Gemeinsam mit Ivan Turkalj am Cello, Simon Teurez­bacher an der Tuba und Thomas Toppler am Schlagzeug und Vibrafon stellt er sie in einer Fassung dem Publikum vor, die sich zwar relativ eng am Klavier­auszug von Schubert orien­tiert, aber eben nicht nur durch das Englische, sondern auch durch die ungewohnte instru­mentale Besetzung anders klingt.

In den vollen Saal in Hohenems haben die vier Musiker die Winter­reise von Franz Schubert mitge­bracht, in dieser beson­deren Version eine Urauf­führung. Benner führt zu Beginn und immer nach sechs Liedern emotional und humorvoll durchs Programm. Was er da sagt, kommt beim Publikum sehr gut an, gibt er doch nicht einfach eine halb musik­wis­sen­schaft­liche Erklärung der Lieder, sondern beschreibt sie aus seiner Sicht heraus. Er hat sich durch das Übersetzen der Lieder – übrigens, wie er mitteilt, am Strand in Hawaii mit den Füßen im Sand – inten­sivst damit ausein­an­der­ge­setzt. Er erzählt die Geschichte des jungen Mannes, der durch die verschneite Landschaft wandert, mit angenehmer Stimme und leichtem ameri­ka­ni­schem Akzent bezie­hungs­weise Wiener Dialekt, kleinen Fehlerchen im Deutschen und dadurch irgendwie näher am Geschehen. Emotional wirkt er, redet frei aus seinem Herzen, fern aller Metaphorik und Metaebene und richtig herzer­fri­schend. Schon hier merkt man, wie sehr ihn die Lieder gefangen nehmen. Ein kleiner Scherz noch über den Termin, der diese Winter­reise bei der Schuber­tiade ausge­rechnet im blühenden Frühlings­beginn, am 1. Mai statt­finden lässt, denn eigentlich heißt es ja: „Der Mai ist gekommen, der Winter ist aus“. Aber, wie er so schön sagt, „Winter­reise im Winter, das ist wie Knödel mit Knödel“, und dann geht’s los.

Stark ist schon der Anfang, Benner pfeift erst die Melodie des Gute Nacht zur Gitarre, sehr nah am Original, singt auf Englisch die erste Strophe, erst später setzen Turkalj am Cello und Toppler am Vibrafon ein. Sie verdeut­lichen die Bilder der verschneiten Landschaft, setzen neue Akzente. Teils erfolgen größere Zäsuren als gewöhnlich, vor schnellen Instru­men­ten­wechseln, aber immer sehr passend, wie in Gefrorene Tränen. Gerade das Gehen wird so augen­fäl­liger, als wenn „nur“ das Klavier begleitet. Wenn die Tränen in Wasserflut in den Schnee fallen oder der Wind heult, ist natürlich das Schlagzeug gefragt, ebenso bei der Unerbitt­lichkeit der Einsamkeit. Wenn es drama­tisch wird, wenn die Zerris­senheit des Wanderers deutlich werden soll, steigen Cello und Teurez­bacher an der Tuba ein und geben ein breites Fundament. Die Tuba darf in der Post frisch das Posthorn geben und nach dem langen Weg durch die verschneite Natur die Zivili­sation ankün­digen. Das Vibrafon wird häufig in den träume­ri­schen Passagen einge­setzt, hebt Täuschungen hervor und malt Linden­blätter und Frühlings­träume in den Saal. Im Dorfe gerät zu einem besonders dichten Satz, auch mit dem Auftritt der Hunde. Das Wirtshaus kommt im fast wiene­ri­schen Schmäh daher und zeugt von dem morbiden Humor Wiens. Nach vibra­fon­ver­klärten Neben­sonnen geben die vier den Leiermann mit großer Ausdrucks­kraft – und Schubert überlebt!

Foto © Jutta Schwegler

Tatsächlich kann die Umgestaltung durch die Erlkings den Liedern nichts anhaben. Da sie den Melodien fast unver­ändert folgen, bleibt Schuberts Vermächtnis durchaus erhalten, wird vielleicht sogar in einer Weise, die an die Schuber­tiaden zu Schuberts Lebzeiten erinnern, wieder neu erweckt. Als Zuhörer kann man sich gut auf den Klang einlassen, und am Ende scheint er manchmal näher an einem Volkslied als das Original. Das hat sicherlich mit der Wiedergabe durch die Gitarre zu tun und letzt­endlich auch mit der Stimme des Sängers.

Sie ist sehr angenehm und weich, kann samtig sein, sich aber auch rockmäßig aufschwingen. Benner singt teils im ameri­ka­ni­schen Belting-Stil, teils klassisch anmutend. Durch die Verstärkung fühlt man sich manchmal an Elvis‘ beste Zeiten erinnert. Benner ist zu feinen Nuancen fähig, aber die Stimm­farben kommen durch die Verstärkung manchmal nicht so zur Geltung, wie man es sich wünschen würde. Der Sänger verfügt über einen großen Stimm­umfang, schwere Phrasen und Sprünge sind ihm kein Problem, eine große Dynamik­pa­lette steht ihm zudem zur Verfügung. Vor allem aber ist er emotional ganz nah am Puls Schuberts und schaut tief in das Herz des Wanderers. Die anderen Musiker folgen ihm gerne, achten aufein­ander. Alle spielen auswendig, was vielleicht zu den seltenen Schwan­kungen im Zusam­men­spiel führt, immerhin ist das hier die Urauf­führung dieser Version.

Das Ganze wird technisch verstärkt, was nicht immer so ganz gut funktio­niert, manchmal hört man die Gitarre kaum noch, manchmal klingt die Stimme etwas verzerrt. Aber das sind Kleinig­keiten, die den Gesamt­ein­druck nicht schmälern und die sich im Lauf der Produktion wohl noch verbessern werden.

Das Publikum ist deutlich jünger als in den bishe­rigen Lieder­abenden, manche hält es kaum auf ihren Plätzen, so sehr bewegt sie die Musik. Der Applaus fällt dem Genre entspre­chend auch anders aus als sonst, es wird geklatscht, gejohlt und ausgiebig getrampelt. Eine Zugabe gibt es nicht, was will man auch nach einer Winter­reise noch singen? Die Künstler sind sichtlich erschöpft und erleichtert. Am Ende dankt Schlag­zeuger Toppler, der übrigens den ganzen Abend äußerst freudig bei der Sache war, Benner noch für sein Engagement in Sachen Schubert. Und wenn man so die jüngere Generation in die Konzertsäle bringt, soll es doppelt recht sein.

Jutta Schwegler

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