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LIEDERABEND ANDRÈ SCHUEN
(Franz Schubert)
Besuch am
3. Mai 2025
(Einmalige Aufführung)
Die 330 Plätze des Markus-Sittikus-Saals in Hohenems sind ausverkauft. Man nähert sich dem bisherigen Höhepunkt im ersten Zyklus der Schubertiade 2025. Die Riege der Kritiker ist merklich angewachsen im Vergleich zu den vorherigen Konzerten dieser Woche, da sitzen einige mit gespitztem Stift über ihr Programmheft gebeugt. Aufgeregtes Tuscheln im Publikum noch kurz vor dem Auftritt, und dann kommen sie auf die Bühne: Andrè Schuen im violetten Anzug zu schwarzem T‑Shirt, Daniel Heide dunkelblau. Das ist ja völlig unwesentlich, aber schön zu sehen.
Schuen eilt ein untadeliger Ruf voraus, gilt er doch als einer der wichtigsten Interpreten für das Kunstlied. Mit seinem Klavierpartner Heide hat er viele international bestens besprochene Alben aufgenommen, beide sind unglaublich gut aufeinander eingespielt. Für den Schwanengesang hat der Sänger den Opus Klassik bekommen. Hier in Hohenems haben sie sich eben diesen Zyklus und weitere Lieder nach Gedichten von Johann Gabriel Seidl vorgenommen. Sie stellen die Rellstab-Lieder aus dem Schwanengesang an den Anfang, inklusive des Liedes Herbst und dem Abschied vor der Pause. Danach lassen sie die Seidl-Lieder folgen und hören mit den Heine-Liedern des Schwanengesangs auf. Die Taubenpost ist gemeinsam mit dem Hirt auf dem Felsen die letzte Komposition Schuberts und vom Verleger Tobias Haslinger der Sammlung angeheftet, sie bildet den versöhnlichen Schluss nach dem unheimlichen Doppelgänger. Der Schwanengesang ist kein Zyklus im Sinne einer Schönen Müllerin oder der Winterreise, sondern eine recht willkürlich zusammengesetzte Abfolge von späten Liedern des Wiener Meisters. Am ehesten könnte man bei den Heine-Liedern einen inneren dramaturgischen Zusammenhalt erkennen.

Schuens dunkel gefärbter Bariton mit fülliger, warmer Tiefe, nahtlos durchgebildet und in allen Lagen samtig und sonor klingend, nimmt den Zuhörer vom ersten Moment an gefangen. Er macht alles richtig, phrasiert wunderbar ab, gibt den Nebensilben genau den Wert, der stimmt, verfügt über einen langen Atem und interpretiert die Lieder mit einer großen emotionalen Kraft, tief im Inneren seines Seins angeschlossen. Seine hervorragende Aussprache macht ein Lesen im Programmheft obsolet. Die souveräne Entwicklung vieler Farben und seine umfangreiche dynamische Bandbreite werden den Liedern mehr als gerecht. Mit seiner Modulationsfähigkeit kann er die schwierigen Seelenzustände des Lyrischen Ichs glaubhaft musikalisch umsetzen. Er beherrscht die große Kunst, auf einem Wort eine ganze Welt zu entwickeln. Sein Piano ist umwerfend. Dabei wirkt es nicht so, als strenge er sich besonders an, hier gilt: Höchste Einfachheit ist höchste Kunst.
Hier fühlt man sich an die ganz großen Vorreiter der Liedkunst erinnert. Wobei man zu Beginn etwas den Eindruck hatte, dass der Sänger manchmal mehr arbeiten musste, dass nicht alles so selbstverständlich kam. Hier schleifte er des Öfteren hoch, fasste die Vokale recht dunkel, nahm den „Silbertönen“ im Ständchen etwas ihren Glanz. Aber auch ein so fantastischer Sänger wie Schuen ist wohl nicht vor den Unbilden des Daseins gefeit, mag es Aufregung oder etwas anderes gewesen sein.
Heide ist dem Sänger nicht nur ein kongenialer Begleiter, sondern setzt eigene interpretatorische Akzente. Hochdifferenziert ist seine Ausdeutung der Schubertschen Lieder, mit großer Intensität und immer sehr eng mit dem Sänger verbunden, begleitet er ihn in den lyrischen und dramatischen Passagen. Darüber hinaus ist es eine Wonne, Heide in den Passagen zwischen den Gesängen zuzuhören und zu sehen, mit welcher Freude er spielt. Losgelöst von jeder Erdenschwere beherrscht er die Tasten seines Instruments.
Danach ist erst einmal atemlose Stille, bevor ein schier nicht enden wollender Applaus losbricht. Das Publikum erwirkt mit Applaus und Trampeln drei Zugaben: Der Musensohn, An den Mond D 259 und Du bist die Ruh. Und selbst dann gibt es kaum ein Ende, die Zuschauer stehen und verabschieden einen Sänger, der mit Anfang 40 die Lieder überragend zu interpretieren weiß, und der der ersten Woche der Schubertiade eine Krone aufsetzt. Man kann sich freuen, was da noch von ihm kommt.
Jutta Schwegler