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Foto © Schubertiade Hohenems

Unbedingter Ausdruck

LIEDERABEND LUKAS LEMCKE
(Franz Schubert, Hugo Wolf, Carl Loewe)

Besuch am
26. April 2025
(Einmalige Aufführung)

 

Schuber­tiade Hohenems, Markus-Sittikus-Saal

In Hohenems beginnt gerade die 50. Schuber­tiade, das weltweit wichtigste Kammer­mu­sik­fes­tival, das sich fast völlig Franz Schubert widmet. Wieder werden die Besucher in Scharen kommen und der inter­na­tio­nalen Spitze der Kammer­musik in den beiden Sälen in Hohenems und, oben in den Bregenzer Bergen, in Schwar­zenberg ihr Gehör schenken. Zunächst 17 Konzerte, Klavier­re­citals, Kammer­kon­zerte und Lieder­abende laden die Besucher in den Markus-Sittikus-Saal in Hohenems, unten in der Rhein­ebene ein, ganz nah an der Schweizer Grenze. Im Juli und Oktober folgen hier weitere. In Schwar­zenberg empfängt man das Publikum im akustisch phäno­me­nalen Angelika-Kauffmann-Saal im Juni und im August. Insgesamt fast 70 Konzerte sind es im Jahr 2025.

Einge­bettet in eine blühende Frühlings­land­schaft, im Hinter­grund die weißen Spitzen des Hochge­birges, zeigt sich Hohenems momentan von seiner besten Seite, nicht nur, was die Musik angeht. Man merkt der Landschaft an, dass die Menschen mit der Natur leben. Satte Wiesen, kleine Holzscheunen in den Niede­rungen am Rhein, Nester mit brütenden Störchen, Milane am Himmel, und die Sonne scheint. Überall laden Biergärten zur Jause ein, und schöne Wander­routen warten darauf, bewältigt zu werden. Ganz in der Nähe, in Dornbirn liegt die Rappen­loch­schlucht, eine Klamm mit vielen Wasser­fällen, deren Steig bis hinauf zum maleri­schen Staufensee führt, über 200 Stufen führen den Weg hinauf und hinunter, bis man oben ist. Und weitere Aktivi­täten sind zu entdecken.

Doch zurück zum Beginn der Schuber­tiade 2025. Den ersten Lieder­abend bestreiten Lukas Lemcke und Helmut Deutsch. Franz Schubert, Hugo Wolf und Carl Loewe stehen auf dem Programm. Ein Newcomer und ein Altmeister werfen sich in ein Programm, das der Stimme Lemckes sehr entge­gen­kommt: Drama­tische Ausbrüche und heftige Emotionen stehen neben einigen eher ruhigeren Liedern. Die beiden haben für den ersten Teil vor der Pause Stücke gewählt, die Geschichten vom Wasser erzählen, es erklingen die Fischer­weise, Auf der Donau, der Schiffer und das ursprünglich für die Basslage kompo­nierte Wie Ulfru fischt nach Johann Mayer­hofers Gedicht, das die Freiheit der Wesen unter dem Wasser­spiegel im Gegensatz zum gefähr­lichen Leben des Menschen auf der Erde zum Thema macht.

Foto © Schuber­tiade Hohenems

Lemcke geht die Lieder sehr direkt mit angenehmem, dunklem Basstimbre an. Dabei bleibt seine Stimme immer variabel, sehr diffe­ren­ziert und immer auf einen inten­siven Ausdruck bedacht, was sich auch deutlich in seiner Körper­sprache wider­spiegelt. Er ist sehr dem Publikum zugewandt, macht in seiner Mimik die verschie­densten Emotionen sichtbar. Seine Stimme zeigt sehr gute Kopfre­so­nanzen und ist auf einem fundierten, wunder­baren Legato aufgebaut, besonders in Liedern wie Der Schiffer zu spüren. Die Aussprache ist sehr gut, viele Farben stehen ihm zur Verfügung, werden nur ab und an durch den Überschwang zugedeckt – manchmal wäre etwas mehr Inner­lichkeit angebracht. Was aber nicht heißen soll, dass der noch sehr junge Bass, der als Kind schon die Schmiede der Regens­burger Domspatzen besuchte, ein Haudrauf im Singen ist. Weit gefehlt! Lemcke empfiehlt sich seinem Publikum als ein neuer Stern am Himmel des Kunst­liedes, der nur noch ein bisschen Zeit braucht, um gänzlich zu reifen. Ein erstes Album mit Liedern ist erschienen, mit einigen an diesem Abend auch vorge­stellten Liedern. Im Bereich der Oper mischt er schon seit 2021 mit: Engage­ments an der Wiener Staatsoper in kleineren Rollen und am Badischen Staats­theater Karlsruhe als Sarastro liegen bereits hinter ihm. Der Wanderer, Sehnsucht, Grenzen der Menschheit und die Gruppe aus dem Tartarus folgen hier an diesem Abend in Hohenems, sehr männlich im Tonfall.

Die Klangwelt Wolfs liegt ihm gut, die drei Lieder nach Gedichten von Michel­angelo Buonarroti lassen die mächtige Stimme sehr drama­tisch zur Geltung kommen. In der Mitte der zwanziger Jahre soll er sich befinden, der junge Sänger – was darf man da noch erwarten, wenn die Karriere so weiter geht!

Loewes Lieder und Balladen fordern intensive Gestaltung, und Lemcke wird dem voll gerecht. So legt er in der letzten Verszeile „das Kind war tot“ einen Schauer über sein Publikum, und hat bei den folgenden Liedern Die nächt­liche Heerschau, Der heilige Franziskus und Der Feind eine gute Möglichkeit, seine warme, satte Tiefe zu präsen­tieren. Sehr gut gelingen ihm ironische Wendungen wie bei „Hättet ihr Flügel, so glaubt‘ ich’s gern“ in Odins Meeresritt.

Was soll man über Helmut Deutsch schreiben? Ein Liedbe­gleiter, der seit den siebziger Jahren bei größtem Erfolg mit fast allen wichtigen Sängern gearbeitet hat, unermüdlich auch heute noch, in seinem 80. Lebensjahr Konzerte gibt und Aufnahmen macht? Vielleicht das: Er setzt sich immer wieder sehr für den Nachwuchs ein, stellt seinem Publikum junge, vielver­spre­chende Sänger vor und begleitet sie auf ihrem Weg in eine hoffentlich große Karriere. Was muss es für junge Sänger bedeuten, mit einem solchen Pianisten auf die Bühne zu gehen: ungeheure Erfahrung, absolute Sicherheit, phäno­me­nales Können und Verläss­lichkeit. Eine Messlatte, die gar nicht höher hängen könnte für die, die nach ihm kommen.

Das begeis­terte Publikum im nicht gut besetzten Markus-Sittikus-Saal im Hohenems wird von den beiden Künstlern durch zwei Zugaben von Loewe belohnt: Prinz Eugen, der edle Ritter von Loewe und Hinkende Jamben, in dem sich Lemcke als rechter Spaßvogel erweist – nicht nur durch seine roten Socken zum schwarzen Anzug.

Jutta Schwegler

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