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Foto © Rupert Larl

Dunkle Gestalten

THE FALL OF THE HOUSE OF USHER
(Philip Glass)

Besuch am
10. November 2018
(Premiere)

 

Tiroler Landes­theater Innsbruck

An Philip Glass scheiden sich die Geister. Für die einen wirkt seine Musik wie Ecstacy für Ohren und Seele. Seine Anhänger huldigen dem Grals­hüter der Minimal Music vorbe­haltlos und verehren den US-Ameri­kaner Jahrgang 1937 ohne Wenn und Aber. Für die anderen ist seine Musik oberflächlich, langweilig und teilweise nervtötend. Gleichwohl sind seine Werke und vor allem seine Opern oft wahre Publikumsmagnete.

Nun hat das Tiroler Landes­theater Innsbruck seine gerade im deutschen Sprachraum viel gespielte, 1988 urauf­ge­führte Kammeroper The Fall of the House of Usher nach der gleich­na­migen Erzählung von Edgar Allen Poe heraus­ge­bracht. Die Premiere ist auch hier ausver­kauft. Genug Glass-Fans also auch in Innsbruck.

Liest man Poes berühmte Erzählung, die den Untergang eines alten Adels­ge­schlechts bis hin zum wirklichen Zerfall des Herren­sitzes beschreibt, wird man von Anfang an in eine unheil­schwangere Atmosphäre getaucht. Der Hausherr Roderick Usher schreibt seinem alten Jugend­freund William einen myste­riösen Brief und bittet ihn zum Besuch auf sein einsam gelegenes Schloss. Der kommt dem Wunsch nach und spürt sofort die unheim­liche Atmosphäre in diesen Gemäuern. Rodericks anämische Schwester Madeline, die zunächst noch mit dem Tode ringt, stirbt und wird in der Famili­en­gruft begraben. Seltsame Dinge geschehen, merkwürdige Geräusche irritieren mehr und mehr den Besucher und schluss­endlich erscheint sogar die Totge­glaubte wieder, die fälsch­li­cher­weise lebendig begraben wurde und sich deshalb an ihrem Bruder tödlich rächt. William flieht noch recht­zeitig, bevor das Herrenhaus während eines heftigen Unwetters mit seinen Bewohnern in sich zusammenfällt.

Poes Erzählung lebt nicht durch die äußere Handlung, sondern vielmehr durch die litera­risch einzig­artige Düsternis des Erzähltons und die geschickte psycho­lo­gische Charak­te­ri­sierung der Figuren und ist auch deswegen zu einer Art Archetyp für Horror­ge­schichten geworden.

Vor Philip Glass hatten sich schon Florent Schmitt und Claude Debussy mit diesem Stoff beschäftigt. Glass gelingt es in seiner ersten narra­tiven Kammeroper mit seiner flächigen und in sich kreisenden Musik, den Zuschauer von Anfang in seinen Bann zu ziehen. Der Grund, dass gerade diese Oper im deutsch­spra­chigen Raum so gerne auf dem Spielplan steht, ist, dass hier Glass und sein Librettist Arthur Yorinks das Grauen der Handlung geschickt in eine überzeu­gende Drama­turgie umzusetzen wussten.

Die Innsbrucker Premiere ist eine doppelte. Zum einen die der Glass-Oper, zum anderen wurden zum ersten Mal die Kammer­spiele innerhalb des erst im Oktober eröff­neten Hauses der Musik neben dem Haupt­ge­bäude des Landes­theaters mit Musik­theater bespielt. Der Spielort ist für etwa 210 Plätze in klassi­scher Guckkasten-Manier ausgelegt und bietet prakti­scher­weise auch einen kleinen Orches­ter­graben für bis zu 20 Musiker. Die nicht allzu große Bühne ist technisch reich ausge­stattet und bietet sogar eine Drehbühne.

Intendant und Regisseur Johannes Reitmeier lässt es sich daher nicht nehmen, die Jungfern­taufe dieser Bühne für den Bereich Musik­theater mit exzel­lenter Perso­nen­führung selbst durch­zu­führen. Und das mit großem Erfolg.

Mit seinem Bühnen­bildner Michael D. Zimmermann, dem Kostüm­bildner Markus Braun­hofer und dem Licht- und Projek­ti­ons­künstler Michael Reinisch hat er gleich alle Register gezogen, um die Vorzüge des neuen Spielorts zu demonstrieren.

Da wird geschickt eine Symbiose herge­stellt zwischen den histo­ri­sie­renden und üppigen Kostümen und der zweck­dien­lichen und liebevoll arran­gierten Bühnen­ele­mente samt Drehbüh­nen­zauber und geisterhaft geführten Prospekten. Das allein wäre schon sehr beein­dru­ckend, doch die Kombi­nation und die virtuose Abstimmung mit den fanta­sie­vollen Projek­tionen ergeben erst die atembe­rau­bende Bühnen­wirkung, die diesen Opern­abend zu einem Ereignis macht. Den Anhängern des ameri­ka­ni­schen Regis­seurs Tim Burtons werden einige Déjà-vus seiner oft gruse­ligen Filme geboten, aber warum auch nicht?

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Dem inzes­tuösen Verhältnis des adligen Geschwis­ter­paars wird zu Beginn der Oper gleich extrem viel Aufmerk­samkeit entge­gen­ge­bracht. Das kann man so machen, muss man aber nicht, zumal in Poes Vorlage dieser Aspekt nur zwischen den Zeilen angedeutet wird. Reitmeier ist wichtig, in seiner Insze­nierung zu zeigen, dass der Inzest von Anfang an das Gift und das Unheil dieses wider­na­tür­lichen Begehrens der Geschwister ist. Dadurch verschenkt er aber die Möglichkeit, diesen Aspekt im Laufe der Oper allmählich erst zu entwickeln.

Selten hat man so eine gelungene Einheit zwischen Bühne, Kostüme, Licht, Projektion und Insze­nierung in einer Oper erlebt. Chapeau!

Glass‘ Oper ist dafür wie geschaffen. Die Befürchtung, dass seine repetitive Musik irgendwann langweilig oder redundant werden könnte, erweist sich hier als unbegründet – im Gegenteil.

Daran haben die vier Sänger­dar­steller und das hier nur zwölf­köpfige Tiroler Sympho­nie­or­chester unter Seokwon Hon erheb­lichen Anteil.

Foto © Rupert Larl

William wird mit markantem Bariton und starker Bühnen­präsenz von Alec Avedissian darge­stellt. Der Tenor Jon Jurgens in der Rolle des verwirrten Hausherren Roderick Usher erinnert mit lockiger Haarpracht äußerlich an den jungen Simon Rattle der 1980-er Jahre und spielt den unglück­se­ligen und körperlich versehrten Adeligen sehr überzeugend. Sein Tenor ist stark und fokus­siert, was manchmal aller­dings dem verwirrten Ausdruck seiner Rollen­ge­staltung entge­gen­läuft. Die einzige Frauen­rolle, die spukhafte, aber gleich­zeitig leiden­schaft­liche Madeline Usher singt die Sopra­nistin Anna-Maria Kalesidis. Philip Glass hat dieser Partie nur Vokalisen zugedacht, was Kalesidis betörend gestaltet.

Eine geniale Idee ist, die beiden Minirollen Diener und Arzt in einer Person zu vereinen. Der verdiente Sänger Dale Albright macht aus der Diener­rolle eine grandiose Verkör­perung der Skurri­lität und des Grauens. Stets gebückt, auf Krücken und mit weißen, langen Haaren ist er trotz der extrem kleinen Gesangs­rolle vielleicht der heimliche Star des Abends.

Der Erste Kapell­meister Seokwon Hon hat im Graben alles im Griff. Das TSOI macht seine Sache recht gut, auch wenn an diesem Abend die Flöte und vor allem das Horn nicht den besten Abend haben. Die Akustik in den Kammer­spielen ist etwas trocken, da hört man wirklich alles …

Fazit: eine gelungene Doppel­pre­miere der Glass-Oper und der neuen Spiel­stätte mit einer tollen Gesamt­leistung und einer ausdrück­lichen Werbung für das Tiroler Landes­theater Innsbruck.

Eins ist sicher: Philip Glass hat an diesem Abend in jeder Hinsicht überzeugt. Und das beweist auch der stürmische Applaus eines begeis­terten Publikums nach der Vorstellung. Auf nach Innsbruck!

Hartmut Rolle

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