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Der Sommer in Bad Ischl lockt nicht nur viele Touristen wegen der malerischen Landschaft und den historischen Bauten der Kaiserzeit ins Salzkammergut, sondern auch wegen des Lehár-Festivals, dem Mekka der österreichischen Operette. Seit 1961 gibt es hier Operettenaufführungen, unter wechselnden Bedingungen und Intendanzen. Bis 2003 waren es die „Operettenfestspiele“ Bad Ischl, und seit 2004, unter der Intendanz von Michael Lakner, gibt es das Lehár-Festival Bad Ischl. Das einstige Kurhaus wurde umgebaut und erweitert und ist heute die Theaterspielstätte des Festivals, das seit 2017 von Thomas Enzinger in der Funktion als Intendant und Geschäftsführer geleitet wird. Der renommierte Schauspieler und Regisseur inszeniert auch selbst und hat in den letzten Jahren großen Anteil an der zunehmenden Popularität des Festivals. Drei Operetten stehen in der Festspielzeit auf dem Programm, davon mindestens eine von Franz Lehár, dessen Name untrennbar mit Bad Ischl verbunden ist. In diesem Jahr ist es die kostbare Rarität Der Sterngucker. Flankiert wird die halb-szenisch gegebene Operette von zwei Klassikern, Carl Millöckers Der Bettelstudent und Paul Abrahams Werk Märchen im Grandhotel, mit dem das Festival auch vor einer Woche eröffnet wurde. Heuer gibt es auch eine Zusatzausstellung über die Librettisten der Operetten, vor allem über Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, die als Juden Opfer des Nationalsozialismus wurden. Während Grünwald in die USA emigrieren konnte, wurde Löhner-Benda auf brutale Weise im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Diese Schicksale sind leider viel zu wenig bekannt, und es ist ein Verdienst des Lehár-Festival, das Schicksal von verfolgten jüdischen Künstlern während des Nationalsozialismus in einer Zeit des wieder aufflammenden Antisemitismus in Europa zu dokumentieren und ihnen eine angemessene und würdige Plattform zu geben.
Carl Millöckers wunderbare Operette Der Bettelstudent wurde am 6. Dezember 1882 im Theater an der Wien uraufgeführt und gehört seitdem zu den erfolgreichsten und beliebtesten Werken des Genres. Das Libretto verfassten gemeinsam Camillo Walzel unter dem Pseudonym F. Zell und Richard Genée. Es basiert auf dem Stück Les Noces de Fernande – Fernandos Hochzeit – von Victorien Sardou. Der Bettelstudent hat eigentlich zwei unabhängige Handlungsstränge, die auf heitere Weise zusammengefügt werden: Revolution und Rache.

Die Handlung spielt in Krakau im Jahr 1704, während der Regierung des Sachsenkönigs August II. Polen ist von Sachsen besetzt und unterdrückt, und natürlich gibt es im Untergrund Rebellen, die den Aufstand gegen die Sachsen planen. Der Gouverneur von Krakau, der sächsische Oberst Ollendorf, hat sich etwas unsittlich der jungen Comtesse Laura genähert und ihr von hinten auf die Schulter geküsst. Laura hat ihm daraufhin ihren Fächer um die Ohren gehauen, was den eitlen und selbstherrlichen Oberst zutiefst gekränkt hat. Daraufhin ersinnt er einen grotesken Racheplan, um sich für die erlittene Demütigung zu rächen. Das ist die Vorgeschichte der Oper. Sie beginnt auf der Zitadelle von Krakau, wo Kerkermeister Enterich ein einträgliches Geschäft für sich daraus gemacht hat, den Gefangenen Besuche ihrer Frauen zu gewähren, Mitbringsel zu konfiszieren und für Geld Freigang zu genehmigen. Einige sächsische Offiziere kündigen Enterich den Besuch des Gouverneurs von Krakau, Oberst Ollendorf, an. Ollendorf ist höchst aufgebracht über das Ereignis am Vorabend. Er war mit der polnischen Gräfin Nowalska und ihren Töchtern Laura und Bronislawa auf einem Ball, wo er Laura aufdringlich den Hof gemacht hat. Als er Laura auf die Schulter geküsst hat, schlug sie ihm dafür mit dem Fächer ins Gesicht. Darüber hinaus hat Ollendorf einen Brief der Gräfin Nowalska abgefangen, in dem sie beteuert, dass sie ihre Tochter niemals mit einem Aufschneider wie Ollendorf – noch dazu ein Bürgerlicher und Sachse – verheiraten würde. Ollendorf sinnt auf Rache, in der Hoffnung, am Ende Laura doch noch zu bekommen. Er verlangt von Enterich die Herausgabe eines polnischen Häftlings. Enterich führt ihm zwei Studenten der Krakauer Universität vor: Der draufgängerische Symon Rymanowicz soll sich als reicher Fürst Wybicki ausgeben, die stolze Laura umgarnen und heiraten. Symons Mithäftling Jan Janicki, der in Wahrheit der polnische Freiheitskämpfer Herzog Adam Kasimir ist, wird als Sekretär dem falschen Fürsten Wybicki beigesellt.
Inmitten des bunten Treibens der Krakauer Frühjahrsmesse befinden sich auch die Gräfin Nowalska sowie Laura und Bronislawa. Die drei adeligen Damen sind derart verarmt, dass sie nichts kaufen, ja, kaum noch ihren Hunger stillen können. Die sächsischen Offiziere kündigen ihnen die Ankunft des sagenhaft reichen Fürsten Wybicki an und wecken sofort das Interesse der Damen. Der vermeintliche Fürst empfiehlt sich ihnen mit einem Loblied auf die Schönheit der polnischen Frauen. Während Bronislawa sich eher für den zurückhaltenden Sekretär interessiert, fängt Laura Feuer für den Fürsten und nimmt umgehend seinen Heiratsantrag an. Laura bereitet sich auf ihre Hochzeit vor. Währenddessen gesteht Jan Bronislawa seine Liebe und bittet sie um ihre Hand. Bronislawa akzeptiert seinen Antrag und ist höchst erfreut, als ihr Jan andeutet, dass er für die Unabhängigkeit Polens kämpft. Während also Bronislawa und Jan schnell übereinkommen, steckt Symon in einem romantischen Schlamassel. Er hat sich wirklich in Laura verliebt und möchte ihr gestehen, dass er in Wahrheit ein armer Student ist. Doch er bringt nur den Mut auf für die Frage, ob sie ihn auch lieben würde, wenn er arm und ein Niemand wäre. Laura beteuert, ihn auch dann zu lieben. Da das jedoch nur die halbe Wahrheit ist, schreibt Symon Laura einen Brief und übergibt ihn an die Gräfin Nowalska. Oberst Ollendorf verhindert, dass Laura den Brief vor der Hochzeit lesen kann. Während Ollendorf seinen Racheplan erfolgreich zu Ende führt, geht er an anderer Stelle selbst in die Falle. Er besticht Jan Janicki, ihm den polnischen Nationalhelden Herzog Adam auszuliefern, der Gerüchten zufolge bei der Hochzeit erscheinen soll. Jan treibt die Summe in die Höhe, um damit seinerseits den Kommandanten der Zitadelle zu bestechen. Nach der Hochzeit von Laura und Symon kommt die Wahrheit ans Licht. Symon ist als Bettelstudent enttarnt, Laura blamiert, Oberst Ollendorf hat seine Rache. Jan tröstet Symon in seinem Liebeskummer und begeistert ihn für die Sache Polens. Er gibt sich ihm als Herzog Adam zu erkennen und stellt ihm Reichtum und einen echten Adelstitel in Aussicht, wenn sich Symon als Herzog Adam ausliefern lässt, damit Jan den Aufstand der Polen gegen die Sachsen zu Ende führen kann. Gesagt, getan: Symon gibt sich bei Ollendorf als Herzog Adam aus. Als die Gräfin Nowalska und Bronislawa Symon zu Gesicht bekommen, schleudern sie ihm zunächst all ihre Verachtung entgegen, werden aber im Nu unterwürfig, als Ollendorf verkündet, er sei der Herzog Adam. Laura kommt hinzu und beteuert ihre Liebe zu Symon, wer immer er auch sei. Kanonendonner verkündet den gelungenen Aufstand der Polen. Jan zieht als Nationalheld ein, die beiden Paare – Symon und Laura, Jan und Bronislawa – sind glücklich vereint, die Sachsen nicht nur brüskiert, sondern entmachtet.
Regisseurin Angela Schweiger, die im letzten Jahr die Lehár-Operette Schön ist die Welt in Bad Ischl liebevoll eingerichtet hat, hat jetzt den Bettelstudenten in das Polen im November 1989 verlegt, wo nach dem Fall der Mauer ebenfalls die friedliche Revolution den Eisernen Vorhang öffnen würde. Symon ist ein langmähniger Rockmusiker, der gerne verbotene westliche Rockmusik von AC/DC hört und spielt, während Jan das Wort „Freiheit“ auf eine Betonplatte sprüht. Laura ist ein Mädchen, dass Symon erst gerade kennengelernt hat und die er zu seinem Konzert eingeladen hat, während Bronislawa gemeinsam mit Jan im Untergrund agiert. Jan wird von Polizisten verhaftet, zuvor hat er Symon noch eine Musikkassette mit einer Operette namens Der Bettelstudent gegeben, die der eher unwillig in seinen Walkman einlegt und anhört. Und jetzt beginnt die Zeitreise von Symon zurück in das Jahr 1704, wo er als Bettelstudent das unglaubliche Abenteuer mit Laura, dem Oberst Ollendorf und mit seinem Freund Jan erlebt, und mit einem gelungenem Jailhouse-Rock erstmal die Damen zur Entzückung bringt. Und aus der scheinbar modernen Fassung wird dann wieder eine ganz klassische Inszenierung. Das schöne und passende Bühnenbild stammt von Markus Olzinger, während die teilweise opulenten Kostüme von Svend Bindseil stammen.
Ollendorfs erster Auftritt mit seiner großen Arie Und da soll man noch galant sein erfolgt im Bademantel und nacktem Oberkörper, im Beisein zweier leicht bekleideter, junger Damen. Wer die Operette näher kennt, dem fällt natürlich auf, dass nicht nur die Dialoge angepasst und teils gänzlich verändert wurden, auch die Liedtexte weisen Änderungen auf, was man vielleicht dramaturgisch begründen mag, aber auch einen starken Eingriff in das Original bedingt. Das muss man nicht zwangsläufig goutieren. So ist vom Original des Couplets von Ollendorf nichts mehr übrig geblieben. Auch in Lauras großer Arie Hell wie Glockenklang ist der zweite Teil mit der langen Koloratur gestrichen. Ob Corinna Koller, die letztes Jahr ein fulminantes Debüt als Kurfürstin in Zellers Vogelhändler gegeben hat, die Koloraturen nicht singen kann, ist die Frage. Von ihrem Rollenprofil ist sie über die Partie der Laura drüber, die einen sehr leichten und hohen Koloratursopran verlangt. Die bekannteste Melodie aus dem Bettelstudent ist sicherlich das Lied des Symon Ich knüpfte manche zarte Bande. Um die Zeitreise des Symon deutlicher darzustellen, darf oder muss Paul Schweinester die zweite Strophe in Englisch singen. Auch das passt nicht zu einer werkgetreuen Aufführung, wie man sie in Bad Ischl eigentlich gewohnt ist.

Zu Beginn des zweiten Aktes ist man wieder in der Neuzeit, es ist der 9. November 1989, man hört den Rundfunk der Volksrepublik Polen, der über den Besuch des deutschen Bundeskanzlers Helmut Kohl in Warschau berichtet. Schnell wechselt die Szenerie in das Domizil der Gräfin Nowalska und ihrer Töchter. Man sieht eine Schampus schlürfende Gräfin in einer Luxus-Badewanne und die Töchter in edler Robe. Das passt natürlich genauso wenig, denn diese Adelsfamilie ist so verarmt, dass sie sich draußen gerade mal Kartoffeln und Wasser leisten können. Auch dass Laura in ihrem Duett Ich setz den Fall mit Symon einen formidablen Striptease hinlegt und mit dem vermeintlichen Fürst Wybicki im Bett landet, mag für die Version von 1989 angehen, wirkt aber in der Szenerie von 1704 doch mehr als überzogen. Dafür darf dann Miriam Portmann als Gräfin Nowalska eine Soloarie singen, die ansonsten, auch auf den meisten Audioeinspielungen, aus gutem Grunde gestrichen ist. Natürlich wird in dieser Inszenierung viel getanzt, vor allem moderne Moves, meist auch ganz nett anzusehen. Die Choreografie stammt von Lukas Ruziczka, der nicht vom klassischen Ballett kommt, sondern mehr von der Musical-Schiene. Am Schluss, nachdem sich scheinbar alles in Wohlgefallen aufgelöst hat, sind wir wieder im November 1989. Symon ist wieder der langmähnige Rockmusiker, der aus seiner Zeitreise mit dem Walkman zurückgekehrt ist. Der Rundfunk meldet den Fall der Berliner Mauer, und an die tristen Wände wird ein Plakat geheftet: „Battle Students“, der Wind of Change hat auch Polen erfasst.
Musikalisch und sängerisch ist die Aufführung sehr gut, mit wenigen Abstrichen. Corinna Koller gibt die Laura mit viel Temperament, in den dramatischen Ausbrüchen klingen die Höhen etwas schrill. Paul Schweinester begeistert mit elegantem Operettentenor und dynamischem Spiel. Der Star des Abends aber ist zweifelsohne der Bassbariton Martin Achrainer, der den eitlen und etwas dümmlichen Oberst Ollendorf stimmlich und spielerisch ideal verkörpert, ein absoluter Genuss. Der junge Bariton Christoph Gerhardus lässt als Jan Janicki aufhorchen, während Loes Cools, die letztes Jahr als Belotte in der Madame Pompadour reüssiert hatte, mit ihrem leichten und leuchtenden Sopran vielleicht sogar die bessere Besetzung für die Rolle der Laura gewesen wäre, und kann als Bronislawa voll überzeugen. Der Schauspieler Walter Sachers ist in der nicht unwichtigen Rolle des Kerkermeisters Enterich eine Fehlbesetzung, da er nicht singen kann, was man aber in der Rolle auch muss. Unter der sächsischen Soldateska des Oberst Ollendorf ragt der Bass Markus Raab als Rittmeister von Henrici heraus.
Markus Burkert am Pult des Franz-Lehár-Orchesters spielt einen flotten Millöcker, bei dem die Gesangsstücke im Vordergrund stehen. Der spielfreudige Chor ist von Matthias Schoberwalter gut eingestimmt. Die Tonabmischung ist suboptimal, die Gesangsstimmen sind im Verhältnis zum Orchester zu laut, zudem gibt es Probleme mit den Mikroports, was immer wieder zu störenden Nebengeräuschen führt.
Dem Publikum gefällt die Zeitreise zwischen 1989 und 1704, zwischen Rache und Revolution, was auch die ständigen, teilweise lauten Kommentierungen dokumentieren. Am Ende gibt es großen Jubel für das gesamte Ensemble. Die Premiere zündet, auch wenn man mit der Inszenierung und ihrer Umsetzung nicht in allen Punkten einverstanden sein mag.
Andreas H. Hölscher