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Foto © Foto Hofer

Wind of Change

DER BETTELSTUDENT
(Carl Millöcker)

Besuch am
13. Juli 2024
(Premiere)

 

Lehár-Festival, Bad Ischl

Der Sommer in Bad Ischl lockt nicht nur viele Touristen wegen der maleri­schen Landschaft und den histo­ri­schen Bauten der Kaiserzeit ins Salzkam­mergut, sondern auch wegen des Lehár-Festivals, dem Mekka der öster­rei­chi­schen Operette. Seit 1961 gibt es hier Operet­ten­auf­füh­rungen, unter wechselnden Bedin­gungen und Inten­danzen. Bis 2003 waren es die „Operet­ten­fest­spiele“ Bad Ischl, und seit 2004, unter der Intendanz von Michael Lakner, gibt es das Lehár-Festival Bad Ischl. Das einstige Kurhaus wurde umgebaut und erweitert und ist heute die Theater­spiel­stätte des Festivals, das seit 2017 von Thomas Enzinger in der Funktion als Intendant und Geschäfts­führer geleitet wird. Der renom­mierte Schau­spieler und Regisseur insze­niert auch selbst und hat in den letzten Jahren großen Anteil an der zuneh­menden Popula­rität des Festivals. Drei Operetten stehen in der Festspielzeit auf dem Programm, davon mindestens eine von Franz Lehár, dessen Name untrennbar mit Bad Ischl verbunden ist. In diesem Jahr ist es die kostbare Rarität Der Stern­gucker. Flankiert wird die halb-szenisch gegebene Operette von zwei Klassikern, Carl Millö­ckers Der Bettel­student und Paul Abrahams Werk Märchen im Grand­hotel, mit dem das Festival auch vor einer Woche eröffnet wurde. Heuer gibt es auch eine Zusatz­aus­stellung über die Libret­tisten der Operetten, vor allem über Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda, die als Juden Opfer des Natio­nal­so­zia­lismus wurden. Während Grünwald in die USA emigrieren konnte, wurde Löhner-Benda auf brutale Weise im Konzen­tra­ti­ons­lager Auschwitz ermordet. Diese Schicksale sind leider viel zu wenig bekannt, und es ist ein Verdienst des Lehár-Festival, das Schicksal von verfolgten jüdischen Künstlern während des Natio­nal­so­zia­lismus in einer Zeit des wieder aufflam­menden Antise­mi­tismus in Europa zu dokumen­tieren und ihnen eine angemessene und würdige Plattform zu geben.

Carl Millö­ckers wunderbare Operette Der Bettel­student wurde am 6. Dezember 1882 im Theater an der Wien urauf­ge­führt und gehört seitdem zu den erfolg­reichsten und belieb­testen Werken des Genres. Das Libretto verfassten gemeinsam Camillo Walzel unter dem Pseudonym F. Zell und Richard Genée. Es basiert auf dem Stück Les Noces de Fernande – Fernandos Hochzeit – von Victorien Sardou. Der Bettel­student hat eigentlich zwei unabhängige Handlungs­stränge, die auf heitere Weise zusam­men­gefügt werden: Revolution und Rache.

Foto © Foto Hofer

Die Handlung spielt in Krakau im Jahr 1704, während der Regierung des Sachsen­königs August II. Polen ist von Sachsen besetzt und unter­drückt, und natürlich gibt es im Unter­grund Rebellen, die den Aufstand gegen die Sachsen planen. Der Gouverneur von Krakau, der sächsische Oberst Ollendorf, hat sich etwas unsittlich der jungen Comtesse Laura genähert und ihr von hinten auf die Schulter geküsst. Laura hat ihm daraufhin ihren Fächer um die Ohren gehauen, was den eitlen und selbst­herr­lichen Oberst zutiefst gekränkt hat. Daraufhin ersinnt er einen grotesken Racheplan, um sich für die erlittene Demütigung zu rächen. Das ist die Vorge­schichte der Oper. Sie beginnt auf der Zitadelle von Krakau, wo Kerker­meister Enterich ein einträg­liches Geschäft für sich daraus gemacht hat, den Gefan­genen Besuche ihrer Frauen zu gewähren, Mitbringsel zu konfis­zieren und für Geld Freigang zu geneh­migen. Einige sächsische Offiziere kündigen Enterich den Besuch des Gouver­neurs von Krakau, Oberst Ollendorf, an. Ollendorf ist höchst aufge­bracht über das Ereignis am Vorabend. Er war mit der polni­schen Gräfin Nowalska und ihren Töchtern Laura und Bronislawa auf einem Ball, wo er Laura aufdringlich den Hof gemacht hat. Als er Laura auf die Schulter geküsst hat, schlug sie ihm dafür mit dem Fächer ins Gesicht. Darüber hinaus hat Ollendorf einen Brief der Gräfin Nowalska abgefangen, in dem sie beteuert, dass sie ihre Tochter niemals mit einem Aufschneider wie Ollendorf – noch dazu ein Bürger­licher und Sachse – verhei­raten würde. Ollendorf sinnt auf Rache, in der Hoffnung, am Ende Laura doch noch zu bekommen. Er verlangt von Enterich die Herausgabe eines polni­schen Häftlings. Enterich führt ihm zwei Studenten der Krakauer Univer­sität vor: Der drauf­gän­ge­rische Symon Rymanowicz soll sich als reicher Fürst Wybicki ausgeben, die stolze Laura umgarnen und heiraten. Symons Mithäftling Jan Janicki, der in Wahrheit der polnische Freiheits­kämpfer Herzog Adam Kasimir ist, wird als Sekretär dem falschen Fürsten Wybicki beigesellt.

Inmitten des bunten Treibens der Krakauer Frühjahrs­messe befinden sich auch die Gräfin Nowalska sowie Laura und Bronislawa. Die drei adeligen Damen sind derart verarmt, dass sie nichts kaufen, ja, kaum noch ihren Hunger stillen können. Die sächsi­schen Offiziere kündigen ihnen die Ankunft des sagenhaft reichen Fürsten Wybicki an und wecken sofort das Interesse der Damen. Der vermeint­liche Fürst empfiehlt sich ihnen mit einem Loblied auf die Schönheit der polni­schen Frauen. Während Bronislawa sich eher für den zurück­hal­tenden Sekretär inter­es­siert, fängt Laura Feuer für den Fürsten und nimmt umgehend seinen Heirats­antrag an. Laura bereitet sich auf ihre Hochzeit vor. Während­dessen gesteht Jan Bronislawa seine Liebe und bittet sie um ihre Hand. Bronislawa akzep­tiert seinen Antrag und ist höchst erfreut, als ihr Jan andeutet, dass er für die Unabhän­gigkeit Polens kämpft. Während also Bronislawa und Jan schnell überein­kommen, steckt Symon in einem roman­ti­schen Schla­massel. Er hat sich wirklich in Laura verliebt und möchte ihr gestehen, dass er in Wahrheit ein armer Student ist. Doch er bringt nur den Mut auf für die Frage, ob sie ihn auch lieben würde, wenn er arm und ein Niemand wäre. Laura beteuert, ihn auch dann zu lieben. Da das jedoch nur die halbe Wahrheit ist, schreibt Symon Laura einen Brief und übergibt ihn an die Gräfin Nowalska. Oberst Ollendorf verhindert, dass Laura den Brief vor der Hochzeit lesen kann. Während Ollendorf seinen Racheplan erfolg­reich zu Ende führt, geht er an anderer Stelle selbst in die Falle. Er besticht Jan Janicki, ihm den polni­schen Natio­nal­helden Herzog Adam auszu­liefern, der Gerüchten zufolge bei der Hochzeit erscheinen soll. Jan treibt die Summe in die Höhe, um damit seiner­seits den Komman­danten der Zitadelle zu bestechen. Nach der Hochzeit von Laura und Symon kommt die Wahrheit ans Licht. Symon ist als Bettel­student enttarnt, Laura blamiert, Oberst Ollendorf hat seine Rache. Jan tröstet Symon in seinem Liebes­kummer und begeistert ihn für die Sache Polens. Er gibt sich ihm als Herzog Adam zu erkennen und stellt ihm Reichtum und einen echten Adels­titel in Aussicht, wenn sich Symon als Herzog Adam ausliefern lässt, damit Jan den Aufstand der Polen gegen die Sachsen zu Ende führen kann. Gesagt, getan: Symon gibt sich bei Ollendorf als Herzog Adam aus. Als die Gräfin Nowalska und Bronislawa Symon zu Gesicht bekommen, schleudern sie ihm zunächst all ihre Verachtung entgegen, werden aber im Nu unter­würfig, als Ollendorf verkündet, er sei der Herzog Adam. Laura kommt hinzu und beteuert ihre Liebe zu Symon, wer immer er auch sei. Kanonen­donner verkündet den gelun­genen Aufstand der Polen. Jan zieht als Natio­nalheld ein, die beiden Paare – Symon und Laura, Jan und Bronislawa – sind glücklich vereint, die Sachsen nicht nur brüskiert, sondern entmachtet.

Regis­seurin Angela Schweiger, die im letzten Jahr die Lehár-Operette Schön ist die Welt in Bad Ischl liebevoll einge­richtet hat, hat jetzt den Bettel­stu­denten in das Polen im November 1989 verlegt, wo nach dem Fall der Mauer ebenfalls die fried­liche Revolution den Eisernen Vorhang öffnen würde. Symon ist ein langmäh­niger Rockmu­siker, der gerne verbotene westliche Rockmusik von AC/​DC hört und spielt, während Jan das Wort „Freiheit“ auf eine Beton­platte sprüht. Laura ist ein Mädchen, dass Symon erst gerade kennen­ge­lernt hat und die er zu seinem Konzert einge­laden hat, während Bronislawa gemeinsam mit Jan im Unter­grund agiert. Jan wird von Polizisten verhaftet, zuvor hat er Symon noch eine Musik­kas­sette mit einer Operette namens Der Bettel­student gegeben, die der eher unwillig in seinen Walkman einlegt und anhört. Und jetzt beginnt die Zeitreise von Symon zurück in das Jahr 1704, wo er als Bettel­student das unglaub­liche Abenteuer mit Laura, dem Oberst Ollendorf und mit seinem Freund Jan erlebt, und mit einem gelun­genem Jailhouse-Rock erstmal die Damen zur Entzü­ckung bringt. Und aus der scheinbar modernen Fassung wird dann wieder eine ganz klassische Insze­nierung. Das schöne und passende Bühnenbild stammt von Markus Olzinger, während die teilweise opulenten Kostüme von Svend Bindseil stammen.

Ollen­dorfs erster Auftritt mit seiner großen Arie Und da soll man noch galant sein erfolgt im Bademantel und nacktem Oberkörper, im Beisein zweier leicht beklei­deter, junger Damen. Wer die Operette näher kennt, dem fällt natürlich auf, dass nicht nur die Dialoge angepasst und teils gänzlich verändert wurden, auch die Liedtexte weisen Änderungen auf, was man vielleicht drama­tur­gisch begründen mag, aber auch einen starken Eingriff in das Original bedingt. Das muss man nicht zwangs­läufig goutieren. So ist vom Original des Couplets von Ollendorf nichts mehr übrig geblieben. Auch in Lauras großer Arie Hell wie Glocken­klang ist der zweite Teil mit der langen Koloratur gestrichen. Ob Corinna Koller, die letztes Jahr ein fulmi­nantes Debüt als Kurfürstin in Zellers Vogel­händler gegeben hat, die Kolora­turen nicht singen kann, ist die Frage. Von ihrem Rollen­profil ist sie über die Partie der Laura drüber, die einen sehr leichten und hohen Kolora­tur­sopran verlangt. Die bekann­teste Melodie aus dem Bettel­student ist sicherlich das Lied des Symon Ich knüpfte manche zarte Bande. Um die Zeitreise des Symon deutlicher darzu­stellen, darf oder muss Paul Schwei­nester die zweite Strophe in Englisch singen. Auch das passt nicht zu einer werkge­treuen Aufführung, wie man sie in Bad Ischl eigentlich gewohnt ist.

Foto © Foto Hofer

Zu Beginn des zweiten Aktes ist man wieder in der Neuzeit, es ist der 9. November 1989, man hört den Rundfunk der Volks­re­publik Polen, der über den Besuch des deutschen Bundes­kanzlers Helmut Kohl in Warschau berichtet. Schnell wechselt die Szenerie in das Domizil der Gräfin Nowalska und ihrer Töchter. Man sieht eine Schampus schlür­fende Gräfin in einer Luxus-Badewanne und die Töchter in edler Robe. Das passt natürlich genauso wenig, denn diese Adels­fa­milie ist so verarmt, dass sie sich draußen gerade mal Kartoffeln und Wasser leisten können. Auch dass Laura in ihrem Duett Ich setz den Fall mit Symon einen formi­dablen Strip­tease hinlegt und mit dem vermeint­lichen Fürst Wybicki im Bett landet, mag für die Version von 1989 angehen, wirkt aber in der Szenerie von 1704 doch mehr als überzogen. Dafür darf dann Miriam Portmann als Gräfin Nowalska eine Soloarie singen, die ansonsten, auch auf den meisten Audio­ein­spie­lungen, aus gutem Grunde gestrichen ist. Natürlich wird in dieser Insze­nierung viel getanzt, vor allem moderne Moves, meist auch ganz nett anzusehen.  Die Choreo­grafie stammt von Lukas Ruziczka, der nicht vom klassi­schen Ballett kommt, sondern mehr von der Musical-Schiene. Am Schluss, nachdem sich scheinbar alles in Wohlge­fallen aufgelöst hat, sind wir wieder im November 1989. Symon ist wieder der langmähnige Rockmu­siker, der aus seiner Zeitreise mit dem Walkman zurück­ge­kehrt ist. Der Rundfunk meldet den Fall der Berliner Mauer, und an die tristen Wände wird ein Plakat geheftet: „Battle Students“, der Wind of Change hat auch Polen erfasst.

Musika­lisch und sänge­risch ist die Aufführung sehr gut, mit wenigen Abstrichen. Corinna Koller gibt die Laura mit viel Tempe­rament, in den drama­ti­schen Ausbrüchen klingen die Höhen etwas schrill. Paul Schwei­nester begeistert mit elegantem Operet­ten­tenor und dynami­schem Spiel. Der Star des Abends aber ist zweifelsohne der Bassba­riton Martin Achrainer, der den eitlen und etwas dümmlichen Oberst Ollendorf stimmlich und spiele­risch ideal verkörpert, ein absoluter Genuss. Der junge Bariton Christoph Gerhardus lässt als Jan Janicki aufhorchen, während Loes Cools, die letztes Jahr als Belotte in der Madame Pompadour reüssiert hatte, mit ihrem leichten und leuch­tenden Sopran vielleicht sogar die bessere Besetzung für die Rolle der Laura gewesen wäre, und kann als Bronislawa voll überzeugen. Der Schau­spieler Walter Sachers ist in der nicht unwich­tigen Rolle des Kerker­meisters Enterich eine Fehlbe­setzung, da er nicht singen kann, was man aber in der Rolle auch muss. Unter der sächsi­schen Solda­teska des Oberst Ollendorf ragt der Bass Markus Raab als Rittmeister von Henrici heraus.

Markus Burkert am Pult  des Franz-Lehár-Orchesters spielt einen flotten Millöcker, bei dem die Gesangs­stücke im Vorder­grund stehen. Der spiel­freudige Chor ist von Matthias Schober­walter gut einge­stimmt. Die Tonab­mi­schung ist subop­timal, die Gesangs­stimmen sind im Verhältnis zum Orchester zu laut, zudem gibt es Probleme mit den Mikro­ports, was immer wieder zu störenden Neben­ge­räu­schen führt.

Dem Publikum gefällt die Zeitreise zwischen 1989 und 1704, zwischen Rache und Revolution, was auch die ständigen, teilweise lauten Kommen­tie­rungen dokumen­tieren. Am Ende gibt es großen Jubel für das gesamte Ensemble. Die Premiere zündet, auch wenn man mit der Insze­nierung und ihrer Umsetzung nicht in allen Punkten einver­standen sein mag.

Andreas H. Hölscher

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