O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © O-Ton

Europa von seiner schönsten Seite

LUSORIENTAL – SOUNDS FROM LISBON
(Diverse Komponisten)

Besuch am
27. August 2022
(Einmalige Aufführung)

 

Nieder­rhein-Musik­fes­tival, Schloss Dyck, Innenhof, Jüchen

Eigentlich ist es vollkommen unver­ständlich, warum nicht die ganze Welt sich am Sonntag­nach­mittag in Konzertsäle oder ausge­fallene Spiel­stätten, die zu Konzert­sälen gemacht werden, zurück­zieht. Es gibt wohl kaum eine Beschäf­tigung, mit der man sich besser auf die kommende Arbeits­woche vorbe­reiten kann, als sich bei musika­li­schen Klängen in ungewöhn­licher Umgebung zu entspannen.

Vom 17. Juni bis zum 22. Oktober findet das Nieder­rhein-Musik­fes­tival statt, das 2005 von der Künst­le­ri­schen Leiterin Anette Maiburg ins Leben gerufen wurde. Neben anderen Spiel­stätten stehen Konzerte im Innenhof von Schloss Dyck in Jüchen im Mittel­punkt. „Ich hole mir die Welt an den Nieder­rhein“ ist das Motto Maiburgs, das die Menschen weit über die Region hinaus seit Jahren anzieht. Viel Südame­ri­ka­ni­sches war da in den vergan­genen Jahren zu hören, aber das schließt nicht aus, dass Maiburg auch Ensembles aus europäi­schen Musik­land­schaften einlädt, wenn sie ihr geeignet erscheinen, das Publikum vom Nieder­rhein und über die Grenzen der Region hinaus zu begeistern.

Foto © O‑Ton

Das Wetter ist an diesem Sonntag­nach­mittag wie hingemalt. Blauer Himmel, die Sonne stürzt förmlich in den Innenhof von Schloss Dyck – der Hinweis des Festi­val­teams, sich mit einer Kopfbe­de­ckung zu schützen, sorgt dafür, dass es hier auch einiges an Sommer­hutmode im Publikum zu gucken gibt – und ein paar malerische Wolken sind an den Himmel gekleckst. Vor der Bühne sind die weißen Stuhl­reihen schon früh fast vollständig besetzt. Im Hinter­grund wird fleißig Wasser ausge­schenkt, um eventu­ellem Flüssig­keits­mangel vorzu­beugen. Vorbildlich.

Einge­laden ist an diesem Sonntag das Ensemble Faya aus Lissabon, das damit den letzten Tag einer Deutschland-Tournee absol­viert, die es unter anderem in die Elbphil­har­monie in Hamburg führte. Faya, so heißt eine mystische Figur, eine Waldelfe oder eine Hexe, je nach Legende, in Ligurien. Die Natur­ver­bun­denheit und der weibliche Klang des Namens gefiel dem Gründungstrio und so entschied es sich dafür. Schon beim Betreten der Bühne versprühen die drei Musike­rinnen anste­ckende gute Laune. Dabei haben sie gerade Entschei­dungen hinter sich, die sicher nicht einfach waren. Gründungs­mit­glied Chiara Pelle­grini entschied noch vor der Tournee, das Ensemble zu verlassen, um in die italie­nische Heimat zurück­zu­kehren. Da stehen natürlich sofort grund­sätz­liche Fragen im Raum. Soll sich das Ensemble auflösen? Elena La Conte und Kristina van de Sand fanden glück­li­cher­weise eine andere Lösung in Gestalt von Mili Vizcaíno aus Spanien, die nun mit auf der Bühne im Innenhof von Schloss Dyck sitzt.

Alle drei leben – zumindest überwiegend – in Lissabon. „Dieser kultu­relle Schmelz­tiegel, in dem sich Völker, Sprachen und Tradi­tionen in immer neuen Kombi­na­tionen begegnen, ist ein Ort der Sehnsucht und der Inspi­ration für Faya – drei musika­lische Reisende, die hier gestrandet sind und sich von der vibrie­renden Musik­szene der Stadt mitreißen lassen“, ist auf dem Programm­zettel zu lesen. Von der Musik, die für Portugal steht, dem Fado, jenem Blues des Südens, halten sie sich aller­dings fern. Aus Respekt vor den Einhei­mi­schen, sagt van de Sand. Dafür liefern sie an diesem Nachmittag ein musika­li­sches Programm unter dem Titel Lusori­ental – was man am ehesten vielleicht mit Licht des Orients übersetzen kann – das an Vielfalt kaum zu überbieten ist. Daglar Gibi, wie Berge, heißt das türkische Volkslied, mit dem die drei den Reigen eröffnen. Elena La Conte spielt nicht nur die Querflöte und singt, sondern kompo­niert auch. Mit Walter Areia hat sie das Lied Navigare gesetzt. Auch Mili Vizcaíno, die zu diesem Nachmittag mit Gesang, Gitarre und Cajon beiträgt, schreibt ihre eigenen Lieder. Desde un son, aus einem Geräusch, eröffnet die Reihe ihrer Lieder, die Bestandteil des Programms sind. Das folgende Stück stammt von Leda Vella­dares und Silvia Eisen­stein, mit dem León Gieco als Interpret bekannt geworden ist: Canto en la rama heißt ich singe auf dem Ast.

Foto © O‑Ton

Wenn die Titel eine gewisse Natur­ver­bun­denheit aufweisen, kommt das nicht von ungefähr. Seit neuestem befasst sich das Trio mit Musik­öko­logie. Das ist eine neue Strömung in den Musik­wis­sen­schaften, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Musik eine Verbindung zwischen den Menschen und der Natur herstellen kann. Glück­li­cher­weise bleiben theore­tische Überle­gungen aber außerhalb des Schlos­sin­nenhofs, und so lernt das Publikum Vizcaínos zweite Leiden­schaft kennen. In dem Lied Imli – eine Verball­hornung ihres Vornamens, mit der sie die Einhei­mi­schen während ihres Indien-Aufent­halts riefen – kommen auch die indischen Einflüsse zur Geltung.

Eigentlich ist es an Kristina van de Sand, die deutsche Moderation zu übernehmen, wenn sie nicht singt oder die Geige virtuos behandelt. Schließlich stammt sie gebürtig aus Mönchen­gladbach. Bei der Ankün­digung der Taran­tella del Gargano, einem italie­ni­schen Volkslied, überrascht aller­dings La Conte mit tadel­losen Deutsch­kennt­nissen. Gutge­launt geht es weiter zu Pirilampos y lucier­nagas, einer Ballade über Leucht­käfer und Glühwürmchen, die Rui Filipe und Vizcaíno geschrieben haben. Bei den darauf­fol­genden Titeln wird die Stimmung im Schlosshof noch ausge­las­sener, geht es doch unter anderem nach Brasilien und die Zuschauer lassen sich gern darauf ein, Texte mitzu­singen und zu ‑klatschen, auch wenn sie reine Lautma­lerei betreiben und kein Wort verstehen.

Zum Schluss erzählt La Conte die Geschichte von Caterina, dem kleinen Mädchen aus dem Piemont. Wie alle Kinder muss sie mit den Eltern aufs Feld, um in der Landwirt­schaft zu helfen. Aber Caterina hat einen Traum, der sich zwischen Reisfeldern und Weinbergen kaum verwirk­lichen lässt. Sie möchte Schnei­derin werden. Gegen alle Wider­stände hat sie sich durch­ge­setzt und den Beruf erlernt, den sie so liebte. Heute ist sie 96 Jahre alt, und ihre Enkelin Elena hat das Lied Caterina sogna, Caterina träumt, über sie geschrieben. Wenn das kein herzer­grei­fender Abschied ist. Wunderbar! Ganz entspannt im Hier und Jetzt geht ein großar­tiger Nachmittag zu Ende, nachdem sich das Publikum lange und ausgiebig bedankt hat. Einmal mehr hat sich Europa von seiner schönsten Seite gezeigt. Gäbe es doch nur mehr solcher Gelegenheiten.

Michael S. Zerban

Teilen Sie O-Ton mit anderen: